Kanton Solothurn
Im Gäu ist die Trinkwasser-Belastung am höchsten ++ der Zweckverband relativiert ++ Olten mischt Wasser

Die kantonale Lebensmittelkontrolle mass in diesem Frühling im Grundwasser Abbauprodukte eines Pflanzenschutzmittels. Der Stoff könnte krebserregend sein, wie erst seit diesem Frühling bekannt ist. Im Kanton Solothurn sind insgesamt 18 Gemeinden betroffen.

Yann Schlegel
Merken
Drucken
Teilen

Bruno Kissling

Ein Beitrag im Schweizer Fernsehen vom Donnerstagabend verunsicherte die Bevölkerung im Kanton Solothurn. Im Grundwasser wurden Abbauprodukte eines Pflanzenschutzmittels nachgewiesen. Der Stoff könnte krebserregend sein. Besonders betroffen ist das Gäu: Mit Ausnahme von Oensingen sind alle Gemeinden aufgelistet. Darf das Wasser vom Wasserhahn weiterhin getrunken werden? Wieso wurde die Bevölkerung nicht früher informiert?

Wie Robert Gurtner, Präsident der Regionalen Trinkwasserversorgung Gäu erklärt, erhielt er am Mittwoch eine Verfügung vom Kanton. Der Auftrag: «Wir müssen Massnahmen überlegen, wie wir den Grenzwert des möglicherweise gesundheitsschädlichen Abbauprodukts senken können und die Bevölkerung informieren», sagt Gurtner. Die Resultate seien ans Schweizer Fernsehen gelangt, ehe sie die Bevölkerung hätten informieren können, so der Gemeinderat aus Oberbuchsiten. Am Freitagmorgen informierten die betroffenen Wasserversorger aus dem ganzen Kanton über die neuen Erkenntnisse.

Zwei Lösungsansätze

Die Chlorothalonil-Sulfonsäure ist ein Abbauprodukt des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil. Dieses setzt die Landwirtschaft seit den 1970er-Jahren gegen Pilzbefall eingesetzt und es ist im Getreide-, Gemüse-, Wein- und Zierpflanzenanbau zugelassen. Die versprühten Pestizide werden im Boden abgebaut. Dabei entstehen neuen Stoffe (Metaboliten), die für Organismen gefährlich sein können. Im vergangenen März wies die europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde erstmals darauf hin, dass für die Abbauprodukte von Chlorothalonil eine Gesundheitsgefährdung besteht. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen kam zum selben Schluss, womit Metaboliten erst seit diesem Jahr als relevant zu beurteilen sind. Da die Behörden das Abbauprodukt neu als relevant einstuften, untersuchten die Chemiker die Wasserproben erstmals auf diese Rückstände. Nur wenige Labors seien in der Lage, diese Nachweise zu erbringen, schreibt die Regionale Wasserverorgung Gäu in ihrer Information.

Verbot von Chlorothalonil löst Problem kurzfristig nicht

Die EU hat ab 2020 ein Verbot des Pflanzenschutzmittels erlassen. In der Schweiz ist das Verbotsverfahren eingeleitet – bereits ab diesem Herbst soll Chlorothalonil in der Schweizer Landwirtschaft verboten sein. Bis die möglicherweise gesundheitsgefährdenden Metabolite aus dem Wasser verschwinden, könnte es lange dauern. Denn das Pflanzenschutzmittel ist schon Jahrzehnte im Einsatz und der Metabolit erwies sich bei Untersuchungen als «sehr stabil». Es könne nicht mit einer raschen Verbesserung des Zustandes gerechnet werden. Gemäss dem Amt der kantonalen Lebensmittelkontrolle gibt es zwei Lösungsansätze, um die Höchstwerte der Abbauprodukte zu senken. Zum einen ist es möglich, dass eine Gemeinde ihr Trinkwasser von einer Alternativquelle bezieht. Anderseits liesse sich das mit den Metaboliten belastete Trinkwasser mit einwandfreien Wasser verdünnen. Derzeit sind nämlich keine technischen Lösungen bekannt um das belastete Wasser zu behandeln.

Insgesamt werden im Kanton 18 Gemeinden mit Wasser versorgt, das einen zu hohen Wert an Abbauprodukten des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil aufweisen könnte. Zu den 17 Gemeinden im unteren Kantonsteil kommt Gerlafingen hinzu. Die Wasserämter Gemeinde wird über das Pumpwerk Lerchenfeld versorgt. Die Behörden massen in Gerlafingens Grundwasser 0,15 Mikrogramm Chlorothalonil-Sulfonsäure pro Liter. Folgende 18 Gemeinden sind betroffen: Wangen bei Olten, Rickenbach, Olten, Starrkirch-Wil, Trimbach, Hauenstein-Ifenthal, Kappel, Boningen, Gunzgen, Härkingen, Egerkingen, Neuendorf, Niederbuchsiten, Oberbuchsiten, Kestenholz, Wolfwil, Fulenbach und Gerlafingen.

Die Belastung im Gäu variiert stark

«Ja klar», sagt Gurtner – das Hahnenwasser könne wie bis anhin konsumiert werden. Was die Wasserbelastung im Gäu betrifft, relativiert er. Die Chemiker massen einzig beim Grundwasser-Pumpwerk Neufeld in Neuendorf Werte, welche den festgelegten Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter überschreiten. Im Neuendorfer Grundwasser mass die kantonale Lebensmittelkontrolle eine Konzentration der Chlorothalonil-Sulfonsäure von 0,34 Mikrogramm pro Liter. Da die sieben Gemeinden des Zweckverbunds der regionalen Wasserversorgung Gäu das Trinkwasser aus verschiedenen Quellen beziehen, sei es schwierig Angaben für eine spezifische Gemeinde zu machen, sagt Gurtner.

Aussagen darüber, wo die Wasserbelastung am akutesten ist, liessen sich momentan nicht seriös machen. «Es gibt Gemeinden, die kein Trinkwasser aus Neuendorf beziehen und im Normalfall aus eigenen Quellen gespeist werden», so Gurtner. Zudem werde das Neuendörfer Grundwasser innerhalb des Verbundes mit anderem Wasser gemischt und so verdünnt. Der Kanton überträgt nun den Wasserversorgern die Aufgabe, eine Lösung zu finden, um die überschrittenen Höchstwerte zu senken. «Wir können die Lösung nicht aus dem Hosensack herauszaubern», sagt Gurtner. Es gibt drei verschiedene Lösungsansätze (siehe Kasten). Das belastete Wasser lässt sich jedoch nicht abkochen und auch nicht filtrieren.

«Das gleiche Wasser wie vor 30 Jahren»

Robert Gurtner sagt, es mache keinen Sinn aufgrund der neuen Erkenntnisse schwarz-weiss zu malen. «Es ist das gleiche Wasser, das wir die letzten 30 Jahre konsumierten.» Denn das Wasser sei nicht durch einen Unfall verschmutzt. In einem Informationsschreiben informierte die Regionale Wasserversorgung Gäu die Bevölkerung: Man werde die weitere Entwicklung genau verfolgen und nach Lösungen suchen.

Weniger stark als im Gäu ist die Grundwasser-Belastung in den Untergäuer Gemeinden Kappel, Boningen und Gunzgen. Aber auch hier wies die kantonale Lebensmittelkontrolle eine erhöhte Konzentration der Abbauprodukte des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil im Grundwasser nach worden. Die Messwerte ergaben, dass der Höchstwert von 0.1 Mikrogramm pro Liter um 0.08 Mikrogramm überschritten wird, teilt der Zweckverband für Wasserversorgung Untergäu mit. Betroffen ist das Grundwasserpumpwerk Zelgli in Kappel. Auch der Untergäuer Zweckverband wird die weitere Entwicklung genau verfolgen und in enger Zusammenarbeit mit der kantonalen Behörden und den benachbarten Wasserversorgungen nach Lösungen suchen. Weiter empfiehlt der Zweckverband der Bevölkerung, das Trinkwasser wie bis anhin zu konsumieren. Das gesamte Untergäu wird ausschliesslich vom durch Metaboliten belasteten Grundwasser versorgt, teilt der Präsident Thomas Jäggi auf Anfrage mit. Es sei aber kein Grund zu Panik, weil das Wasser möglicherweise Jahrzehnte lang schon eine erhöhte Konzentration dieser Chemikalie aufweist.

Aare Energie AG mischt das Wasser aus dem Gheid

Auch die Stadt Olten gehört zu den betroffenen Gemeinden. Nach dem Bericht in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens entbrannte in der Facebook-Gruppe Olten eine Diskussion mit vielen offenen Fragen. Die für Olten und weitere Gemeinden zuständige Wasserversorgerin Aare Energie AG (a.en) veröffentlichte am Freitagmorgen eine Medienmitteilung. Sie betreibt im Gheid Grundwasserpumpwerke, wo sich eines der schweizweit grössten Grundwasservorkommen im Untergrund liegt. Auch dieses in einer Schutzzone liegende Grundwasser überprüfte der Kanton aufgrund der toxikologischen Neubeurteilung des Pestizids Chlorothalonil.

Gemäss den Resultaten der kantonalen Lebensmittelkontrolle liegt die Belastung im Gheid knapp unter dem Höchstwert. Die a.en schreibt: «Das heisst, das durch die a.en in den Gemeinden Olten, Trimbach, Starrkirch-Wil sowie Hauenstein-Ifenthal und Wisen gelieferte Wasser weiterhin uneingeschränkt geniessbar ist.» Auf Anfrage sagt Kommunikationschef Beat Erne: «Je nach Grundwasserfassung unterscheiden sich die Belastungswerte im im Gheid. Wir werden nun jene Fassungen mit den geringsten Werten forcieren.» Das stärker belastete wird dabei in geringer Menge mit dem «besseren» Wasser gemischt. «Wir prüfen, ob wir allenfalls auch das Notpumpwerk Dellen in Trimbach zurückgreifen können», sagt Erne.