Solothurn
Im Kanton leben 32 Asylsuchende unter 18 Jahren - ohne ihre Familie

Das Phänomen macht betroffen: 32 Asylsuchende zwischen 12 und 18 leben allein im Kanton. Sie sind ohne Eltern oder Geschwister hierher angekommen. Der Grossteil davon wohnt im Asyl-Durchgangszentrum in Selzach.

Lucien Fluri
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Fussball funktioniert ohne Sprache: Rund 50 Juniorinnen und Junioren trainierten am Donnerstag mit unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden im Brühl.

Fussball funktioniert ohne Sprache: Rund 50 Juniorinnen und Junioren trainierten am Donnerstag mit unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden im Brühl.

Felix Gerber

Sie sind alleine. Ganz alleine. Sie sind hier fremd. Asylsuchende Kinder, die Hunderte Kilometer Weg hinter sich haben. Im Kanton leben sie ohne Eltern oder Geschwister meist im Asyl-Durchgangszentrum. Sie haben Namen, aber im Fachjargon nennt man sie nur UMA, «unbegleitete minderjährige Asylsuchende». 32 leben derzeit im Kanton Solothurn. 12 Jahre alt ist der Jüngste.

Was für Geschichten hinter den jungen Gesichtern stecken, ob sie auf Booten im Mittelmeer waren, das weiss David Kummer vom Amt für Soziale Sicherheit meist nicht. Kummer ist verantwortlich dafür, dass die jungen Asylsuchenden eine Unterkunft haben. Basel, Zürich oder die Waadt haben spezielle Wohnheime. Diese gibt es im Kanton Solothurn nicht. 20 der 32 minderjährigen Asylsuchenden wohnen im Asyl-Durchgangszentrum in Selzach. Wer bald 18 ist, wird auch schon mal in normalen Asylunterkünften untergebracht. 12 leben in Unterkünften in Gemeinden, in Wohngemeinschaften oder in Pflegefamilien. «Wir schauen, ob sie vielleicht einen Onkel oder eine Tante in der Schweiz haben», sagt Kummer. «Je jünger ein UMA ist, umso eher braucht es einen familiären Rahmen.»

Spezielles Programm, spezielle Klasse

Eine spezielle Betreuung ist so oder so vorgesehen, auch aufgrund traumatischer Erlebnisse. In Selzach gibt es für sie ein spezielles Programm. An vier Halbtagen besuchen die UMA in Solothurn eine eigens eingerichtete Klasse, in der sie auch Deutsch lernen. Im Durchgangszentrum haben sie eine Vertrauensperson, die ihnen zur Seite gestellt wird. Sobald sie in die Gemeinden kommen, wird der Kinder- und Erwachsenenschutz eingeschaltet.

Integration hat hohen Stellenwert

Noch nicht 15 Jahre alt ist eines von fünf Mädchen im Kanton. Seine Eltern hat es bei der Flucht in Algerien verloren. Es ist aus Eritrea, wie die meisten der UMA: 22 der insgesamt 32 Kinder und Jugendlichen stammen aus dem ostafrikanischen Land – wie das auch bei den erwachsenen Asylsuchenden der Fall ist. Und wie bei diesen hat auch die Zahl der unbegleiteten jugendlichen Asylsuchenden stark zugenommen. 2009 zählte der Kanton 11 UMA, heute sind es fast dreimal so viele. Vier stammen aus Afghanistan, zwei aus Somalia.

«Im Schnitt sind sie 16 oder 17 Jahre alt», sagt David Kummer. «Speziell ist sicher: Sie bleiben in der Regel hier, bis sie volljährig sind», so Kummer. «Beruf und Integration haben in den ersten Monaten einen höheren Stellenwert als bei erwachsenen Asylsuchenden.» Die Asylgesuche Minderjähriger werden prioritär behandelt. Ausschaffungen oder Abschiebungen ins Schengen-Erstaufnahmeland sind grundsätzlich auch bei Minderjährigen nicht ausgeschlossen. Derzeit allerdings stammen die meisten aus Eritrea. Sie können aufgrund der Lage im Heimatland in der Schweiz bleiben.

Fussballpässe verbinden Nationen

Dawit* keucht. Ausser Atem steht der junge Eritreer am Rand des Fussballfeldes im mittleren Brühl. «Sehr toll ist das», sagt er. Es ist Donnerstagabend und für rund 20 unbegleitete minderjährige Asylsuchende ist das ein spezieller Abend: Sie trainieren gemeinsam mit rund 30 Juniorinnen und Junioren Fussball auf dem mittleren Brühl. Das Spiel ist Teil der Aktionswoche «SO gegen Rassismus». – Initiiert vom Amt für soziale Sicherheit haben diese Woche mehrere Institutionen, Vereine und Organisationen Projekte organisiert.

Acht Monate lang ist Dawit schon in der Schweiz, er lebt in Selzach und besucht die spezielle Asylklasse in Solothurn. Sein Deutsch ist hervorragend. «Radfahren habe ich noch lieber als Fussball», sagt er und rennt wieder zurück aufs Spielfeld.

An der Seitenlinie steht nun Roger Buchmüller, der das Training organisiert hat – er ist nicht nur Trainer beim Team Brühl, sondern in seinem Hauptjob im kantonalen Amt für soziale Sicherheit auch Vertrauensperson für die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden.

«One, two, three, four»: Schnell sind die Gruppen im mittleren Brühl eingeteilt. Deutsch braucht es fürs Training nicht wirklich. Die Pässe gehen hin und her, Kopfbälle fliegen. Fussball funktioniert ohne Sprache. Nur noch grelle, neonfarbene Turnschuhe weisen auf die Profis hin.

Die Idee fürs Training sei spontan entstanden, sagt Roger Buchmüller. «Die Trainer-Kolleginnen und -Kollegen wie auch die Junioren fanden die Idee toll. Mit dem Training möchten wir Rassismus und Diskriminierung die rote Karte zeigen.» Und: «Das Beispiel der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden vergegenwärtigt den Junioren, dass nicht alle Kinder und Jugendlichen eine ähnlich unbeschwerte Kindheit haben», erklärt Buchmüller. Immerhin: Beim Team Brühl trainieren heute bereits über 25 Nationen. «Das Team steht für Weltoffenheit und Toleranz», sagt Buchmüller. Über das Asylwesen selbst, so habe sich im Vorfeld herausgestellt, wüssten die Junioren aber wenig über gewisse Klischees hinaus. Das Training soll auch zum Abbau von Vorurteilen dienen. Und für die jungen, unbegleiteten Asylsuchenden soll es eine Möglichkeit sein, den Alltag und traumatische Erinnerungen zur Seite zu drängen.
Roger Buchmüller hat bereits einige Talente unter den jungen Asylsuchenden ausgemacht. Er hofft, dass er ihnen auch weiterhin ein Training anbieten kann. (lfh)

Asylsuchenden vergegenwärtigt den Junioren, dass nicht alle Kinder und Jugendlichen eine ähnlich unbeschwerte Kindheit haben», erklärt Buchmüller. Immerhin: Beim Team Brühl trainieren heute bereits über 25 Nationen. «Das Team steht für Weltoffenheit und Toleranz», sagt Buchmüller. Über das Asylwesen selbst, so habe sich im Vorfeld herausgestellt, wüssten die Junioren aber wenig über gewisse Klischees hinaus. Das Training soll auch zum Abbau von Vorurteilen dienen. Und für die jungen, unbegleiteten Asylsuchenden soll es eine Möglichkeit sein, den Alltag und traumatische Erinnerungen zur Seite zu drängen.
Roger Buchmüller hat bereits einige Talente unter den jungen Asylsuchenden ausgemacht. Er hofft, dass er ihnen auch weiterhin ein Training anbieten kann. (lfh)

*Name geändert.

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