Bewirbt sich jemand beim kantonalen Konkursamt, zeigt Amtschef Martin Schmalz zuerst jeweils zwei bis drei Fotos. «Das muss man aushalten können», sagt der erfahrene Konkursbeamte den Bewerbern. «Es gibt Wohnverhältnisse, von denen man glaubt, dass es sie bei uns nicht gibt.»

Schmalz zeigt Bilder aus Wohnungen, in denen er und seine Leute schon waren. Wohnungen, die man nicht betreten möchte. Vermüllte Zimmer oder Appartements, in denen Personen verstorben und erst später gefunden worden sind. «Wir spüren die gesellschaftliche Veränderung», sagt Schmalz und erzählt von Menschen, die in Altersheimen vereinsamt sind oder von Kindern, die 40 Jahre keinen Kontakt mehr zu den Eltern hatten.

Und diese gesellschaftlichen Veränderungen schlagen sich auch in der Statistik nieder und zwar bei den ausgeschlagenen Erbschaften. Deren Zahl steigt seit Jahren. Immer öfter verzichten Nachkommen auf das Erbe, etwa weil sie fürchten, dass nur Schulden übrig bleiben. 229 Fälle ausgeschlagener Erbschaften zählte das kantonale Konkursamt 2018. Im Vergleich zu allen Erbschaften mag dies ein kleiner Teil sein. Tatsache ist aber ebenso: Seit Jahren steigt die Zahl ausgeschlagener Erbschaften an. 2007 waren es erst 117.

Martin Schmalz hat zuerst einmal eine einfache Erklärung: Die Bevölkerung ist gewachsen, also gibt es auch mehr Konkurse und mehr ausgeschlagene Erbschaften. Er erkennt aber auch gesellschaftliche Trends hinter der Entwicklung: So gibt es ältere Menschen, die sich teure Aufenthalte in Altersheimen nicht leisten können.

Oder es gibt Senioren, die keine Angehörigen mehr haben. «Die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich geändert. Man weiss weniger, was da ist.» Und noch eine gesellschaftliche Veränderung nennt Schmalz: Hätten Erben früher vielleicht auch gewisse Schulden übernommen, etwa der Ehre wegen, sei dies heute weniger der Fall.

Sechs bis neun Monate Arbeit pro Dossier

Für die Erben sei das Ausschlagen ein «Schutz vor sich selbst». Seien die Vermögensverhältnisse unübersichtlich, würden die Erbschaften selten angenommen. Gerade ob eine Liegenschaft teurer oder günstiger verkauft werden kann, habe am Ende meist einen grossen Einfluss auf die Höhe der Erbschaft. Und so schlagen die Erben manchmal auch einfach aus Bequemlichkeit die Erbschaft aus.

Dann muss das Konkursamt das Inventar machen. Bleibt dann am Ende trotzdem noch etwas übrig, erhalten sie es auch noch bei einer ausgeschlagenen Erbschaft. Beim Konkursamt aber fallen sechs bis neun Monate Arbeit an. Allerdings wird nicht jedes Verfahren durchgeführt: Zeichnet sich ab, dass kein Geld vorhanden ist, um die Verfahrenskosten zu decken, stellt das Konkursamt das Verfahren mangels Aktiven ein.

Das kantonale Konkursamt ist ein funktionaler Bau in der Oensinger Industriezone. Autos konkursiter Firmen stehen mit abgeschraubten Kennzeichen vor dem Haus. 21 Angestellte arbeiten hier. Behördenchef Schmalz gehört quasi zum Inventar: Seit 1983 arbeitet er beim Amt. Seit die drei regionalen Konkursämter Olten, Dornach und Solothurn 2007 aufgehoben und in Oensingen zusammengelegt worden sind, ist er der Chef. Die Lage mitten im Kanton sei praktisch, sagt Schmalz. Denn bei praktisch jedem Konkursfall rücken die Angestellten aus, um ein Inventar zu machen – von Grenchen bis Breitenbach.

Im Schnitt dauert ein Konkursverfahren ein Jahr. Alleine die Fristen, beispielsweise beim Schuldenruf, machen einige Monate aus. Konkursverfahren können aber auch Jahre dauern, etwa wenn Prozesse hängig sind oder wenn Aktiven im Ausland sind. So sind in Zusammenhang mit dem Untergang der Erb-Dynastie 2004 noch nicht alle Prozesse entschieden; Erbs Schloss steht noch immer zum Verkauf. Dies hat auch im Kanton Auswirkungen: Beim Solothurner Konkursamt sind deshalb noch Fälle offen.

Fernseher hat ausgedient

Schmalz' grösster Fall war derjenige des Firmenkonglomerats des Oltner Bauunternehmers Albert Heer. Der Schaden belief sich auf dreistellige Millionenbeträge. Es ging Jahre, bis der Fall erledigt war.

Trotz all der Zahlen, sagt Schmalz, müsse man sich bewusst sein: «Es geht immer um Personen. Hinter jedem Fall steckt eine Geschichte.» Dies heisst aber nicht, dass das Konkursamt nachsichtig wäre. Auf dem Internet versteigert es auch Dinge, die keiner gerne hergibt: vom iPhone bis zur Armbanduhr. Allerdings spüren die Konkursbeamten auch hier die gesellschaftlichen Veränderungen: War es früher ergiebig, einen Fernseher zu versteigern, sind neue Geräte heute so günstig, dass sich kaum mehr jemand für alte Apparate interessiert. Für das Konkursverfahren bleibt dann meist nicht mehr viel übrig.