Opernpremiere
Im «Land des Lächelns» gibt es nichts zu lächeln

Die Lehàr-Operette «Das Land des Lächelns», die derzeit am Theater Biel Solothurn aufgeführt wird, überzeugte bei der Première in Biel nicht. Das Musikstück wird zur chinesischen Maskerade in einem Wiener Salon.

Silvia Rietz
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Gar nichts zu lächeln gab es in der Premiere von «Das Land des Lächelns» in Biel. Edouard rieben

Gar nichts zu lächeln gab es in der Premiere von «Das Land des Lächelns» in Biel. Edouard rieben

«Immer nur lächeln», singt Thomas Sigwald als Prinz Sou-Chong im ersten Akt und im Finale des Lehár-Klassikers «Das Land des Lächelns», doch den Zuhörenden ist das Lachen bereits viel früher vergangen. Dramaturgische Ungereimtheiten, gestrichene Dialoge und fehlender Tenorschmelz lassen grüssen. Dieser Prinz quält sich nämlich ohne tenorale Kraft, Glanz und Schmelz durch den Abend. Und flüchtet allzu oft ins Falsett: Die Höhe rutscht in die Kopfstimme, wo Mischregister gefragt wäre.

Dabei ist Thomas Sigwald für Ensemblemitglied Valery Tsarev eingesprungen, der mit einer stimmlichen Indisposition kämpft. Nachdem Tsarev schon in «Eugen Onegin» kommentarlos ins zweite Glied verbannt wurde, ist er nun im «Land des Lächelns» erneut zur Zweitbesetzung degradiert.

Verzögerter Höflichkeitsapplaus

Prima Vista ein kluger Entscheid – wenn der Gasttenor den Ersetzten stimmlich auch wirklich übertrifft und nicht so erschreckend ausgesungen klingt wie an der Premiere. Erntet der Tenor-Klassiker «Dein ist mein ganzes Herz» lediglich verzögerten Höflichkeitsapplaus, so sagt dies alles. Auch Rebekka Maeder überzeugte nicht restlos, agierte als kühle Gesellschaftsdame mit Schärfen in der Höhe.

Den stärksten Beifall eroberte sich das bezaubernde Buffopaar Christa Fleischmann als Mi und Fabio de Giacomi als Gustel, (unverständlicherweise ebenfalls als Sekretär und Diener eingesetzt), sowie Yongfan Chen-Hauser als wunderbarer Onkel Tschang.

Sprengstoff ausgeblendet

Lehárs «Land des Lächelns» ist ja ein Stück, das aktuelle Themen von Fremdheit, Emanzipation in der Fremde und den problematischen Dialog der Kulturen thematisiert. Im Libretto von Ludwig Herzer und Fritz Beda-Löhner verliebt sich Lisa, eine Wiener Aristokratin in den exotischen Prinzen Sou-Chong, folgt ihm als Ehefrau nach China. Dort wird ihr Mann als Führer inthronisiert und muss der Sitte entsprechend vier Chinesinnen heiraten. Verehrer Gustel kommt nach China und schmiedet mit Lisa Fluchtpläne. Denn Lisas Liebe ist an der Tradition und den kulturellen Unterschieden gescheitert. Von Plüsch und Kitsch befreit, bietet sich da bester Theaterstoff.

Regisseur Alvaro Schoeck indessen vertraut weder der Story, noch arbeitet er den Konflikt einer binationalen Partnerschaft heraus. Nach seiner Lesart sind alle Protagonisten Wiener und verlassen Wien erst, als für den Krieg mobilgemacht wird. In Schoecks Konzept hegt Lisa einen Chinafimmel, verwandelt ihren Salon in eine chinesische Pagode (mit Käfig-Bett-Allzweck-Würfelkonstrukt von Vazul Matusz), steckt Personal und Gäste in einen von Matusz wenig schmeichelhaft geschneiderten Chinalook. Sou-Chong ist kein Prinz aus China, sondern ein als chinesischer Prinz verkleideter Leutnant.

Die Geschichte zerfällt

Um diesen Ansatz zu verstehen, hätten die Figuren und Handlungsstränge mit Dialogen eingeführt und erklärt werden müssen. Weil Alvaro Schoeck praktisch alle Dialoge strich, zerfällt die Geschichte, entbehrt jeder Logik. Da wirkt die Verleihung der gelben Jacke, das Heimwehlied oder das Duett «Ich bin Dein Herr» wie einem anderen Stück entlehnt und peinlich.

Warum Dramaturgin Merle Fahrholz nicht intervenierte, bleibt ihr Geheimnis. Für jene, die das Stück nicht kennen – und das dürften die meisten Zuschauer gewesen sein – ist die Handlung nur begrenzt nachvollziehbar, für Kundige erst recht nicht. Auch aus dem Orchestergraben (Leitung Moritz Caffier) war wenig Charme und Schmelz zu hören. Diese Produktion trägt nicht zur Renaissance der Operette bei und lässt jedes Lächeln verstummen.

Solothurner Premiere, heute Donnerstag, 20. Dezember, 19.30 Uhr, Stadttheater Solothurn, mit Valery Tsarev und Szabina Schnöller in den Hauptrollen.