Neun Stockwerke, über 30 Wohnungen. Das ist das Haus, in dem ich lebe. Aber in dem ich eigentlich niemanden kenne. Ich fahre in dieser Stadt kilometerweit, um Bekannte zu treffen. Aber klopfe nicht an Nachbars Tür. Das ist Grossstadt. Nicht ganz dicht?

Berlin ist dicht – gebaut jedenfalls. 3,5 Mio. Menschen leben auf 892 Quadratkilometern. (Die 266000 Solothurner teilen sich 791 km2). Plattenbau und quasi-Parallelgesellschaften sind die hässliche Seite dieser Lebensweise, lebendige Stadtzentren, kulturelle Vielfalt, Kreativität die schöneren. Start-ups entstehen, es gibt Denkzentren, es gibt Läden und Kleiderstile, die es sonst nirgends gibt.

Egal wie ausgefallen dein Geschmack ist, in Berlin findet noch jeder einen Gleichgesinnten. Die Stadt ist permanent auf Achse. Berliner lieben ihre Bars. Aber eben nicht unbedingt den Nachbarn. Den kennt der Berliner oft nicht. Jeder lebt sein Leben, sucht sich seine Gspänli, weiss oft gar nicht, was in der Stadtpolitik passiert. Es gibt nur wenige Dinge, die Halt bieten. Es ist die Stadtgrenze. Es sind Frau Schnackenburg. Und die Ampel.

Frau Schnackenburg, das ist die einzige Rentnerin in diesem riesigen Haus. Alle kennen sie. Sie ist immer da, wenn der Postmann klingelt. Wer tagsüber ein Paket erwartet, kann dies abends im fünften Stock abholen. In ihrer Wohnung stapeln sich die Kartonkistchen an manchen Tagen bis zu einem Meter. Frau Schnackenburg ist der Anker in der fragmentierten Welt. Sie ist der letzte zwischenmenschlich-analoge Verteilposten in der Welt des anonymen Online-Handels.

Berlin ist die Stadt der Individualisten. Jeder geht seine Wege. Nur die rote Ampel stoppt alle und bringt sie zusammen. Die Ampel ist zum Anschlagplatz und Informationszentrum geworden. So veraltet wie modern. An fast jeder Ampel und an fast jedem Strassenpfosten in Berlin hängen Zettel und Kleber. Hier erfahre ich, was im Quartier läuft. Hier sehe ich Aufrufe zu politischen Petitionen, ich lese Angebote für Yoga- oder Sprachkurse, ich finde Ausgehtipps und Werbung. Und es buhlen Kleber um Aufmerksamkeit, deren Botschaften anderswo nie akzeptiert würden. Ich sehe das Modelabel, das mit Heroinkids Werbung macht.

Junge Mädchen, die minderjährig aussehen und wie Strichopfer geschminkt sind. Und immer wieder gibt es politische Parolen. Rechtsextreme etwa, die sonst keine Plattform kriegen, ihre Botschaften an Ampeln loszuwerden. Irmela Mensah-Schramm sorgt dafür, dass das nicht so bleibt. Die 70-jährige Berlinerin läuft durch die Stadt und entfernt rechtsextreme Kleber, sie übermalt Nazi-Zeichen. Ihre Dokumentation der entfernten Parolen und Graffitis füllt inzwischen ganze Aktenordner.

Eine Ausstellung im Deutschen historischen Museum zeigt derzeit einige der Kleber, die sie abgekratzt hat. Sogar in unsere Sprache hat diese Werbeart Eingang gefunden. Etwas «anzetteln» kommt davon, dass eben Zettel verteilt oder geklebt wurden. Und wenn einer was anzettelt, bleibt ja manchmal auch etwas hängen: Ich weiss beim Blick auf die Ampel oft, in welchem Stadtteil ich bin. Sind Antifa-Kleber drauf, ist es das eher linke Friedrichshain. Im touristischen Berlin-Mitte machen Museen Werbung, um Kunden anzulocken. Die Ampel gibt allen, die dort stehen müssen, die gleiche Information weiter, anders als Facebook & Co, wo jeder vorgefilterte Infos aus seiner Welt erhält. Und so gibt sie etwas Halt. Aber so neu ist nicht, dass dort, wo viele Dichte unterwegs sind, sich einer gern an der Ampel festhält.

Unser Redaktionskollege Lucien Fluri arbeitet während dreier Monate bei der «Berliner Zeitung». Er berichtet hier regelmässig von seinen Eindrücken.