Nein, wir können unsere Lehrstellen in der Regel mit guten Bewerberinnen und Bewerbern besetzen.» André Scholl mag nicht ins weitverbreitete Jammerlied über Rekrutierungsschwierigkeiten von Lernenden in seiner Branche einstimmen.

Der 36-jährige Metzgermeister führt die vor 100 Jahren gegründete Scholl Fleisch & Feinkost AG in Selzach in vierter Generation. Schon seine Vorgänger hätten aus Tradition immer angehende Metzger und Metzgerinnen - heute läuft der Beruf unter dem Namen Fleischfachmann respektive Fleischfachfrau - ausgebildet. Dies auch im Wissen, dass es zwingend Nachwuchs braucht, damit die Metzgereibetriebe auch überleben können. Es sei gelungen, sich im Bereich Berufsbildung einen guten Namen zu schaffen. Die Lernenden würden in alle Tätigkeiten eingeführt; und zwar nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis. «Bei uns muss kein Lernender drei Jahre lang abwaschen», sagt André Scholl lachend und fügt stolz bei: «Heute heisst es, ja, bei Scholl kann man eine gute Berufslehre machen.»

«Die Ausbildung zur Fleischfachfrau ist sehr abwechslungsreich», bestätigt Magalie Scholl (nicht verwandt mit dem Firmenbesitzer) aus Grenchen. Ihr Ziel sei es immer gewesen, handwerklich zu arbeiten. Sie könne alle Tätigkeiten vom Schlachten bis zur Fleischveredlung erlernen und es mache Spass, mit Lebensmitteln zu arbeiten. Die 18-Jährige ist im zweiten Lehrjahr zur Fleischfachfrau, Fachrichtung Fleischgewinnung, besucht die Berufsschule in Bern - «und hat es noch nie bereut, diese Ausbildung in Angriff genommen zu haben.» Fachrichtung Gewinnung bedeutet auch das Schlachten der Tiere. «Das macht mir keine Mühe, das gehört dazu», erklärt die junge Frau bestimmt.

Töten, Blut und rohes Fleisch

Metzgermeister André Scholl weiss aus eigener Erfahrung und auch als Präsident des Metzgermeisterverbandes des Kantons Solothurn über die vielen Vorurteile gegenüber seinem Berufsstand. Er werde gleichgesetzt mit töten, Blut und rohes Fleisch. Dabei könnten Jugendliche den Beruf erlernen, ohne je ein Tier schlachten zu müssen. Dazu gebe es die Fachrichtungen Fleischverarbeiter und Fleischveredler. Wer aber Fleisch esse, müsse sich damit auseinandersetzen. Der Beruf als Metzger habe auch mit Tieren und Tod zu tun. «So gesehen ist Metzger ein sehr emotionaler Beruf.» Generell finde eine Entfremdung gegenüber der Lebensmittelproduktion statt, beobachtet Scholl. Für viele Jugendliche stamme inzwischen nicht nur die Milch von der Migros, sondern auch das Fleisch.

Bei Dario Maksimovic trifft das definitiv nicht zu. Nach erfolgreichem Abschluss der zweijährigen Lehre als Fleischfachassistent hängt er nun noch die Lehre als Fleischfachmann an. Er weiss also bereits aus längerer Erfahrung, wie das Fleischgewerbe funktioniert. Deshalb sagt er glaubhaft: «Metzger war und ist immer noch mein Wunschberuf.» Wie seine Ausbildungskollegin Magalie Scholl schätzt auch der 21-Jährige aus Oensingen die Vielfalt der Ausbildung zum Fleischgewinner. Und für beide ist heute schon klar: «Nach der Lehre wollen wir uns, wenn möglich, in Richtung Betriebsleiter Fleischwirtschaft weiterbilden.»

Die Gleichsetzung in der Öffentlichkeit des Berufes mit Schlachten mag zwar potenzielle Lernende abschrecken. Für André Scholl dagegen ist gerade die gesamte Wertschöpfung im eigenen Betrieb mit ein Grund, warum er keine Rekrutierungsschwierigkeiten kennt. «Im Kanton Solothurn gibt es nur noch zwei eigenständige Metzgereien, die selber schlachten. Eine davon sind wir.» So könne er die ganze Vielseitigkeit des Berufes anbieten. Und die Fleischgewinnung lasse sich nicht auf das Schlachten reduzieren, es sei mehr damit verbunden. Er kenne alle in der Region ansässigen Produzenten, sprich Bauern, persönlich, wähle die Tiere aus, vom Schwein, Schaf, Kaninchen bis hin zum Grossvieh. «So kann bei uns ein Lernender entlang der ganzen Wertschöpfungskette des Fleisches vom Bauern bis auf den Ladentisch alle Tätigkeiten erlernen.»

«Branche muss sich bewegen»

Scholl schliesst aber die Augen nicht vor den Problemen in der Branche. Jedes Jahr blieben Lehrstellen unbesetzt, die Zahl der meist inhabergeführten Metzgereien nehme wegen fehlender Nachfolgelösungen dramatisch ab. «Das ist ein Teufelskreis.» Deshalb müsse sich die Branche bewegen und alles unternehmen, damit der Beruf in der Öffentlichkeit wieder einen höheren Stellenwert erhalte.

Sein Betrieb macht beispielsweise beim Ferienpass mit, organisiert Führungen für Fachleute der Berufsbildung beim Kanton oder im Rahmen von Projektwochen Besuche ganzer Schulklassen in seiner Metzgerei, um Vorurteile abzubauen. «Die Schülerinnen und Schüler haben ihr eigenes Hackfleisch gemacht. Die anfängliche Skepsis wich der Neugierde und Freude», berichtet André Scholl über seine positiven Erfahrungen. Übrigens sei die Besetzung von Lehrstellen nicht isoliert ein Metzger-Problem. «Grundsätzlich ist jeder Handwerksberuf davon betroffen. Die manuellen Tätigkeiten sind leider unter Jugendlichen nicht mehr stark gefragt.»

Magalie Scholl und Dario Maksimovic machen dagegen andere Erfahrungen. Gibt es im Kollegenkreis über ihre Berufswahl keine dummen oder gar abschätzigen Sprüche? Beide Lernenden lachen, antworten sofort und selbstbewusst: «Nein, die finden das cool.»