Pflegepersonal
Im Kampf gegen den Pflege-Notstand gilt jetzt eine Ausbildung-Pflicht

Institutionen im Kanton Solothurn müssen zahlreiche Ausbildungsplätze in der Pflege schaffen. Wer bis 2016 sein Soll nicht erfüllt, wird mit einem Malus sanktioniert. Überdurchschnittliche Leistungen sollen mit einem Bonus belohnt werden.

Elisabeth Seifert
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Lernende bei der Spitex: Im Jahr 2016 muss die Spitex im Kanton insgesamt über 80 Fachangestellte Gesundheit (FaGe) ausbilden.Archiv/sz

Lernende bei der Spitex: Im Jahr 2016 muss die Spitex im Kanton insgesamt über 80 Fachangestellte Gesundheit (FaGe) ausbilden.Archiv/sz

Keystone

Schweizweit werden rund 5000 Pflegefachleute zu wenig ausgebildet. Noch finden Spitäler, Alters- und Pflegeheime sowie die Spitex genügend Personal. Das aber dürfte sich in Zukunft ändern.

Um sich gegen den drohenden Pflegenotstand zu wappnen, sollen im Kanton Solothurn die Leistungserbringer dazu verpflichtet werden, eine bestimmte Anzahl Pflegender auszubilden; Fachangestellte Gesundheit (FaGe) zum Beispiel, aber auch Pflegefachleute auf dem Niveau Höhere Fachschule (HF) und Fachhochschule (FH). Solothurn folgt damit den Kantonen Aargau, Bern und Zürich, die eine solche Ausbildungsverpflichtung bereits kennen.

Seit geraumer Zeit bestehen im Kanton gesetzliche Grundlagen, welche die Institutionen grundsätzlich verpflichten, einen Beitrag zur Ausbildung zu leisten. Im Mai letzten Jahres dann hat eine Projektgruppe unter Leitung der SOdAS (Stiftung Organisationen der Arbeit Gesundheit im Kanton Solothurn) ein Umsetzungs-Konzept verabschiedet.

Gemäss diesem müssen die Institutionen bereits bis Ende 2014 ein Drittel des Ausbildungs-Ziels erfüllen. Im Jahr 2016 dann sollte der Prozess abgeschlossen sein. Und wer sein Soll nicht erfüllen kann oder will, der wird mit einem Malus sanktioniert.

Spitex und Heime sind gefordert

Die Einhaltung des aufgegleisten Fahrplans ist sehr ambitioniert – aus organisatorischen, vor allem aber aus finanziellen Gründen. Dies zeigt eine Umfrage bei den Leistungserbringern. Anspruchsvoll wird es dabei weniger für die Spitäler – die Solothurner Spitäler AG (soH) und die Privatklinik Obach –, sondern vor allem für zahlreiche Spitex-Organisationen und auch für so manches Alters- und Pflegeheim.

Die Umsetzung soll bis Ende 2016 abgeschlossen sein

Im Jahr 2011 hat der Kanton Solothurn die gesetzlichen Grundlagen für die Einführung einer Ausbildungsverpflichtung im Bereich der nicht-universitären Gesundheitsberufe geschaffen. Für die Aufnahme eines Spitals auf die Spitalliste «berücksichtigt» der Regierungsrat unter anderem «eine angemessene Beteiligung an der Aus- und Weiterbildung der Berufe im Gesundheitswesen». So lautet die neue Bestimmung im Spitalgesetz, die in der Verordnung über die Spitalliste weiter ausgeführt wird. Für die Leistungserbringer im Bereich Spitex und Heime ist ein neuer Passus im Sozialgesetz massgebend. Gemäss diesem «kann» die Betriebsbewilligung für soziale Institutionen mit Auflagen verbunden werden - unter anderem mit Auflagen über «eine angemessene Beteiligung an der Aus- und Weiterbildung der Berufe im Gesundheitswesen.

Das Umsetzungskonzept, das eine Projektgruppe unter Leitung der SOdAS (Stiftung Organisationen der Arbeit Gesundheit im Kanton Solothurn) im letzten Mai verabschiedet hat, orientiert sich im Wesentlichen am Aargauer Modell. Das Ausbildungssoll der einzelnen Institutionen wird gemäss der Anzahl Vollzeitstellen in den nicht-universitären Gesundheitsberufen errechnet. Die Leistungserbringer können die geforderten Ausbildungen selbst anbietenoder bei einem anderen solothurnischen Leistungserbringer einkaufen. Den Institutionen ist es zudem freigestellt, mit welchen Ausbildungen sie das Ausbildungssoll erreichen wollen.

Überdurchschnittliche Ausbildungsleistungen werden mit einem Bonus abgegolten. Zu wenig eigene - oder eingekaufte - Ausbildungsleistungen werden mit einem Malus sanktioniert. Per Ende 2014 bereits müssen die einzelnen Betriebe einen Drittel ihres Ausbildungsziels erreicht haben. Ab 2016 sind die Betriebe zur vollen Ausbildungsleistung verpflichtet. (esf)

Gemäss Angaben des Spitexverbands Kanton Solothurn bieten von den 31 Spitex-Organisationen aktuell nur 11 Betriebe überhaupt Ausbildungsplätze an. Diese 11 Organisationen haben im Juni 2013 total 26 Lernende zur Fachangestellten Gesundheit ausgebildet. 2016 müssen alle 31 Organisationen über 80 Lernende ausbilden; so wollen es die Vorgaben im Umsetzungskonzept, das sich im Wesentlichen am Aargauer Modell orientiert.

Während bei der Spitex derzeit also rund zwei Drittel der Dienstleistungserbringer überhaupt keine künftigen Pflegefachleute ausbilden, liegt dieser Anteil bei den Alters- und Pflegeheimen bei immerhin einem Drittel.

33 von total 52 Heimen bieten Ausbildungsplätze für 90 künftige Fachangestellte Gesundheit an. Bis Ende 2016 sollen dies 120 Lehrstellen in diesem Bereich sein, wie die Gesellschaft der Solothurnischen Alters- und Pflegeheime (GSA) im Kanton errechnet hat. Hinzu kommen rund 20 Ausbildungsplätze zur Pflegefachfrau HF (Höhere Fachschule), die bis zur Stunde in den Pflegeheimen nur vereinzelt angeboten werden.

Da die exakten Berechnungsgrundlagen derzeit noch fehlen, will die Spitäler AG keine konkreten Zahlen nennen. «Wir gehen aber davon aus, dass wir das Ziel bereits erfüllen», meint Mediensprecher Eric Send. Die Privatklinik Obach in Solothurn, die sich bis jetzt nicht an der Ausbildung von Pflegenden beteiligt hat, wird ab August dieses Jahres zwei Fachangestellte Gesundheit ausbilden – und damit der Verpflichtung zu einem Drittel nachkommen. In den nächsten zwei Jahren werden weitere Plätze dazukommen, wie CEO André Bourquin gegenüber dieser Zeitung sagt.

Sparbemühungen machen Sorgen

Die Leistungserbringer stehen – im Grundsatz – hinter der neuen Ausbildungsverpflichtung. «Es ist unbestritten, dass alle Institutionen, auch Heime und Spitex, einen Beitrag leisten müssen», hält Kurt Altermatt fest. Der ehemalige Direktionspräsident der Solothurner Spitäler AG ist seit Anfang Jahr Stiftungspräsident der SOdAS. Vertreter von Spitex, Heimen und Spitälern haben denn auch das Umsetzungskonzept gemeinsam erarbeitet und verabschiedet. Insbesondere für die Spitex stelle aber die Finanzierung der geforderten neuen Ausbildungsplätze eine Herkules-Aufgabe dar. «Anders als bei den Heimen und den Spitälern wird die Ausbildungsarbeit hier nicht automatisch über die Tarife abgegolten.» Das heisst: Die Spitex-Betriebe müssen mit ihren Trägerorganisationen, den Gemeinden, einen Ausbildungsbeitrag verhandeln. «Aufgrund des aktuellen Spardrucks ist es aber sehr schwierig, einen solchen Beitrag geltend zu machen.»

Vor diesem Hintergrund wirke erschwerend, dass die gesetzlichen Grundlagen zu wenig eindeutig seien, bemängelt Altermatt. «Weigert sich eine Institution die geforderten Ausbildungsleistungen zu erbringen und auch den Malus zu bezahlen, fehlt die juristische Handhabe, diese direkt dazu zu zwingen.» Indirekt könne mit dem Entzug der kantonalen Betriebsbewilligung gedroht werden.

Eine emotionale Verpflichtung

Neben der rechtlichen gebe es auch eine «emotionale Verpflichtung», betont Sigrun Kuhn, Präsidentin des kantonalen Spitexverbands. Ohne die nötigen Ressourcen sei es aber schwierig, die geforderten Ausbildungsplätze zu schaffen. «Es gibt Gemeinden, die an die Ausbildung zahlen, aber längst nicht alle.» Hinzu komme, dass zahlreiche Betriebe aufgrund ihrer Grösse kaum in der Lage sind, Pflegende auszubilden.

Eine mögliche Lösung sieht die Spitex-Präsidentin in regionalen Zusammenschlüssen. Ähnliche Probleme bei der Ausbildungs-Organisation haben auch kleinere Heime, weiss Urs Hufschmid, Präsident der Gesellschaft der Solothurnischen Alters- und Pflegeheime. Bedeutend grössere Sorgen bereiten ihm aber die aktuellen Sparbemühungen des Kantons im Heim-Bereich.

«Aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen besteht eine Verantwortung der Leistungserbringer, sich an der Ausbildung zu beteiligen», betont Claudia Hänzi, Chefin im Amt für Soziale Sicherheit (ASO). Allerdings habe der Kanton kein Interesse, die Leistungserbringer ohne Rücksicht auf bestehende Schwierigkeiten einfach in die Verantwortung zu zwingen. Es gehe jetzt vor allem darum, sich «gemeinsam auf den Weg zu machen».