Obergericht

Im Streit zum Küchenmesser gegriffen: Wollte der Beschuldigte seine Frau töten oder «nur» verletzen?

Der 43-jährige Mann verletzte seine Frau mit einem Küchenmesser. Wollte er sie töten? (Symbolbild)

Der 43-jährige Mann verletzte seine Frau mit einem Küchenmesser. Wollte er sie töten? (Symbolbild)

Ein 43-jähriger Sri-Lanker wurde wegen versuchter schwerer Körperverletzung verurteilt. Er hatte seine Frau mit einem Küchenmesser angegriffen.

Unbestritten ist: Hari N. * hat am 16. September 2014 seiner Frau ins Gesicht geschnitten. An diesem Tag entdeckte er einen Mietvertrag für eine andere Wohnung, den seine Frau unterzeichnet hatte. Offenbar wollte sie ihn verlassen. N. wurde wütend und wollte seine Frau, sobald diese nach Hause kam, zur Rede stellen. Sie aber wendete sich ab. Als sie sich ihre Schuhe auszog, griff der heute 43-jährige Sri-Lanker zum Küchenmesser und schlug seiner Frau damit ins Gesicht. Die Schnittwunde reichte vom rechten Ohr bis über den rechten Augenrandbereich hinaus.

N. wurde deswegen bereits vom Amtsgericht Solothurn-Lebern zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Er bestreitet die Tat zwar nicht. Dennoch legte er Berufung gegen das Urteil ein. So wurde diesen Mittwoch erneut verhandelt. Vor dem Obergericht diskutierten Rechtsanwalt Alexander Kunz und Staatsanwalt Raphael Stüdi über das erstinstanzliche Urteil und weitere Delikte des Beschuldigten. Verteidiger und Kläger stritten sich aber vor allem um eine Frage: Wollte N. seine Frau töten?

Schnitt nicht lebensbedrohlich

«Der Beschuldigte hat seine Frau mit dem grossen Messer zwar verletzt», so Verteidiger Kunz. «Mehr aber nicht.» N. habe nicht zugestochen, seine Frau keine lebensbedrohlichen Verletzungen davon getragen. «Das Ganze verlief relativ glimpflich.»

Staatsanwalt Stüdi sagte zwar, dem Beschuldigten sei anzurechnen, dass er nur einmal zugeschlagen und nach der Tat Hilfe geholt habe. Es sei kein «Vernichtungswillen» vorhanden gewesen, so Stüdi. Der Sri-Lanker habe aber nicht kontrollieren können, wo er seine Frau mit der heftigen Schnittbewegung und dem grossen Messer traf. Schliesslich habe er auch kein Sackmesser verwendet, sondern eine 24 Zentimeter lange Klinge. Somit habe er zumindest in Kauf genommen, dass die Frau durch die Schnittwunde lebensbedrohliche Verletzungen erleide. Im Gegensatz zu der Verteidigung ging die Staatsanwaltschaft deshalb von eventualvorsätzlich versuchter Tötung aus.

Weitere Anklagepunkte

Die Staatsanwaltschaft warf dem Beschuldigten zudem Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch vor. N. habe im Dezember 2013 einen Kollegen zur Wohnung der Mutter von dessen Partnerin begleitet. Dort hätten sie die Tür eingetreten und so die Schliessvorrichtung beschädigt.

Die Verteidigung von N. bestritt die Tat zwar nicht. Dennoch sei sein Mandant von diesen beiden zusätzlichen Tatbeständen freizusprechen, forderte Rechtsanwalt Kunz. Nach dem Vorfall sei nämlich nur Anzeige gegen den Kollegen seines Mandanten eingereicht worden. Erst später, «durch die Aufforderung» der Staatsanwaltschaft, sei auch N. angeklagt worden. Da sei die Frist für einen Strafantrag aber schon abgelaufen gewesen.

Rechtsanwalt Kunz bemängelte weiter auch, wie im ersten Verfahren verhandelt wurde. Damals habe die Staatsanwaltschaft während der Verhandlung von versuchter schwerer Körperverletzung ausgeweitet auf vollendete schwere Körperverletzung – dabei fällt eine Strafe härter aus. Auch habe die erste Instanz habe «willkürlich geurteilt.

«Nur» Körperverletzung

Staatsanwalt Stüdi beschrieb die Tat als «hinterhältig». «Wenn N. nicht zum Ziel kommt, wendet er Gewalt an.» Stüdi forderte eine Verurteilung von 7 Jahren und 6 Monaten für versuchte schwere Körperverletzung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und eventualvorsätzlich versuchter Tötung. Für dieses letzte Delikt würde der Sri-Lanker des Landes verwiesen werden. Verteidiger Kunz hingegen forderte, sein Mandant sei lediglich für eventualvorsätzlich versuchte schwere Körperverletzung zu einer bedingten Haftstrafe von 20 Monaten zu verurteilen.

Der Beschuldigte habe schwere Verletzungen seiner Frau in Kauf genommen – so habe nicht viel gefehlt, und ihr Gesicht wäre durch den Schnitt entstellt gewesen, so Oberrichter Daniel Kiefer. Das Risiko, dass der Messerschlag das Opfer hätte töten können, sei aber nicht so gross gewesen. Das Obergericht verurteilte N. wegen versuchter vorsätzlicher schwerer Körperverletzung zu 36 Monaten Haftstrafe an, 12 davon in unbedingtem Strafvollzug. Der Sri-Lanker wurde auch wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung schuldig gesprochen. Dafür verurteilte ihn das Obergericht zu einer Geldstrafe von 90 Tagesätzen à 30 Franken.

* Name von der Redaktion geändert

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