Raunächte
In den Nächten zwischen den Jahren herrschen die Geister

Die Nächte um Neujahr waren unseren Vorfahren heilig. Geister mussten gütig gestimmt werden. Sonst waren dem Stall sowie den eigenen Tieren fortan Unglück beschert.

Fränzi Rütti-Saner
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«Sollen bloss aufpassen, die Geister. Wir sind noch viel gefährlicher!» (Symbolbild)

«Sollen bloss aufpassen, die Geister. Wir sind noch viel gefährlicher!» (Symbolbild)

AZ

«In den Raunächten können die Tiere sprechen.» Dieser Aberglaube kommt in alten Geschichten und Legenden immer wieder vor. Doch wer die Tiere beim Sprechen belauscht, der stirbt im kommenden Jahr. Nicht nur sprechende Tiere, auch andere geheimnisvolle Dinge sollen in den Nächten zwischen 21. Dezember (die längste Nacht) und 1. Januar oder – je nach Gegend vom 24. Dezember bis zum 6. Januar – geschehen.

Wie verhext

Das sind die Raunächte, in denen die Naturgesetze ausser Kraft gesetzt sind. Der Name stammt vom Wort «rau» oder «ruuch» und bedeutet behaart oder eben ruuch, wie wir das in Mundart noch kennen. In der Literatur werden diese Nächte auch vom Brauch des Beräucherns des Stalls mit Weihrauch abgeleitet, Rauchnächte. Dies scheint aber eine Herleitung nach der Christianisierung zu sein, auch wenn man mit der Beräucherung das Böse, den Teufel und Gespenster, davon abhalten wollte, über die Ställe Unglück zu bringen oder die Tiere zu «verhexen».

Spuren bis in unsere Zeit

Für einmal sind nämlich die Raunächte tatsächlich heidnischen respektive keltisch-germanischen Ursprungs. In diesen Nächten waren die Grenzen zwischen der Welt der Lebenden und der Toten aufgehoben. Geisteraustreibungen und -beschwörungen wurden durchgeführt und die Zukunft liess sich in diesen Nächten voraussagen. Das Bleigiessen zu Silvester oder auch die vielen Horoskope, die derzeit in den Zeitschriften zu finden sind, haben hier ihren Ursprung.

Um die Geister in diesen Nächten freundlich zu stimmen, galt es, einige Regeln einzuhalten. So musste in früheren Zeiten im Haus Ordnung gemacht werden. Es durfte keine weisse Wäsche an Leinen aufgehängt werden, nicht einmal die Wäscheleinen sollten gespannt sein, damit sich die Geister nicht
darin verfingen. Es durften keine Kartenspiele durchgeführt werden und Kinder, die an den Samstagen in dieser Zeitspanne geboren wurden, besassen hellseherische Fähigkeiten.

Vom Mond- zum Sonnenjahr

Es wird vermutet, dass diese Bräuche ihren Ursprung in der Umstellung des Kalenderjahres vom Mond- zum Sonnenjahr haben. Während nämlich das Mondjahr nur 354 Tage zählt, werden im Sonnenjahr, wie wir das heute kennen, 365 Tage gezählt. Somit finden elf Tage oder 12 Nächte ausserhalb der Zeit, oder, anders ausgedrückt, «zwischen den Jahren» statt.