RCT Hydraulic Tooling
In Balsthal klagen Angestellte über schwerwiegende Missstände

Verspätete oder ausstehende Lohnauszahlungen und schlecht oder gar nicht bezahlte Arbeitskräfte aus der Slowakei. Das sind nur zwei Vorwürfe von vielen, die Angestellte der Firma RCT Hydraulic Tooling ihrem Management machen.

Franz Schaible
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Die Kluser Firma RCT Hydraulic Tooling AG steht im Clinch mit Mitarbeitenden und der Gewerkschaft Unia.

Die Kluser Firma RCT Hydraulic Tooling AG steht im Clinch mit Mitarbeitenden und der Gewerkschaft Unia.

Hanspeter Baertschi

Bei der Industriefirma RCT Hydraulic Tooling AG in Balsthal rumort es gewaltig. Mitarbeitende klagen über regelmässig verspätete oder teilweise gar ausstehende Lohnzahlungen, verspätete Auszahlung des 13. Monatslohnes, Verlagerung von Arbeitsplätzen in die Slowakei, schlecht oder gar nicht bezahlte Arbeitskräfte aus der Slowakei usw. Dies jedenfalls kritisiert die Industriegewerkschaft Unia.

«Es herrschen schlimme Zustände bei der RCT», sagt Ivano Marraffino, Leiter der Unia-Sektion Solothurn. Er legt Schreiben von Mitarbeitenden an die RCT-Geschäftsleitung auf den Tisch, worin sich diese über die obigen Zustände beklagen. «Leider ist es eine reale Tatsache, dass die Lohnzahlungen in den vergangenen Monaten immer zu spät eingingen und ich dadurch meinen privaten Zahlungsverpflichtungen immer verspätet nachkam», heisst es beispielsweise.

Kein Lohn, Arbeit verweigert

Andere Mitarbeitende haben offenbar in eingeschriebenen Briefen die ausstehenden Lohnzahlungen mit einer Fristsetzung zur Zahlung angemahnt. Da nichts passiert sei, hätten diese den Arbeitsplatz nicht mehr angetreten. Diese Möglichkeit zum Erhalt des Lohnes ist übrigens im Obligationenrecht ausdrücklich vorgesehen.

Plötzlich sei dann das Geld vorhanden gewesen und den «streikenden» Angestellten seien die ausstehenden Löhne nachbezahlt worden. Einer der «Aufmüpfigen» hat nun die Kündigung erhalten, wie Marraffino mit einer Kopie des Entlassungsschreibens bestätigt. Und der Gekündigte sagt: «Ich habe bis heute weder den November- noch Dezemberlohn erhalten.»

Die Unia habe dann auch festgestellt, dass die damalige Pensionskasse den Vertrag per Ende 2014 mit der RCT wegen «ausstehender Zahlungen» gekündigt hatte. RCT habe sich danach vorerst keiner neuen Pensionskasse angeschlossen, obwohl die monatlichen Beiträge den Mitarbeitenden weiter abgezogen worden seien.

«Erst durch die Intervention der Unia wurde die Firma im November rückwirkend auf Anfang 2015 an eine neue Pensionskasse zwangsangeschlossen», sagt Marraffino. Den Beitritt der Firma bestätigt die Stiftung Auffangvorrichtung BVG in einem Schreiben an die Unia. Die Stiftung ist eine nationale Vorsorgeeinrichtung und fungiert im Auftrag des Bundes als Auffangbecken und Sicherheitsnetz der 2. Säule.

«Wir haben alle Löhne bezahlt»

Obwohl mehrmals angeschrieben, habe die Geschäftsleitung Gespräche mit der Unia verweigert, ärgert sich der Gewerkschafter. Jetzt liege der Ball des Gekündigten beim Rechtsanwalt. Auch hier gebe es bislang keine Resultate.

Accu Holding: Im Visier der Börsenaufsicht

Die RCT Hydraulic Tooling AG ist 2003 durch die Ausgliederung des Geschäftsfeldes «CNC-Bearbeitung von Hydraulikkomponenten der OTK Oberflächentechnik Klus AG» entstanden. Ende 2011 verkaufte der damalige Inhaber das Unternehmen an die Accu Holding AG. Diese hatte Marco Marchetti über seine 1C Industries Zug AG zuvor übernommen. Die Accu (gegründet als Accumulatoren-Fabrik Oerlikon) gab 2009 ihre Batterien-Aktivitäten auf und konzentrierte sich auf das Immobiliengeschäft. Inzwischen hat Marchetti unter dem Namen Accu Holding eine Industrieholding aufgebaut. Neben dem Segment Industriegarne ist der Bereich Oberflächentechnologien angesiedelt, zu welchem auch die RCT gehört. In Balsthal werden nach Firmenangaben hochwertige Komponenten und komplexe Hydraulikaggregate sowie Axialkolbenpumpen gefertigt und bearbeitet. Für 2015 wies die Accu Holding insgesamt einen Umsatz von 156 Millionen Franken aus. RCT selbst erreicht einen Umsatz von 21,5 Millionen Franken (2014). Die an der Schweizer Börse kotierte Firma geriet wiederholt ins Visier der Börsenaufsicht. So wurde Accu im Januar 2015 wegen der verspäteten Einreichung des Geschäftsberichts 2013 mit einer Busse von 20 000 Franken bestraft. Wenige Tage später eröffnete die Schweizer Börse eine Untersuchung wegen möglicher Verletzungen der Kotierungsregularien und im Sommer 2015 eröffnete die Börsenaufsicht erneut eine Untersuchung gegen Accu wegen verspäteter Publikation des Geschäftsberichtes 2014. An der Firmenspitze herrscht ein reger Wechsel. Im April 2015 löste Daniel Brupbacher Marco Marchetti als Verwaltungsratspräsidenten ab. Am 1. Februar 2016 trat Brupbacher «aus privaten Gründen mit sofortiger Wirkung aus dem Accu-Verwaltungsrat» aus, teilte die Firma diese Woche mit. Für die Nachfolge werde «ein ausgewiesener Industrieexperte» gesucht. (fs)

Sie weisen die Vorwürfe zurück. «In den vergangenen vier Jahren haben wir alle Löhne pünktlich bezahlt oder zumindest innerhalb der gesetzlichen Frist», sagt Marchetti. Von «leicht verspätet bezahlten Löhnen» spricht Kratzer. «Es sind aber alle Saläre der ungekündigten Mitarbeiter bezahlt.» Heisst das im Umkehrschluss, die Gekündigten haben den Lohn nicht erhalten? Darauf gab es keine Antwort.

Die hälftige Aufteilung der Zahlung des 13. Monatslohnes 2015 per Mitte Januar und Februar 2016 sei im Voraus kommuniziert und von der Belegschaft akzeptiert worden, so Marchetti weiter. Tatsächlich wurde darüber die Belegschaft Ende November per Aushang informiert. Für Kratzer ist das «eine kleine, nötige Konzession». Denn gerade jeweils im Dezember fahre der grösste Kunde den Betrieb runter, was jeweils zu einem vorübergehenden Liquiditätsengpass führe. «Aber den 13. Monatslohn haben wir seit der Übernahme der RCT immer bezahlt.»

Auch die Vorwürfe über schlecht bezahlte Mitarbeitende aus der Slowakei weist Kratzer zurück. «Diese Mitarbeitenden haben uns inklusive Reise-, Übernachtungs- und Auslandzulagen mehr gekostet als hiesige Angestellte.» Entwarnung in dieser Frage gibt auf Anfrage Daniel Morel, Leiter Arbeitsbedingungen im Amt für Wirtschaft und Arbeit.

«Unsere Kontrolle hat ergeben, dass weder im Bereich flankierende Massnahmen zur Personenfreizügigkeit noch im Bereich Schwarzarbeit Verfehlungen festgestellt wurden.» Der Fall sei eingestellt worden. Die ausländischen Mitarbeitenden hätten sich, so Kratzer, zu Ausbildungszwecken im RCT-Werk befunden. Die Verlagerung eines Teiles der Produktion von Balsthal in die 2014 aufgebaute Tochterfirma RCT Hydraulic Tooling Slovakia sei per Ende November 2015 vollzogen worden.

Die Verlagerung betreffe, so Kratzer, rund 30 Prozent des Produktionsvolumens in Balsthal. Ziel der Verlagerung sei es, in Balsthal ein «Center of Excellence» aufzubauen zur Produktion von hochwertigsten Teilen. In der Slowakei sollen weniger anspruchsvolle Teile gefertigt werden. «So kann die Gewinnschwelle des Produktionsbetriebs in Balsthal deutlich reduziert und die verbleibende Produktion in der Schweiz gesichert werden.»

Verlagert und investiert

Nebst der Verlagerung habe man seit der Übernahme der RCT rund 3,5 Millionen Franken investiert. Der Umsatz mit dem Hauptkunden sei innert vier Jahren um rund 40 Prozent gesunken, hinzu drücke der starke Franken massiv auf die Erträge. Aktuell beschäftige RCT in Balsthal 75 bis 78 Angestellte, beim Kauf der RCT – «wir haben keine kerngesunde Unternehmung übernommen» – seien es 160 Mitarbeitende gewesen. «Wir unternehmen alles, um den Standort zu halten», betont Marchetti. Bislang sei es gelungen, auf Massnahmen wie Verlängerung der Arbeitszeit oder Lohnkürzungen zu verzichten.

Gekündigter betreibt Firma

Das alles hilft dem zuvor erwähnten gekündigten Beschäftigten nichts. «Ich habe seit November keinen Lohn erhalten und bin aber noch bis Ende Februar im Arbeitsverhältnis», sagt er. Bald gehe ihm das Geld definitiv aus, unbezahlte Rechnungen häuften sich und das Betreibungsamt habe sich gemeldet, erzählt er am Telefon hörbar verzweifelt. Inzwischen habe er über den Unia-Anwalt die Firma auf die ausstehende Lohnsumme betrieben. «Das ist ein Skandal sondergleichen», sagt Marraffino.

Der Betroffene werde nun ab Januar durch die Unia-Arbeitslosenkasse entschädigt. «Diese Leistungen werden dann durch die Kasse beim Arbeitgeber rechtlich eingefordert.»

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