Ernte

Im Getreidefeld ist eine Krankheitsbombe explodiert

Die Solothurner Getreidebauern und ihre Abnehmer ziehen eine schlechte Bilanz der diesjährigen Ernte. Der starke Pilzbefall ist mitverantwortlich für die schlechte Qualität.

Das Klischee des ewig jammernden Bauern – es hält sich hartnäckig. Ob da etwas dran ist oder nicht: Dieses Jahr haben die Landwirte allemal Grund zur Klage. Die diesjährige Ernte ist miserabel, wie der Solothurner Bauernverband bekannt gab. Menge und Qualität der Getreideernte sei schlecht, heisst es in einer Mitteilung.

Erst die Erdbeerbauern, jetzt die Getreidebauern: Die Ernte fiel dieses Jahr vielerorts nicht nur redensartlich ins Wasser. «Bei uns in der Sammelstelle fehlen 20 bis 25 Prozent der Gerstenmenge. Beim Brotgetreide sieht es noch schlimmer aus, wir werden nicht einmal 50 Prozent der Vorjahresmenge erreichen», sagt Urs Braun, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Landi BippGäu-Thal AG.

Noch am meisten überzeugen konnte der Raps: «Er brachte im Vergleich zu den anderen noch einigermassen Erträge ein», so Braun. Seit 25 Jahren sei er jetzt im Getreidegeschäft tätig und habe noch nie eine so schlechte Ernte gesehen. Es sei für viele eine harte Erfahrung, sagt er.

Noch schlechter als erwartet

Nicht viel besser sieht es bei der Landi Region Solothurn aus. Gerold Kofmel, Zuständiger für die Getreideannahme, kann keine genauen Zahlen nennen: «Es sind vielleicht nicht gerade 25 Prozent. Aber auch bei uns ist deutlich weniger Gerste eingegangen. Bei der Weizenernte, die noch nicht ganz abgeschlossen ist, erwarten wir ebenfalls ein schlechtes Resultat.» Ein grosses Problem sei die schlechte Qualität des Getreides.

Markus Dietschi, Landwirt und Mähdrescherfahrer aus Selzach, findet deutliche Worte für die Misere: «Die diesjährige Ernte ist der Horror. Wir haben zwar ein schlechtes Ergebnis erwartet, dieses wurde aber noch unterboten.» Er wisse sogar von Bauern, deren Getreidequalität so miserabel gewesen sei, dass das Getreide in der Biogasanlage entsorgt werden musste. «So etwas ist verheerend. Wenn die ganze Arbeit für nichts war, ist das ein harter Schlag», so Dietschi.

Mit der Gründung einer Personalvermittlungsfirma hat er sich ein zweites Standbein aufgebaut: «Würde ich allein von der Landwirtschaft leben, wüsste ich nicht, ob ich meine Rechnungen pünktlich bezahlen könnte.»

Keinesfalls zufrieden mit dem Ertrag in diesem Jahr ist Meisterlandwirt Lorenz Kissling aus Hägendorf, der heuer insgesamt fünf Parzellen mit insgesamt zehn Hektaren Weizen und eine Fruchtfläche mit Gerste angebaut hat. Die Erträge beim Weizen belaufen sich bei ihm in diesem Jahr gerade auf rund die Hälfte vom letzten Jahr. Von einem durchschnittlichen Produktionsjahr falle die Ertragsmenge heuer etwa ein Drittel geringer aus. Als IP-Bauer ist ihm der Einsatz von Fungiziden gegen Pilzkrankheiten nicht erlaubt. «Hat man dieses Jahr den Pilzbefall nicht in den Griff bekommen, dann hatte man von vornherein verloren», sagt er.

Missliche Bedingungen

An der miserablen Ernte hat natürlich hauptsächlich einer Schuld: der viele Regen. «Während der Blütezeit des Getreides war es viel zu nass, dadurch hat eine ungenügende Befruchtung stattgefunden», erklärt Barbara Graf, Expertin für Ackerbau am Solothurner Bildungszentrum Wallierhof in Riedholz.

Die Befruchtung allein sei aber nicht das Problem gewesen. Teilweise habe diese zwar stattgefunden, das Korn wurde dann aber trotzdem nicht gefüllt, weil die Wetterbedingungen auch zu diesem Zeitpunkt nicht gut waren. Die Qualität des Getreides hat aufgrund der Wetterverhältnisse stark gelitten, was am sogenannten Hektolitergewicht ersichtlich wird, dem Gewicht von 100 Liter Körnern: «Aus dem Getreide mit tiefem Hektolitergewicht kann weniger Mehl gewonnen werden, das reduziert den Preis für die Bauern.»

Die schlechte Getreidequalität kommt für Barbara Graf nicht allzu überraschend. Mitverantwortlich ist der starke Pilzbefall. Die milden Temperaturen im Herbst und Winter legten dafür den Grundstein. Bei den wärmeren Temperaturen überleben mehr Keime, die normalerweise im Winter absterben. «Es war leider absehbar, dass diesen Frühling eine Krankheitsbombe explodiert», sagt sie.

Die Sorte war entscheidend

Glück hatten heuer jene Bauern, die auf eine widerstandsfähige Getreidesorte gesetzt haben, erklärt Graf: «Die Wahl der Sorte hat häufig über Freud oder Leid entschieden». Bei den anfälligeren Sorten konnte der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln noch etwas richten. Aber auch das gestaltete sich laut Barbara Graf schwierig: «Die Bedingungen waren selten gut genug, um mit den Traktoren zum richtigen Zeitpunkt auf die Felder fahren zu können». Pech für die Bauern, Glück für die Keime: Sie konnten sich weiter ausbreiten.

Obwohl die Ernte heuer ein Fiasko war: Den Kopf hängen lassen, das wollen die Bauern trotzdem nicht. «Hier zeigt sich der Charakter unserer Landwirte. Sie wissen mit den schlechten Erträgen umzugehen», sagt Urs Braun von der Landi Bipp-Gäu-Thal. Er gibt sich optimistisch. «Jetzt gilt es, nach vorne zu schauen.» Und: Schon bald beginnt die Aussaat für die nächste Ernte.

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