Sans-Papiers
Im Kanton Solothurn leben Tausende ohne Aufenthaltsbewilligung

Es dürfte sie eigentlich gar nicht geben - und doch hat es Tausende von ihnen in der Schweiz: die Sans-Papiers. Ohne Aufenthaltsbewilligung leben sie illegal hier. Viele arbeiten auch noch schwarz und werden dabei ausgebeutet und schlecht bezahlt.

Christof Ramser
Merken
Drucken
Teilen
Sans-Papiers verrichten meist niedrig qualifizierte Arbeit für wenig Lohn. Symbolbild

Sans-Papiers verrichten meist niedrig qualifizierte Arbeit für wenig Lohn. Symbolbild

Hanspeter Baertschi

Als Valentin* vor über 25 Jahren in die Schweiz kam, war die Welt eine andere. In Südosteuropa gab es noch den sozialistischen Staat Jugoslawien. Dort rekrutierten viele Schweizer Firmen temporäre Angestellte. Mit dem sogenannten Saisonnier-Statut wurden billige Arbeitskräfte geholt, die auf dem Bau, bei Bauern oder im Gastgewerbe gebraucht wurden. 6 Millionen Bewilligungen wurden allein zwischen 1945 und 2002 für Saisonniers erteilt. Einer von ihnen war der Handwerker Valentin. Er stammt aus dem heutigen Kosovo. Bei einer Baufirma fand er einen Job. Als das Saisonnierstatut 1991 für Personen ausserhalb der EU aufgehoben wurde, beantragte sein Arbeitgeber vergeblich eine Aufenthaltsbewilligung. Im Gegensatz zu anderen ehemaligen Saisonniers blieb Valentin hier. Seitdem lebte er ohne gültigen Aufenthaltsausweis in der Schweiz als Sans-Papiers.

Valentin ist einer der Fälle, den die Juristin Seraina Berner von Heks Aargau/Solothurn im Rahmen des Projekts Spagat betreut. Das Hilfswerk der evangelischen Kirchen kümmert sich um die Integration sozial benachteiligter Menschen, auch in unserer Region. Heks führt im Kanton Solothurn eine Anlaufstelle für Sans-Papiers. Vermutlich leben mehrere tausend Personen ohne gültigen Aufenthaltstitel im Kanton Solothurn. Weil sie sich nirgends angemeldet haben und nicht registriert sind, sind Zählungen allerdings schwierig. Öffentlich wahrgenommen werden Sans-Papiers kaum. «Die Leute leben extrem zurückgezogen, aus Angst davor, entdeckt zu werden», sagt Berner. Sie weiss aber: «Es gibt mehr Sans-Papiers, als wir meinen.»

Trotz des unfreiwilligen Versteckspiels: Rund 90 Prozent der Schriftenlosen sind ins Erwerbsleben integriert, vielfach verrichten sie niedrig qualifizierte Arbeit. Frauen arbeiten oft in Privathaushalten, wo sie Senioren und Kinder pflegen und betreuen. Männer sind häufig, saisonal bedingt, in der Landwirtschaft tätig. Oder in der Baubranche, wie Valentin.

Angst bei jeder Autofahrt

Valentin führte sein Leben als Saisonnier auch ohne Aufenthaltsbewilligung weiter. Zurück im Kosovo, warteten seine Frau und die Kinder. Regelmässig reiste er in die alte Heimat, um sie zu besuchen. Hin und wieder geriet er in Polizeikontrollen und musste die Schweiz verlassen. Doch er kam wieder, wechselte mehrmals die Arbeitsstelle, immer in der Furcht, entdeckt zu werden. Die Angst fuhr bei jeder Autofahrt mit.

Unrechtmässig in der Schweiz

Wer ohne gültigen Aufenthaltstitel in einem Land lebt, wird Sans-Papiers genannt. In der Regel verfügen diese Menschen zwar über einen Identitätsausweis wie einen Reisepass, leben aber ohne geregelten Aufenthalt, also unrechtmässig in einem Land. Weil sie nicht behördlich erfasst und registriert sind, ist unklar, wie viele Sans-Papiers in der Schweiz leben. Die Schätzungen liegen zwischen 70 000 und 300 000 Personen. Gemäss dem Hilfswerk Heks sind es im Kanton Solothurn einige tausend Personen. Darunter sind Touristen, die einst mit oder ohne Visum eingereist sind, oder abgewiesene Asylbewerber. Viele haben ihren einst legalen Aufenthaltsstatus verloren und sind hiergeblieben. Die meisten arbeiten, manche haben Familie. (crs)

Als er genug davon hatte, wandte er sich an Heks. Er reichte ein Härtefallgesuch ein, um eine Aufenthaltsbewilligung zu erwirken. «Der Mann geht langsam auf die Pensionierung zu. Er wollte diese Unsicherheiten nicht mehr», sagt Seraina Berner. Für das Gesuch musste Valentin seine Identität komplett offenlegen und Referenzen einholen. Es zeigte sich: Der Bauarbeiter ist gut integriert und spricht gut Deutsch, er respektiert die Rechtsordnung, seine Chancen für eine Wiedereingliederung im Heimatland stehen nicht gut. «Es ist eine hilfsbereite und korrekte Person, die eine Bereicherung für die Schweiz ist», so Berner. Straffällig wurde er allerdings, weil er als Sans-Papiers durch seinen illegalen Aufenthalt ausländerrechtliche Bestimmungen verletzt hatte. Ansonsten habe er keine Strafbestimmungen verletzt. Nach einer Prüfung erhielt der Kosovare erstmals die ersehnte B-Bewilligung und damit das Recht auf Jahresaufenthalt und Familiennachzug.

Mehr Härtefallgesuche

Wie Recherchen dieser Zeitung zeigen, nehmen Härtefallgesuche im Kanton Solothurn zu. Im letzten Jahr gingen 98 Gesuche ein. 54 Gesuche wurden 2014 abgelehnt, in 70 Fällen wurde eine Aufenthaltsbewilligung B erteilt. «Die Gesuche stammen vor allem aus dem Asylbereich», sagt Peter Hayoz, Chef im Solothurner Migrationsamt. Darunter sind Asylsuchende mit Ausweis N, vorläufig aufgenommene Ausländer und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge mit Ausweis F. Wer ein Gesuch einreicht, muss mindestens fünf Jahre ununterbrochen in der Schweiz leben, braucht einen Pass oder eine Identitätskarte und muss seit mindestens 12 Monaten erwerbstätig sein. Wichtig sind weiter der Leumund, die Schuldensituation und gute Deutschkenntnisse. Zudem darf die Person nicht von der Fürsorge abhängig sein. «Der Entscheid bei Härtefallgesuchen liegt in der Kompetenz des Staatssekretariats für Migration», so Hayoz. Das Migrationsamt leitet nach einer positiven Beurteilung entsprechende Anträge zur Entscheidung an das SEM weiter.

Chef musste antraben

Dass das Härtefallgesuch kein Spaziergang ist, erfuhr auch der Arbeitgeber von Valentin: Er musste sich vor den Behörden verantworten, weil er einen Sans-Papiers beschäftigt hatte. Weil ihm sein Angestellter viele gute Dienste erwiesen hat, nahm der Chef die Mühen auf sich. Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftenlosen wurde Valentin nie ausgebeutet: Der Boss hatte immer einen branchenüblichen Lohn bezahlt. Zudem bezahlte er Abgaben für Sozialversicherungen und Pensionskasse.

Gemäss Heks ist der Kündigungsschutz für Sans-Papiers oft minim. Viele schuften für wenig Lohn. Sozial breit abgesichert sind die wenigsten. Und selbst wenn alle Menschen in der Schweiz, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus, das Recht auf medizinische Grundversorgung hätten; über eine Krankenversicherung verfügen längst nicht alle. Und: Wenn Sans-Papiers Kinder kriegen oder heiraten wollen, fangen die Probleme oftmals erst an.

Name von der Redaktion geändert