Kirche
Im Bistum werden weniger sexuelle Übergriffe gemeldet

Die grosse Aufarbeitung der sexuellen Missbräuche im Bistum Basel scheint zu wirken. Die Zahl der gemeldeten Taten sind zurückgegangen. Allerdings: Es können Verfahren gegen Priester laufen, von denen das Bistum nichts weiss.

Lucien Fluri
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Die grosse Aufarbeitung der Missbräuche in der Kirche scheint Früchte zu tragen.

Die grosse Aufarbeitung der Missbräuche in der Kirche scheint Früchte zu tragen.

Keystone

Verheimlicht, verdrängt, vertuscht: Diesen Vorwürfen musste sich die katholische Kirche beim Thema Missbrauch stellen. Die grosse Aufarbeitungsphase begann 2009/10. Die Schweizer Bischöfe schufen unter öffentlichem Druck Fachgremien, an die sich Opfer wenden konnten. Und das taten diese: 146 Betroffene meldeten alleine im Jahr 2010 Übergriffe. Davon betrafen 40 Fälle das Bistum Basel.

Seither ist die Zahl der gemeldeten Übergriffe stark zurückgegangen. «In den vergangenen drei Jahren zeigt sich eine klare Tendenz gegen null», sagt Adrienne Suvada, Sprecherin des Bistums Basel, auf Anfrage. Noch eine «Handvoll» Verdachtsmeldungen waren es 2013 im grössten Schweizer Bischof, zu denen verbale Verfehlungen und unerwünschte Berührungen zählten aber kein sexueller Missbrauch. Die Präventionsmassnahmen würden greifen, «die Seelsorger sind enorm sensibilisiert», so die Sprecherin.
Allerdings ist nicht garantiert, dass das Bistum von allen Übergriffen von Seelsorgern und Kirchenangestellten erfährt.

Es können Verfahren gegen Priester laufen, von denen das Bistum nichts weiss. Denn die strafrechtlichen Verfahren vor der weltlichen Justiz werden dem Bistum nicht automatisch gemeldet. «Wenn sich ein Opfer nicht bei uns meldet, haben wir oft keine Informationen über ein Verfahren», erklärt Adrienne Suvada.

«Oft fühlen sich Opfer gegenüber den Tätern schuldig»

Damit sowohl ein strafrechtliches Verfahren als auch ein kircheninternes Verfahren gegen einen Seelsorger ergriffen werden kann, muss sich ein Opfer nicht nur an die Strafbehörden, sondern auch noch an die Kirche wenden. Man wisse, dass es für Opfer schwierig sei, wenn sie noch ein zweites Mal aussagen müssen, sagt Adrienne Suvada. «Oft fühlen sich Opfer auch gegenüber ihren mutmasslichen Tätern schuldig - dieser Aspekt verstärkt noch die Belastungen im Zusammenhang mit Aussagen.»

Doch ohne Aussagen des Opfers oder Geständnis des Täters, so die Erfahrung des Bistums, sei es schwierig, kirchenintern ein Verfahren zum Abschluss zu bringen oder Anhaltspunkte zu finden. Ein «Schwachpunkt im Kirchenrecht», so Suvada. Allen Opfern, die sich melden, wird ein persönliches Gespräch mit Bischof Felix Gmür angeboten. Wie lange Betroffene im Kontakt mit dem Bistum bleiben, entscheiden sie selbst. «Einzelne Opfer bleiben längere Zeit im Gespräch. Andere beschränken sich auf die Meldung und wünschen kann keine weiteren Kontakte», so Suvada.

Und warum gab es 2010 so viele Meldungen? Opfer hätten sich ermutigt gefühlt, sich zu melden, sagt Suvada, auch aufgrund des öffentlichen Interesses, das das Thema 2010 ausgehend von Vorfällen in anderen europäischen Ländern fand. «Zahlreiche Opfer haben sich nach vielen Jahren ermutigt gefühlt, eine Meldung zu erstatten», erklärt Bistumssprecherin Suvada. Es habe sich bewährt, dass der Bischof bereits 2002 Ansprechpersonen benannt und ein Fachgremium eingerichtet hatte.

In vielen Fällen gar nicht Solothurn zuständig

Die Mehrheit der damaligen Meldungen bezog sich auf die Zeit vor 1990. «Ein grösserer Teil der mutmasslichen Täter war zum Zeitpunkt der Meldungen durch das Opfer oder einen Informanten bereits verstorben», so Suvada. «In den Fällen, in denen Täter noch lebten, hatte jede Meldung, die sich als zutreffend erwies, Konsequenzen» - bis hin zum Entzug der Beauftragung durch den Bischof und zur Strafanzeige bei der weltlichen Justiz.

Auch wenn ein Fall strafrechtlich verjährt sei, und ein Beschuldigter nicht mehr belangt werden könne, werde der Fall nach den Vorgaben des Kirchenrechtes untersucht – und könne so Folgen für den Täter haben. Zudem fordert der Bischof den Täter auf, sich selbst anzuzeigen. Ausnahme ist, wenn das Opfer dies ausdrücklich nicht will.

Was oft nicht bekannt ist: Für diejenigen Fälle, die in den letzten Jahren im Gebiet des Bistums Basel am meisten Schlagzeilen produzierten, ist das bischöfliche Ordinariat in Solothurn gar nicht zuständig. Sowohl für das von Ingenbohler Schwestern geführte Erziehungsheim Rathausen bei Luzern als auch für die Erziehungsanstalt im ehemaligen Kloster Fischingen (TG) ist das Bistum nicht zuständig, ausser wenn Priester aus dem Bistum betroffen waren.

«Die Heime wurden nicht vom Bischof geführt, sondern durch Orden und religiöse Gemeinschaften», so Suvada. Diese seien für die Aufarbeitung ihrer Geschichte selbst verantwortlich. Historiker hatten in den vergangenen Jahren die Zustände in beiden Anstalten untersucht und sowohl Missbräuche als auch übermässige Gewalt durch katholische Erzieher festgestellt.