Auf einen Kaffee mit...

Im Wohnwagen ist die Langstreckenläuferin erstmals sesshaft geworden

Marijke Moser rannte den New York Marathon mit einem Magenriss, eine Weltmeisterschaft mit nur einem Schuh, und 1973 heimlich den Murtenlauf – als Frauen dies noch nicht durften.

Nur Zuschauen reicht nicht. Marijke Moser will mitrennen. Das entscheidet sie im Oktober 1973 am Murtenlauf, an dem damals nur Männer teilnehmen dürfen. Als Markus Aebischer läuft die gebürtige Holländerin mit. 100 Meter vor dem Ziel holen die Veranstalter sie aus dem Rennen. In den Jahren 1977 und 1978 wird sie nochmal antreten – als Frauen zugelassen sind – und sich den Sieg zweimal holen.

Heute läuft Marijke Moser nicht mehr. Zumindest nicht an Wettkämpfen. Die 71-Jährige hat sich in einem Bauwagendorf zwischen Solothurn und Bellach niedergelassen und lebt neben rund 20 jüngeren Nachbarn in einem Campingwagen. Hier gab die frühere Spitzenläuferin in letzter Zeit mehrere Interviews. Völlig überraschend, wie sie sagt. Als Idol sehe sie sich gar nicht. Sie habe halt einfach mitrennen wollen. «In Holland gab es keine Rennen, die für Frauen verboten waren. Warum auch?» In Holland lief Moser schon als Kind. Bahnrennen, Sprints, «kurze» 3- Kilometer-Strecken – das war nichts für Moser. Sie war lieber auf langen Strecken unterwegs. «Dafür habe ich gelebt», sagt Moser.

Einen Schweizer Läufer geheiratet

«Wir hatten damals einfach zu viel Energie», erzählt sie. «Wir» – das sind die Geschwister van de Graaf, wie Moser mit Mädchennamen heisst. Die Arztkinder zogen wegen des Berufs des Vaters oft um. Als Marijke Fünf war, wanderte die Familie nach Indonesien aus. Als 12-Jährige kam sie zurück nach Holland. Nach weiteren Umzügen gründeten die Eltern einen Leichtathletikclub mit. Dort rannte auch Marijke mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester mit. «Sie war immer Erste. Ich Zweite», erzählt Moser. Das änderte sich, als sie längere Strecken rannten. «Auf 100 Meter bin ich nicht schnell. Aber lange laufen – das kann ich.» Im Verein lernt Moser als junge Frau den Schweizer Albrecht Moser kennen, der später erfolgreicher Waffen- und Langstreckenläufer wurde. Zu ihm zog die Holländerin in die Schweiz. Dann folgten weitere Umzüge; nach Konolfingen, nach Münchenbuchsee. Irgendwann zog die Läuferin weiter; «auch weg vom Mann.»

Nach der Trennung hat Marijke Moser noch zweimal geheiratet, zweimal liess sie sich wieder scheiden. Die gelernte Arztgehilfin arbeitete als Pferdepflegerin, zog von Job zu Job. Seit 2003 lebt Moser nun auf dem Barackenplatz in Solothurn und liefert dreimal die Woche Pizza aus, um etwas dazu zu verdienen. «So lange war ich noch nie am selben Ort», erzählt sie. In einem Stall hält sie ein Pferd, auf dem Wagenplatz zwei Hunde und drei Katzen. Ihr Sohn wohnt in Mosers Holzhütte neben dem Campingwagen. Ihre Tochter lebt auch im Solothurnischen – bekannt als Langstreckenläuferin.

Wegziehen wird sie nicht noch einmal, sagt Moser. Hier gefalle es ihr – «auf Rädern.» An der Holzhütte hängt eine holländische Flagge. Die Geschwister sind im Heimatland geblieben. «Vor allem meine Schwester vermisse ich», erzählt Moser, streckt ihre Beine, legt die Hände auf ihre Oberschenkel, und starrt auf ihre Schuhspitzen. In diesen Momenten setze sie sich einfach ins Auto, fahre über Wochenende zu Besuch nach Holland, und komme dann wieder zurück. «Die Dinge sind wie sie sind», sagt sie. «Ändern kann man sie sowieso nicht. Ich bin zufrieden hier. Ich bin frei.»

Olympiade, Marathon, WM

Viel unterwegs war Moser auch als Läuferin. Ein Jahr vor ihrer verbotenen Teilnahme am Murtenlauf startete sie an den Olympischen Spielen in München. Zwar startete Moser über 1500 Meter – eigentlich nicht ihre Distanz – es war aber das erste Mal, dass Frauen in dieser Disziplin an einer Olympiade starten durften. Moser schied in den Vorläufen aus. Bis 1975 war sie fünf Mal Schweizermeisterin im Crosslauf. Als eine der besten Läuferinnen des Landes wurde sie auch an internationale Wettkämpfe eingeladen. Verdient habe sie nichts daran, sagt sie. Dafür wurden ihr die Reisen, während derer sie nicht arbeiten konnte, bezahlt. Sie war an einer Crosslauf-WM in Belgien dabei, wurde Siebte, mit nur einem Schuh. In Frankreich lief sie als erste Schweizerin einen Marathon unter 3 Stunden. Es folgten Einladungen nach Schottland, Deutschland, Puerto Rico. Später auch New York. Moser lief den Marathon mit einem Magenriss. Einen Tag später wurde sie operiert. «So sehr habe ich mich nie mehr gequält», sagt sie. Im selben Jahr wurde Moser die erste Marathon-Schweizermeisterin. Es folgten weitere Siege an Crossmeisterschaften und Bergläufen, zunehmend auch auf nun für Frauen erlaubten längeren Strecken. Auch den Weissensteinlauf gewann sie zweimal.

Es sei nicht schlechter oder besser gewesen, sagt Moser achselzuckend. «Damals wurden die besten eines Landes an Rennen in der ganzen Welt eingeladen», sagt sie. «Heute musst du Weltklasse laufen, zur Diamond League gehören.» Früher entschied das Geschlecht, ob man über 3000 Meter antreten durfte – heute laufen auch in der Schweiz Frauen lange Strecken.

Lange Strecken, die Moser am liebsten rennt, vor allem wenn es nicht so heiss ist. So wie jetzt. Derzeit macht der 71-Jährigen aber eine Entzündung an der Ferse zu schaffen. Mit ihren Hunden und dem Pferd geht sie trotzdem mindestens einmal täglich spazieren. Mehrmals die Woche fährt sie mit dem Mountainbike den Jura hoch. Nächstes Jahr wolle sie vielleicht wieder am Murtenlauf mitrennen. Dafür müsse sie aber noch trainieren. Ohne Druck. «Wenn es geht, dann geht’s. Wenn nicht, dann nicht.» Auch dieses Jahr war sie am Rennen in Murten, zusammen mit ihrer Tochter. Als Zuschauerinnen.

Meistgesehen

Artboard 1