«Vielleicht denkt beim schönen Wetter niemand an die Grippe», sagt Gabriela Kissling, Co-Präsidentin der Hausärzte Solothurn (HaSo). Obwohl sich die diesjährige Grippewelle nähert, wurde bisher weniger geimpft als letztes Jahr.

Die solothurnische Bevölkerung kann sich beim Hausarzt und neu auch in Apotheken impfen lassen. «Viele Apotheker fühlen sich im Falle eines allfälligen Impfunfalles nicht genügend ausgerüstet», berichtet Kissling, daher gebe es auch nicht ausgesprochen viele Impfapotheken.

Schwacher Impfdurchlauf

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat auch für dieses Jahr eine Impfempfehlung für die Bevölkerung ausgesprochen. Die Impfung wird sogenannten Risikogruppen empfohlen, sprich: Personen über 65 Jahre, Menschen mit einer chronischen Erkrankung und schwangere Frauen.

Das BAG spricht sich ebenso für eine Impfung des Spital- und Pflegeheimpersonals aus. Eine Empfehlung, die der Solothurner Kantonsarzt Christian Lanz, die Solothurner Spitäler AG (soH) und die Solothurner Hausärzte unterstützen. In der täglichen Arbeit werde anhand dieser Richtlinien beraten und gearbeitet.

Trotz Empfehlungen des BAG und sich nähernder Grippewelle wurde bisher aber weniger geimpft. Gemäss Kissling seien einige letztjährige Impfversagen ein Grund dafür. Will heissen: Geimpfte erkrankten trotzdem.

Wie Rein Jan Piso, Infektiologe und Leiter Fachausschuss Hygiene der soH, berichtet, kann es zu Impfausfällen kommen, aber «die klinische Wirksamkeit der letzten Impfung war trotzdem besser, als man während der Grippewelle dachte.»

Pflegepersonal oft ungeimpft

Betrübt stellt Christian Lanz fest, dass sich viele Mitarbeiter im Gesundheitswesen gegen eine Impfung wenden. Häufig seien die Ärzte geimpft, das Pflegepersonal – ausser in Intensivstationen – tue sich aber teilweise schwer damit. «Viele lehnen die Impfung aus ideologischen Gründen ab», so Lanz. Dies sei gefährlich für die Patienten, die schliesslich im Spital gesund und nicht krank werden wollten, berichtet der Kantonsarzt.

Um das Pflegepersonal für die Wichtigkeit der Grippeimpfung zu sensibilisieren, unternehmen die einzelnen Spitäler verschiedene Kampagnen. Die Solothurner Spitäler AG empfehlen all ihren Mitarbeitenden die Impfung und bieten ihnen diese als kostenlose Dienstleistung an.

Wie Eric Send, Mediensprecher der Solothurner Spitäler AG berichtet, rufen innerhalb der Spitäler Plakate zum Impfen auf, zudem würden die Hygienemassnahmen verstärkt und in sensiblen Bereichen werde teilweise mit Masken gearbeitet. Zu einer Impfung könne jedoch niemand gezwungen werden.

«Medizinisch spricht nichts dagegen»

Das Thema Impfen erhitzt die Gemüter in der Bevölkerung immer wieder. Das stärkste Argument der Impfgegner sei, wie Christian Lanz erklärt, die Befürchtung, dass die Impfung die autonome Stärkung des Immunsystems beeinträchtigen würde. In diesem Zusammenhang berichtet er: «Die Stärkung des Immunsystems hängt von vielen Faktoren ab – wie dem Essen beispielsweise – das Impfen beeinträchtigt dies jedoch nicht.»

Gabriela Kissling meint dazu: «Es ist wie eine Trockenübung.» Das Injizieren eines Impfstoffes bewirke die Antikörperbildung im Immunsystem, das so auf den Ernstfall vorbereitet werde. Die Ärztin erklärt, dass es, medizinisch gesehen, keine relevanten Argumente gegen eine Impfung gebe: Allergische Reaktionen (Nebenwirkungen) träten heute nur noch sehr selten auf, das Immunsystem werde nicht geschwächt und die Wirksamkeit sei eigentlich stets hoch.

Die ganze Impfdiskussion sei ein typisch schweizerisches Phänomen, stellt Gabriela Kissling nüchtern fest: «Impfen oder nicht impfen – das ist hier eine Religion.»