Das Büro von Christian Lanz liegt im Stockwerk M des Solothurner Bürgerspitals. «M wie Migros» sage er den Leuten jeweils. Den Leuten, die zum Solothurner Rechtsmediziner wollen. Diese Stelle gibt es seit dem Herbst 2017. Der ehemalige Kantonsarzt Lanz beschäftigt sich etwa mit aussergewöhnlichen Todesfällen oder Blessuren, die skeptisch machen und auf häusliche Gewalt oder Selbstverletzung hindeuten. Und mit Auto fahrenden Senioren.

Bis im Sommer 2016 entschieden nämlich die Solothurner Hausärzte, ob ältere Patienten noch Auto fahren dürfen. Nun führen diese Fahreignungskontrollen nur noch Ärzte mit einer Weiterbildung durch. Es gilt das sogenannte Stufenmodell: Wer Senioren prüft, muss die Weiterbildung für Stufe 1 absolviert haben. Das haben aber nicht alle Hausärzte im Kanton getan.

Das sei mit ein Grund, wieso seine Stelle geschaffen worden sei, erzählt Lanz in seinem Büro. Hier überprüft er nun die Senioren, deren Hausärzte über keine Weiterbildung verfügen, oder die eigenen Patienten aus Befangenheit oder Zeitmangel nicht anschauen möchten: Ein kleiner Raum, eine Liegefläche, ein Pult mit Computer, vor dem Lanz mit Brille sitzt. Lanz deutet auf die Statistik auf dem Bildschirm: Diese sei eine «Badewanne» sagt er in Bezug auf die Zahlen, die das Risiko einen Verkehrsunfall zu verursachen nach Alter aufzeigen: «Wer frisch anfängt zu fahren und wer kurz vor der Abgabe des Führerscheins steht, verursacht häufiger Unfälle als andere.» Der Rechtsmediziner sagt aber auch: «Senior zu sein bedeutet nicht automatisch, schlecht zu fahren.»

Tests geben keine Garantie

Trotzdem – mit dem Alter gibt der Mensch ab: schwächere Sehkraft, kleineres Gesichtsfeld, verminderte Reaktionsfähigkeit. Dazu kommen Erkrankungen wie Demenz oder Herz- und Kreislaufstörungen. «70-Jährige heute sind so gesund wie 60-Jährige früher», sagt Lanz zwar. «Aber irgendwann hat auch ein gesunder Mensch seine Leistungsgrenze erreicht. Dann ‹dätscht› es einfach eher.»

Um dem vorzubeugen, gibt es in der Schweiz die obligatorische Fahreignungskontrolle. Senioren ab 75 müssen alle zwei Jahre in eine Untersuchung. Um das Billett zu behalten, müssen sie gewisse medizinische Mindestanforderungen erfüllen. Tun sie das nicht, ist der Führerschein weg. In Zweifelsfällen müssen über 75-Jährige eine Probefahrt absolvieren. Schliesslich gehe es nicht nur darum, einfach unfallfrei von A nach B zu kommen, sagt Lanz. «Als Autofahrer muss man seine Umgebung wahrnehmen, richtig und schnell genug reagieren können.»

Kann er die Senioren in einem einstündigen Test im Büro wirklich darauf testen? «Nein», sagt Lanz schlicht. Er macht nur medizinische Checks. «Ob die Senioren noch Auto fahren können, weiss ich nicht.» Müsste er sie dann nicht immer zur Probefahrt schicken? Lanz verneint erneut. Auch der beste Fahrer könne je nach Tagesform einen Unfall haben, der schlechteste sich durch eine Prüfung durchmogeln. Bringen es die Kontrollen dann überhaupt? Sie seien nicht für nichts, so Lanz. «Aber 100 Prozent Sicherheit haben wir nie.»

Am Schluss stehe jeder in der eigenen Verantwortung. Laut Lanz müssen Senioren ehrlich mit dem Arzt sein, der sie überprüft – und nicht etwa Beschwerden verschweigen. Und ehrlich mit sich selbst: «Brauche ich das Billett noch? Wäre ich nicht besser mit dem öV unterwegs? Kann der Partner für mich fahren?» Das seien zentrale Fragen, die sich Senioren am Steuer stellen sollten. Dazu hält Lanz dieser Tage Vorträge im Kanton. Um klar zu machen, dass die Fahreignungsabklärung nicht einfach ein Behördenakt und Diskriminierung der Älteren ist. Heikel ist das Thema aber allemal.

Hausärzte «spielten Gutachter»

Heikel, emotional, und auch immer wieder politisch (siehe auch Kasten «Diskriminierung?»). Der Führerscheinentzug komme für manche gleich wie der Einzug ins Altersheim, sagt Lanz. Autonomie im Alter sei wichtig. Aber: «Im Strassenverkehr besteht immer die Gefahr, andere zu verletzen.» Deshalb habe er kein Verständnis wenn nicht mehr fahrtaugliche Senioren unbedingt auf das Recht Auto zu fahren pochen.

Das führte viele Hausärzte ins Dilemma: Sie begleiteten und behandelten jahrelang Patienten – und mussten dann plötzlich «Gutachter spielen», ihnen je nachdem das Billett «wegnehmen». Deshalb machen heute nur noch die Ärzte Fahreignungsabklärungen, die die entsprechende Weiterbildung dazu haben. Oder neutrale Fachpersonen wie Lanz im Bürgerspital.

Vortrag «Sicher Autofahren – auch im Alter», heute Mittwoch im Alten Spital, Oberer Winkel 2 Solothurn, 19 bis 20.30 Uhr