Nun also nach Vevey. Und zwar «chargé». An die Fête des Vignerons. Kritiker mögen einwenden, Wein in die Waadt zu bringen, sei Wasser in die Aare getragen. Mag sein. Aber darum geht es nicht. Sondern um die Art und Weise, wie sich der Kanton an einer der grössten Festlichkeiten, welche die Confédération kennt, präsentiert. Es geht um Selbstdarstellung. Es geht gleichzeitig aber auch um Selbstvergewisserung. Und um Identität. Dies wiederum hat viel mit dem Nationalfeiertag zu tun. Und mit dem, wie wir uns im Bundesstaat sehen – und welche Rolle wir uns zudenken. Vorwärtsschauen ist also angesagt – wenn es um die Zukunft des Kantons geht – und schon gar, wenn die Pontons nun Richtung Welschland fahren.

Wichtige Hinweise, wohin die Reise des Kantons gehen soll, liefert ein Papier, das sich so staubtrocken ankündigt, wie ein Strategieprodukt aus einer öffentlichen Verwaltung nur tönen kann. «Standortstrategie 2030 für den Kanton Solothurn» heisst die Publikation, die der Regierungsrat Anfang Jahr verabschiedet hat. Nun, grosse Wellen hat die Schrift bisher nicht geworfen. Ausser dass im Zusammenhang mit der Unternehmensbesteuerung wiederholt auf den fiskalischen Handlungsbedarf nicht nur bei den Firmen, sondern insbesondere auch bei den natürlichen Personen hingewiesen wurde.

Der Schlüssel kommt erst im letzten Satz

Um beim letzten und entscheidenden Satz in der Strategie anzufangen: Ganz unscheinbar steht da: «Damit die Solothurnerinnen und Solothurner zu Botschafterinnen und Botschaftern des Standorts werden, soll eine gemeinsame Identität geschaffen werden.» Das ist der Schlüssel zu allem, was mit irgendwelchen Qualitäten, die der Kanton entwickeln will, zusammenhängt. Deshalb gehörte der Satz an den Anfang des Papiers. So oder anders: Entscheidend ist, dass er überhaupt Aufnahme in der Auslegeordnung gefunden hat. Denn an Identität, die nicht blosse Befindlichkeit, sondern gelebte Überzeugung ist, gebricht es dem Kanton zuweilen etwas.

Das müsste nicht sein. Denn Solothurn ist die idealtypische Schweiz im Kleinen. Früher gern als Beispiel für einen Kanton herbeigezogen, der bei einer helvetischen Gebietsreform modellhaft zer- und verteilt werden könnte, repräsentiert er heute als Scharnier zwischen Agglomerationen und Sprachräumen Eigenschaften, die in der sich sowohl soziografisch als auch wirtschaftsgeografisch rasch wandelnden Schweiz viel Potenzial haben. Da ist die Industrie, da ist High-Tech, da ist Gewerbe, da ist Landschaft und Landwirtschaft, da ist Städtisches und Dörfliches, da sind Verkehrswege und Kreuzungspunkte in alle Himmelsrichtungen, da ist Wohnraum, da ist Frei- und Freizeitraum, da sind funktionierende öffentliche Dienstleistungen. Da ist Bildung. Da ist Kultur. Da ist Lebensqualität. Manchmal offensichtlich, manchmal versteckt. Zuweilen bewusst zur Schau getragen, zuweilen still und verborgen.

Da sind vor allem aber auch Menschen, die zwar zuerst Schönenwerder, Egerkinger, Mümliswiler, Breitenbacher, Grenchner, Langendörfer und Günsberger sind. Gleichzeitig prägen sie aber ein Bild der Vielfalt, das exemplarisch für den Kanton, seine Regionen und deren Eigenheiten steht. Wie langweilig, wenn es nur Oltner, Grenchner und Stadt-Solothurner gäbe! Wie eintönig aber auch, wenn Solothurn bloss aus Gretzenbachern, Selzachern und Balmern bestünde! Allerdings: Unterschiedlichkeit allein macht noch keine Identität. Differenzierung grenzt ab, ist für sich aber kein Wert. Wenn der Regierungsrat sich deshalb «eine gemeinsame Identität» auf die Fahne schreibt, braucht es mehr.

Vor allem dies: Das Bewusstsein dafür, dass es im Kanton mehr Verbindendes als Trennendes gibt. Gewiss, es hat einen bestimmten Charme, seine scheinbare Exklusivität aus dem plakativen Anderssein zu beziehen – das reicht allerdings nicht aus. Um jene Repräsentation zu erreichen, die es im heutigen Wettbewerb der Standorte braucht, ist eine Grundmasse an gemeinsamen Überzeugungen, Interessen und Perspektiven notwendig. Identität kann nicht verordnet werden, sondern muss wachsen können. Identität wird auch nicht durch Standortpromotion geschaffen, sondern höchstens unterstützt. Mit anderen Worten: Man hüte sich als Regierung und Verwaltung davor, Hüllen ohne Inhalt zu verkaufen. Da nützt der beste Vorhangstoff nichts, wenn dahinter kein gut gefüllter Kleiderschrank steht.

Das Leben ist Investition, aber nicht nur in Franken

Um auf die Standortstrategie zurückzukommen: «Der Kanton Solothurn ist attraktiv zum Leben und zum Investieren», steht in derselben. Wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und Wohnen mit noch höherer Lebensqualität – das ist der Fokus, den der Regierungsrat gesetzt hat. Er ist richtig. Vor allem weil sich das Leben und Arbeiten immer stärker durchdringen. Wichtig dabei ist: Es geht bei der Entwicklung dieser Qualitäten nicht nur um harte Faktoren wie die Steuerbelastung.

Nein, es geht auch um weiche Faktoren wie die Bildung, die Kultur, das Freizeitangebot und die Kinderbetreuung. Nicht nur juristische Personen, sondern auch Bürgerinnen und Bürger verhalten sich heute so, dass sie Standortentscheide aus einer Mischung von objektivierbaren harten und von individualisierten weichen Faktoren treffen. Und – ja: Das Innenleben eines Standorts hat etwas mit seiner Aussenwahrnehmung, seinem Image, seiner Anziehungskraft zu tun. Das ist allerdings nur der Effekt dessen, was am Anfang jedes Eigen- und Fremdbildes steht: Identität und Identifikation. «Chargé pour Vevey» ist eine Chance dafür. Und ein kleiner Beitrag auf dem Weg zu einem Bewusstsein für die Ziele der Standortstrategie der Regierung.