Spezielle Förderung
Im Konzept der Regionalen Kleinklasse gibts noch einige Knackpunkte

Im neuen Schuljahr werden neun Kinder aus dem Thal in einer Kleinklasse starten. Durch individuelle Betreuung sollen die Kinder innerhalb des Schuljahres noch in die Regelklasse wechseln. Dieses Ziel wird jedoch noch zu selten erreicht.

Elisabeth Seifert
Drucken
Teilen
Die Regionale Kleinklasse (RKK) für die Region Thal ist in der Primarschule Herbetswil untergebracht. (Archiv)

Die Regionale Kleinklasse (RKK) für die Region Thal ist in der Primarschule Herbetswil untergebracht. (Archiv)

Bruno Kissling

Serie Spezielle Förderung

Viele Schulen im Kanton unterrichten integrativ und unterstützen schwächere Schüler mit den Instrumenten der «Speziellen Förderung». Noch ist allerdings eine Reihe von «Baustellen» zu bewältigen, bis das Projekt die Chance auf allgemeine Akzeptanz hat. Wir beleuchten in einer Artikelfolge solch kritische Punkte – und lassen dabei neben der Bildungsverwaltung Lehrerinnen und Lehrer, Verbandsvertreter sowie Bildungspolitiker zu Wort kommen. Erschienen: «Schulen brauchen klare Führung» (24. 7.); «Was brauchen die Kleinen?» (29.7.). (esf)

Eine Heilpädagogin und ein Heilpädagoge versuchen mit der Unterstützung einer Sozialpädagogin, das Lern- und Sozialverhalten der Kinder zu verbessern, abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse. Das Ziel: Die Schüler wenn immer möglich nach einigen Monaten wieder in die Regelklasse zu integrieren. Zum Förderprogramm gehört das gemeinsame Mittagessen. In der Regel verbringen die Kinder den ganzen Tag in der Schule, von 8 Uhr bis 16.30 Uhr. Die Regionale Kleinklasse wird als Tagesschule geführt. Zurzeit gibt es kantonsweit drei solche Klassen, alle für Kinder im Primarschulalter. Die RKK in Herbetswil, die im Oktober 2012 gestartet ist, besteht am längsten – und ist damit eine Art kantonale «Versuchsstation» für das Projekt «Regionale Kleinklasse». Seit Oktober 2014 gibts eine RKK in Olten, seit kurzem hat in Dornach eine Klasse den Betrieb aufgenommen. Im Februar soll eine RKK in Raum Solothurn-Grenchen eröffnet werden. Geplant sind bis zu zehn Klassen – je zwei an fünf Standorten. Eine Klasse für die Primeler und eine für die Oberstufenschüler.

Die Kinder brauchen mehr Zeit

«Die Eltern und die abgebenden Schulen schätzen das Angebot sehr», sagt Barbara Schauwecker. Sie ist Leiterin des Heilpädagogischen Schulzentrums (HPSZ) in Balsthal. Seit der Kantonalisierung des Sonderschulbereichs und auch der Regionalen Kleinklassen hat sie neben den kantonalen Stellen die Aufsicht inne für die RKK in Herbetswil. «Der Bedarf ist vorhanden», betont Barbara Schauwecker. «Die abgebenden Schulen werden entlastet, die Schüler machen Fortschritte, fassen Mut und Selbstvertrauen.» Sehr bewährt habe sich die Regionale Kleinklasse gerade auch für die genaue Abklärung, welche weitere Massnahmen für die Schüler geeignet sind.

Die bereits mehrjährige Erfahrung mit der RKK in Herbetswil zeige, so Schauwecker, aber auch die «Knackpunkte» des heutigen Konzepts auf. Insbesondere müsse die Zusammensetzung der Schülerschaft noch besser berücksichtigt werden. Die Zielgruppe sind Kinder mit «massiven Verhaltensauffälligkeiten». Nach Möglichkeit sollen diese – ganz im Sinn der Speziellen Förderung – aufgrund der individuellen Massnahmen in der RKK nach drei bis neun Monaten wieder in die Regelklassen zurückkehren können. Dies aber sei wenig realistisch, beobachtet die Leiterin des HPSZ in Balsthal. Von den bisher 17 Schülern in der Regionalen Kleinklasse konnte gerade knapp ein Drittel wieder in die Regelschule integriert werden. Auch diese Kinder waren aber im Durchschnitt rund ein Jahr in der RKK. «Die vorgesehene Aufenthaltsdauer von drei bis neun Monaten ist zu kurz», so ihre Schlussfolgerung.

Hinzu kommt, dass sich bei einem grösseren Teil der Kinder herausstellt, dass eine Rückkehr in die Regelklasse – zumindest vorderhand – unmöglich ist. Von den aktuell neun Schülern der RKK in Herbetswil haben acht eine Tagessonderschulverfügung für ein bis drei Jahre. Diese Kinder müssten eigentlich eine Tagessonderschule besuchen. Schauwecker: «Aus unserer Sicht macht eine Trennung von Kindern mit und ohne einer solchen Verfügung wenig Sinn.» Nicht zuletzt aus organisatorischer Sicht. Sieht man von einer Trennung ab, können zudem auch die ganz Kleinen, die Erst- und Zweitklässler, in eine Regionale Kleinklasse aufgenommen werden. Für diese nämlich ist es kaum zumutbar, schon nach wenigen Monaten wieder in ein anderes Umfeld verpflanzt zu werden. Entgegen dem ursprünglichen Konzept besuchen in Herbetswil Schüler von der ersten bis zur sechsten Klasse die RKK – und nicht nur die Dritt- bis Sechstklässler.

Selbst wenn eine Reintegration grundsätzlich möglich ist, bedeute dies eine grosse Herausforderung. «Ein solcher Schüler wird schnell abgestempelt.» Schwierig wird es aber vor allem dann, wenn sich das familiäre und schulische Umfeld nicht verändert hat. Barbara Schauwecker: «Mit den Eltern wird beim Eintritt in die RKK in jedem Fall ein Kooperationsvertrag erstellt.» Für eine erfolgreiche Reintegration müsse auch die Schulen Anpassungen vornehmen.

Die Abläufe vereinfachen

Im Volksschulamt werden die Erfahrungen in Herbetswil mit Blick auf mögliche Anpassungen des RKK-Konzepts aufmerksam verfolgt. Für Amtschef Andreas Walter steht dabei fest: Auch wenn eine Reihe von Kindern eine Tagessonderschulverfügung hat, werde die Idee der RKK nicht grundsätzlich infrage gestellt. «Die Regionale Kleinklasse übernimmt eine wichtige Funktion als Beobachtungsstation.» Gerade am Standort in Herbetswil und neu jetzt auch in Dornach mache es durchaus Sinn, dass Kinder mit und ohne einer solchen Verfügung gemeinsam in der RKK gefördert werden. Im Unterschied zu Olten und auch zur Region Solothurn-Grenchen fehlen dort spezifische Tagessonderschuleinrichtungen.

Verbesserungspotenzial sieht Andreas Walter namentlich bei den Abläufen. Derzeit dauert es verhältnismässig lange, bis ein Kind in eine Regionale Kleinklasse aufgenommen wird. «Wir wollen künftig die Triage-Funktion des Schulpsychologischen Dienstes noch besser nutzen.»