2. Weltkrieg
«Im Vertrauen auf den Führer»: So lebten die Nazis im Kanton Solothurn

Bedrohungslagen von aussen treffen die Schweiz nicht erst heute. Vor gut achtzig Jahren musste die Schweiz und auch der Kanton Solothurn mit der Nazi-Ideologie fertig werden.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Die deutsche Kolonie in Solothurn feiert das Erntedankfest im Kleinen Konzertsaal Solothurn am 13. Oktober 1941.

Die deutsche Kolonie in Solothurn feiert das Erntedankfest im Kleinen Konzertsaal Solothurn am 13. Oktober 1941.

Zur Verfügung gestellt

Über das Leben und Treiben der Nationalsozialisten und Faschisten in unserem Kanton vor und während des Zweiten Weltkrieges gibt es im Kanton Solothurn keine eigentlichen Akten der Politischen Polizei mehr. Diese wurden samt und sonders vernichtet. Das stellt German Vogt in seiner Arbeit im Jahrbuch für Solothurnische Geschichte (78. Band, 2005) fest.

Darin hat der Grenchner die Umtriebe der «Nationalsozialisten im Kanton Solothurn» zusammengefasst.

Erhalten geblieben seien aber im Bundesarchiv in Bern diejenigen Akten, welche die Politische Polizei im Auftrag der Bundesanwaltschaft verfasst und nach Bern weitergeleitet hat, schreibt Vogt. All die nachfolgenden Informationen stammen also aus Vogts Darstellung.

Besonders im Zusammenhang mit den heutigen internationalen Bedrohungsszenarien ist es spannend nachzulesen, wie sich die Solothurner und Bundesbehörden gegenüber «unschweizerischen Umtrieben» vor rund achtzig Jahren verhielten. Und wie schnell Schutzmassnahmen und gar Gesetze in Kraft gesetzt wurden.

Im Kanton Solothurn gab es ab 1936 drei NSDAP-Ortsgruppen: in Solothurn, Olten und in Dornach-Arlesheim. Diese waren der Kreisleitung in Bern unterstellt.

Ortsgruppenleiter in Solothurn war der Schauspieler und Tanzlehrer Fritz Osthoff (*1901), ein gebürtiger Bochumer und eine schillernde Figur. Osthoff kam 1925/26 als Operettenbuffo ans Stadttheater Solothurn. Ausgerechnet dorthin, wo sich zwanzig Jahre später, in den Kriegsjahren, viele vertriebene und verfolgte jüdische Schauspieler aufhielten.

1927 gründete Osthoff mit seiner Schweizer Frau eine Tanzschule in Solothurn und kam daraufhin als Vortänzer bei Gala-Veranstaltungen der Nationalsozialisten in Bern in Kontakt mit deren Parteioberen in der Schweiz. So kam er zu seinem neuen Amt, das er ab Ende 1939 vollumfänglich und mit grossem Engagement ausführte. Endlich konnte er damit auch seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage entscheidend verbessern.

In Olten war ein gewisser August Albiez Ortsgruppenleiter. Ein Bauarbeiter und ebenfalls gebürtiger Deutscher. Er leitete die Ortsgruppe Olten mit starker Hand, reiste 1944 freiwillig nach Deutschland aus und wurde durch die Schweizer Behörden in der Folge mit einer Einreisesperre belegt.

Ab 1938 war es für die deutschen Staatsangehörigen von Deutschland aus Pflicht, in einer NSDAP-Ortsgruppe in der Schweiz mit dabei zu sein. Wer sich weigere, stelle sich ausserhalb der deutschen Volksgemeinschaft, wurde gesagt. Deutsche Staatsangehörige stellten daher auch den grössten Teil der Teilnehmer an den nationalsozialistischen Grossveranstaltungen in der Region dar. Doch gab es auch etliche Schweizer, die sich mit dem nationalsozialistischen Gedankengut anfreundeten.

Neben anderen sind zwei Beitrittsgesuche zur Aufnahme in die NSDAP in den Akten zu finden, die bemerkenswert sind. Dasjenige des Pfarrers von Grindel, der zusammen mit seiner Nichte im April 1942 ein Beitrittsgesuch stellte, und jenes des Pfarrers von Bärschwil am 31. August des gleichen Jahres.

1941 waren in Solothurn 178 Deutsche eingetragene Mitglieder der NSDAP. In Olten 1943 waren es 62. Im ganzen Koloniebereich lebten aber rund 500 Deutsche.

Der Bundesrat verwahrte sich bereits 1935 gegen die Druckversuche der Ortsgruppenleitungen gegenüber den deutschen Einwohnern, die nicht kooperieren wollten. Die Deutschen wurden aufgefordert, solche Druckversuche der Polizei zu melden, damit diese Umtriebe unterbunden werden konnten. Tatsache ist, dass die Ortsgruppenleiter von Anfang an für die deutsche Spionage eingespannt wurden. Man ahnte das, und entsprechend argwöhnisch wurden deren Machenschaften von der Schweizer Bevölkerung beobachtet.

Neben den eigentlichen Ortsgruppen gründeten die Nazis noch andere Organisationen in der Schweiz: Die Hitlerjugend HJ, den Bund Deutscher Mädel BDM, die NS-Frauenschaft, die Deutsche Arbeitsfront oder die Sportgruppe, deren Ursprünge in der SA lagen. Getarnt waren die Aktionen der Sportgruppen vielfach als Singkreis.

So ist in einem Abhörprotokoll der Politischen Polizei, welche eine der Sportgruppen ausspionierte, zu lesen: «Nach dem Absingen von drei Liedern wurden die Mitglieder an ihre Aufgabe, die jeder kenne, erinnert und zur Verschwiegenheit ermahnt. Es gelte, sich den Schweizer Behörden stets von der besten Seite zu zeigen. Es sei auszuharren, ‹im Vertrauen auf den Führer, der für baldige Änderung sorgt›.»

Die Behörden sahen also dem nationalsozialistischen Treiben in der Schweiz und auch im Kanton Solothurn nicht untätig zu. Schon 1932 schuf der Bundesrat gesetzliche Grundlagen für eine Überwachung der Nazi-Anhänger. Gleichzeitig wurden die linksextremen Organisationen überwacht. Ab Mitte 1932 war es verboten, eine Nazi-Uniform oder Teile davon zu tragen. Die Bevölkerung half tatkräftig mit, solches Tun zu verhindern, und machte bei der Polizei immer wieder mal Meldung über entsprechende Verfehlungen.

1935 wurde ein Gesetz über die Postkontrolle von verdächtigen Personen erlassen, und 1939 schliesslich die Schaffung der Politischen Polizei, einer «Überwachungsorganisation», beschlossen. Im Kanton Solothurn war diese ab Anfang 1939 aktiv. Sie bestand aus vier Mann. Ihre Aufgabe war das Erstellen von Registern aller Ausländer im Kanton und deren Tätigkeiten, «... um die gefährlichen Elemente im Kriegsfall sicherzustellen», wie es hiess.

Ab Mai 1940 wurden dann gar die sogenannten Ortswehren mit der Sicherstellung «gefährlicher Elemente» betraut. Zudem waren die nazi-freundlichen Schweizer vermehrt der Beobachtung ausgesetzt.

Ab dem 11. Mai 1940 wurden alle Ausländer verpflichtet, ihre Waffen abzugeben. Nachweislich kam ein Deutscher dieser Pflicht nicht nach: Karl Saum aus Oensingen, Mitglied der NSDAP, weigerte sich. Bekannt wurde dies durch die Benachrichtigung der Polizei durch eine Frau Lederer aus Oensingen, Ehefrau eines ebenfalls fanatischen Nazis, die als gebürtige Schweizerin sehr unter der Gesinnung ihres Mannes litt.

Ab 9. Juli 1940 wurden alle politischen Versammlungen der Deutschen bewilligungspflichtig: «Angesichts der militärischen Erfolge des national-sozialistischen Deutschlands fühlten sich einzelne Leiter der deutschen Organisationen bereits als die kommenden Herren ganz Europas. Ihr Auftreten auch in unserem Land war dementsprechend zum Teil – milde gesagt – alles andere als bescheiden», hiess es als Rechtfertigung von behördlicher Seite. Schweizern war der Zutritt zu solchen Veranstaltungen sowieso verboten. Zuwiderhandelnde wurden gebüsst. Ein Polizist führte Eingangskontrollen durch, besuchte die Veranstaltung und verfasste darüber einen Bericht zuhanden der Bundesanwaltschaft.

Am Rossmarktplatz 5 in Solothurn war das sogenannte «Deutsche Heim» untergebracht, wo Ortsgruppenleiter Fritz Osthoff seine «Freunde» zu Sprechstunden empfing. Osthoff verlegte zwar sein Domizil im Herbst 1942 von Solothurn nach Muri BE, doch hielt er wöchentlich «Sprechstunden» im Deutschen Heim ab.

Dabei wurden die Gespräche vom Nebenzimmer aus abwechslungsweise durch die vier Beamten der Politischen Polizei abgehört. Alles wurde notiert, und zuhanden des kantonalen Polizeikommandos wurden Berichte erstellt. Diese wurde an die Bundesanwaltschaft weitergeleitet. Die Polizeibeamten machten für ihre Nachforschungen auch nicht vor nächtlichen Einbrüchen Halt.

2. Teil folgt in der nächsten
«Schweiz am Sonntag»