Das Leben in der Solothurner Altstadt kann ein grosses Abenteuer sein – und dies nicht nur im positiven Sinn. Das erlebte Hans T.*, ein älterer Herr mit gepflegter Erscheinung, am 28. Februar 2009 am eigenen Leib. Es war ein Umzugstag und deshalb stand die Tür seines Mehrfamilienhauses ausnahmsweise weit offen. Jürg P.* betrat das Haus an der Schaalgasse, ohne dort wirklich etwas verloren zu haben. «Als ich ihn am Eindringen in eine Wohnung hindern wollte, versetzte er mir den ersten Faustschlag», sagte Hans T. am Donnerstag vor dem Obergericht.

Verurteilung nicht akzeptiert

Die Situation eskalierte. Ein weiterer Faustschlag ins Gesicht habe eine offene Wunde über der Nase zur Folge gehabt, und er sei benommen ein paar Treppenstufen hinuntergefallen. Dort sei er vom Angeklagten weiter mit Fusstritten traktiert worden, bis ein Zeuge eingegriffen und geholfen habe.

In den Punkten des Hausfriedensbruchs, der Drohung und Beschimpfung kam es in erster Instanz zu einem Freispruch, aber Jürg P. wurde vom Amtsgericht Solothurn-Lebern wegen einfacher Körperverletzung und wegen Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz schuldig gesprochen. Die Strafe: Er muss 20 Tagessätze à 10 Franken und eine Busse von 200 Franken zahlen und schuldet dem Opfer eine Genugtuung von 400 Franken. Aber der Angeklagte akzeptierte die Verurteilung nicht und appellierte an das Solothurner Obergericht, das nun die Körperverletzung und das Drogendelikt neu beurteilen muss.

Der 49-jährige Angeklagte, ein Sozialhilfeempfänger, der seine Drogensucht im staatlichen Methadonprogramm behandeln lässt, begründete sein Eindringen in das fremde Haus mit einer wirren Geschichte. Er beschrieb sich selbst als Opfer: «Als er mich gesehen hatte, rempelte er mich sofort laut schreiend an und stiess mich die Treppe hinunter», sagte der Angeklagte. Dabei habe er sich an seinem linken Arm Verletzungen zugezogen, die eine sechswöchige Stabilisierung mit einer Schiene nötig machten. Unten im Treppenhaus angekommen sei er am Boden liegend von Hans T. weiter getreten worden. Die von Hans T. avisierte Polizei verhaftete den Angeklagten kurz nach dem Vorfall am Landhausquai. Dabei habe er versucht, den Rest der Dormicum-Tabletten wegzuwerfen, von denen er laut Anklage bereits konsumiert hatte. Ein Drogenschnelltest der Polizei zeigte Alkoholkonsum an, fiel aber bei Dormicum negativ aus.

Kritik an Vorverurteilung

Die Verteidigung forderte einen Freispruch. Als Erstes machte sie auf einen Formfehler aufmerksam: Der Strafantrag sei von Hans T. nicht unterschrieben worden. «Das Verfahren muss eingestellt werden, weil es keinen gültigen Strafantrag gibt», sagte der Rechtsanwalt. Zudem sei Jürg P. durch eine einseitig geführte Untersuchung vorverurteilt worden.

Polizei und Staatsanwaltschaft hätten die Aussagen des Privatklägers nie ernsthaft infrage gestellt und auf der anderen Seite den Angeklagten nicht ernst genommen. «Es stimmt, dass mein Mandant manchmal etwas wirres Zeug sagt, aber wir dürfen ihn nicht dafür bestrafen», plädierte der Verteidiger. «Das heisst nämlich noch nicht, dass er die Taten auch begangen hat. Der Vorfall im Treppenhaus wurde nie genügend geklärt, weshalb eine rechtsgültige Verurteilung nicht angebracht ist.» Das Urteil wird voraussichtlich am Montag verkündet.

*Namen von der Redaktion geändert