Kanton

Im Auge des Orkans: Die Heimleitungen der Alterszentren sind auf Coronafälle vorbereitet

Pflegeheime gleichen derzeit abgeschotteten Festungen. Und unternehmen alles, um den Bewohnern das Leben in Isolation erträglich zu machen.

Pflegeheime gleichen derzeit abgeschotteten Festungen. Und unternehmen alles, um den Bewohnern das Leben in Isolation erträglich zu machen.

Das Personal und die Infrastruktur in den Alters- und Pflegezentren sind vorbereitet, die pflegebedürftigen Klientinnen und Klienten instruiert, die Kommunikation mit den Angehörigen via digitale Kanäle ist eingerichtet.

Das Personal und die Infrastruktur sind vorbereitet, die pflegebedürftigen Klientinnen und Klienten instruiert, die Kommunikation mit den Angehörigen via digitale Kanäle ist eingerichtet: In den Alters- und Pflegezentren herrscht das Gefühl, im Auge des Orkans zu stehen. Den befragten Heimleitern sind in solchen Institutionen im Kanton Solothurn keine Fälle von Covid-19-Erkrankungen bekannt (Stand Dienstag, 7.April). Im Ruttiger (Olten), Wengi­stein (Solothurn), Bodenacker (Breitenbach) und in den Grench­ner Alterszentren hofft man das Beste und unternimmt alles, damit es nicht zum Schlimmsten kommt.

«Sehr ruhig, entschleunigt und als komisches Abwarten» beschreibt Matthias Christ im Ruttiger die Atmosphäre in der Abgeschiedenheit. Er bewundert die Nervenstärke und Standhaftigkeit der Bewohner, eine Einschätzung, die alle Heimleiter teilen. Für die betreuten Personen, die grossenteils über 80-jährig sind, ist die Erfahrung einer Pandemie nichts Neues. «Sie erzählen uns, wie schmerzhaft es war, an Kinderlähmung oder Tuberkulose erkrankt zu sein und die Einschränkungen, die das mit sich brachte», sagt Hansruedi Moor, Wengistein. Er betont, wie wichtig es ist, die Bewohner in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. «Sie werden nicht nur umfassend informiert, sondern haben die Möglichkeit mitzureden und eigene Vorschläge einzubringen. So akzeptieren und befolgen die Leute die Abstands- und Hygienemassnahmen.»

Kompliziert ist die Präventionsaufgabe der Alterszentren deshalb, weil so viele Aspekte zu beachten sind. Alle sind gleichermassen wichtig, die Gesundheit des Personals, Sorgen und Fragen der Angehörigen und natürlich die Bewohner und deren Bedürfnisse. Hygiene, Kommunikation, die Beschaffung von Verbrauchsmaterial, alles muss unter einen Hut gebracht werden.

Mehr Platz für Bewohner und Bewohnerinnen

Die Abschottung der Heime ermöglicht es den Bewohnern, sich auf dem Areal auszubreiten. So dienen die Restaurants samt Terrassen als Spielzimmer, für die Aktivierung, zum Turnen oder einfach zum Spazierengehen. Anders als die Bevölkerung draussen müssen die Heimbewohner teilweise nicht einmal auf den Coiffeur verzichten. «Wir haben im Ruttiger beim Pflegepersonal zwei Frauen, die ursprünglich Coiffeuse gelernt haben. Sie freuen sich, diesen Beruf wieder auszuüben. Ihre Dienste sind sehr gefragt», sagt Christ.

Auch in den Alterszentren hat der Notstand zu einem Digitalisierungsschub geführt. Wer kann, nutzt E-Mail und Whats­app, um mit Kindern und Enkeln in Verbindung zu bleiben. Damit die übrigen Bewohner nicht darben müssen, ist die Digitalisierung Chefsache geworden. «Unsere iPads im Ruttiger sind jetzt für Facetime eingerichtet», sagt Christ. Face-Time kommt auch im Bodenacker oft zum Einsatz. Es bilde einen festen Bestandteil der Aktivierung, und diese finde derzeit auch am Wochenende statt, erklärt Heimleiter Heinz Zenhäusern. Moor erzählt, dass zwei Angestellte im Wengistein delegiert sind, den Bewohnern zu helfen, mit Angehörigen zu skypen. Sobald die Verbindung steht, unterhalten sich die Familien ungestört. «Da gibt es Szenen, die sehr berührend sind», sagt er.

Überhaupt habe das Wengi­stein die ganze Website auf die Anforderungen der Krise ausgerichtet. «Wir haben eine extra E-Mail-Adresse und ermuntern die Angehörigen Bilder und Texte zu schicken. Diese werden ausgedruckt und jede halbe Stunde auf die Zimmer gebracht», erklärt Moor. Damit auch Bewohner mit Demenzkrankheiten nicht zu kurz kommen, würden ihnen die Texte und Bilder ihrer Familie gezeigt und erklärt.

Im Weinberg (Grenchen) und Bodenacker (Breitenbach) reden die Bewohner oft vom Balkon oder aus dem Fenster mit Familienmitgliedern, die am Fuss des Gebäudes stehen. Erstere fühlen sich da an die Quarantäne der Maul- und Klauenseuche beim Vieh erinnert, Letztere geniessen das Abenteuer, das Grosi wie Rapunzel zu sehen. Die übrigen Häuser sind von der Architektur oder von der abgelegenen Lage her (der Ruttiger liegt am Rande eines Naturschutzgebiets) nicht auf solche Gespräche eingerichtet. Sie setzen neben digitaler Kommunikation lieber auf Postkarten und Briefe. Beides habe seit dem Notstand deutlich zugenommen, hat Christ beobachtet.

Für das Personal gelten strengste Regeln

«Wenn hier eine Krankheit eingeschleppt wird, dann nur vom Personal», sagt Moor, und die Konsequenz aus dieser Erkenntnis ziehen die Angestellten überall. Deshalb messen sie nicht nur bei den Bewohnern regelmässig Fieber, sondern auch bei sich selbst. Ausserhalb der Arbeitszeit sind sie angehalten, daheimzubleiben. Nach den Ferien überschreitet am Arbeitsplatz nur die Schwelle, wer eine Gesundheitscheckliste abgearbeitet hat. «Einen Angestellten, der via Flugzeug und Deutsche Bahn aus Übersee heimreisen musste, haben wir zur Sicherheit 14 Tage in Quarantäne geschickt», sagt Zenhäusern, Breitenbach.

Was Schutzmaterial angeht, so sind die Alterszentren aktuell gut ausgerüstet. «Dennoch», stellt Christ fest, «brauchen wir mehr Masken, als uns lieb ist». Moor ist froh, dass das Wengi­stein frühzeitig den Keller mit Desinfektionsmitteln, Schutzmänteln und Masken gefüllt habe, und man brauche das Material tatsächlich. «Wir haben schon im Februar angenommen, dass da etwas Gröberes auf uns zukommt», sagt er.

Pflege in Quarantäne überall sofort möglich

Sollte es derart grob kommen, dass es einen Coronafall im Alterszentrum gibt, so hat das Wengistein eine Isolierstation mit vier bis sechs Betten eingerichtet, die innerhalb einer halben Stunde bezogen werden könnten. Mehrere Heime verfügen über Sauerstoffgeräte. Auch dort, wo man nicht auf spezielle Isolierstationen setzt, sind jederzeit Zimmer parat, damit Kranke in Quarantäne gepflegt werden können.

Selbst in Zeiten des Coronanotstands behält das Leben seinen Rhythmus. Dazu gehört, dass Ostern gefeiert wird mit einem festlichen Menu, Ostereiern und Blumenschmuck. «Spass muss und darf weiterhin sein», sagt Christ. Aus diesem Grund sollen Bewohner und Angestellte im Ruttiger verfolgen können, wie nächste Woche Bibeli aus den Eiern schlüpfen, die sich jetzt noch im Brutkasten befinden.

Trotz aller Aktivierungsmassnahmen rechnet Sonja Leuenberger, Grenchen, damit, dass Ostern eine schmerzliche Zeit sein wird: «Dann macht sich die räumliche Trennung besonders bemerkbar.»

Zum Leben gehört auch das Sterben. Im Rahmen der palliativen Massnahmen erhalten die nächsten Angehörigen sowie Seelsorger ausnahmsweise eine Besuchserlaubnis im Alterszentrum, vorausgesetzt, sie sind gesund.

Meistgesehen

Artboard 1