Als wir den Termin für unser Gespräch vereinbart haben, war noch nicht klar, wann genau es so weit sein wird. Dann, wenige Tage später, meldete sich Marianne Schär* telefonisch auf der Redaktion: «Mein Schwester hat ihren Wunsch jetzt realisiert.» Sie wirkte gefasst, wir haben unser Treffen einen Tag vorverschoben, es gibt ein Menge zu erledigen. Wie immer, wenn jemand stirbt. Ihre Schwester, deren Name hier keine Rolle spielen soll, ist 67 Jahre alt geworden. 

Ganz in Schwarz gekleidet und mit festen Schritten kommt Marianne Schär auf uns zu. «Ich fühle mich gut», sagt sie, jetzt, wo alles überstanden ist. «Es hat sich bei mir eine Spannung gelöst und ich bin sehr dankbar, dass meine Schwester es geschafft hat, das umzusetzen, was sie sich hundertprozentig gewünscht hat.» Ein Satz und ein Gedanke, der sich wie ein roter Faden durch unser Gespräch ziehen wird. In ihre Dankbarkeit mischt sich aber auch ein Gefühl tiefer Trauer: «Das ist für mich nicht anders als für jemanden, der einen nahestehenden Menschen durch einen natürlichen Tod verloren hat.» 

Ein schöner Vorgang

Besonders verstörend waren für sie die ersten Momente nach dem Eintritt des Todes. «Ich habe miterlebt, wie sie sich selbst umgebracht hat.» Eine Situation, in die normalerweise niemand kommt. Wählt jemand den Freitod, geschieht dies in aller Regel in völliger Einsamkeit. Und natürlich war – und ist – da auch dieses Gefühl von Verlorenheit und Hilflosigkeit. Mit ihrer Schwester hat Marianne Schär ihr letztes direktes Familienmitglied verloren. «Solche Gefühle sind aber auch immer von einem Stück Egoismus geprägt», meint sie selbstkritisch. Positive Kraft verleiht ihr der Wunsch, den beiden erwachsenen Kindern ihrer Schwester und ihren Familien beizustehen. Und dann ist da auch noch das Hündchen ihrer Schwester, ein ständiger treuer Begleiter, ihr ein und alles. «Der braucht jetzt meine volle Aufmerksamkeit, weil er sein Frauchen verloren hat.»

Kraft geben Marianne Schär aber auch die Eindrücke, die sich vom Tod ihrer Schwester fest in ihr eingeprägt haben. «Ich habe nur gute Bilder im Kopf, es war ein schöner Vorgang.» In ihrem langen Berufsleben als Pflegefachperson hat Marianne Schär viele Menschen sterben sehen. «Solche, die einen schlimmen Todeskampf durchmachen mussten, wie man dies niemandem wünschen würde.» Aber auch viele, «die in ihren entscheidenden Minuten über sich hinausgewachsen sind». Zu diesen gehörten ihre Eltern vor einigen Jahren – und jetzt ihre Schwester. «Ich werde nie vergessen, wie sie stolz und zufrieden am Bettrand gesessen ist und mit einer grossen inneren Ruhe das Glas mit dem Medikament in einem Zug leer getrunken hat. Dann ist sie friedlich eingeschlafen.» Obwohl Marianne Schär in diesem Moment viele traurige Gedanken bedrückt haben, sagt sie fest überzeugt: «Ich bin stolz darauf, dass sie mich das hat erleben lassen.»

Stolz gemacht hat sie vor allem diese «Entschlossenheit und Souveränität», die ihre Schwester ausgestrahlt hat. Der Entscheid, sich bei der Sterbehilfeorganisation Exit anzumelden, fiel vor gut einem Jahr, nachdem sie erfahren hatte, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt war. «Der Gedanke, pflegebedürftig und von anderen abhängig zu werden, war für meine Schwester unerträglich.» Hinzu kam die Angst vor den Schmerzen, die sich mit dem Fortschreiten der Krankheit einstellen würden. Wie aber hat Marianne Schär reagiert, als ihre Schwester sie in ihre Pläne eingeweiht hat? Sie, die als Leiterin Berufsbildung Pflege bei der Solothurner Spitäler AG arbeitet. Sie, der es ein grosses Anliegen ist, anderen zu helfen, gerade ihren engsten Angehörigen.

Eine schwere Zeit

«Mir wurde bald klar, dass es meiner Schwester mit dem Entschluss zum Freitod sehr ernst war.» Auch in den Vorbereitungsgesprächen mit der Sterbehilfeorganisation habe sich dieser Wunsch herausgeschält. «Und bis ganz zum Schluss bestand die Möglichkeit für sie, sich anders zu besinnen.»

«Ich signalisierte von Beginn an, dass ich ihren Wunsch voll akzeptieren kann und sie auch dabei unterstützen werde.» Ohne allerdings zu wissen, ob sie selbst in einer ähnlichen Situation ebenfalls den Freitod wählen würde. «Ich wusste einfach, dass es für meine Schwester der richtige Weg war.» Und dennoch hat sie ihr im vergangenen Jahr immer wieder Alternativen zum Freitod aufgezeigt. «Sie sollte spüren, dass sie auf unsere Unterstützung zählen kann, wenn sie pflegebedürftig wird.» Gleichzeitig war da aber auch die Überzeugung, dass sie selbst über ihre Leben bestimmen kann – und soll.

Die vergangenen Monate waren nicht einfach, für niemanden, weder für ihre Schwester noch für alle Angehörigen. Ihr Leben lang sei ihre Schwester immer für andere da gewesen und entsprechend schwer sei es ihr gefallen, die Hilfe von Marianne Schär und von ihren eigenen Kindern anzunehmen. «Uns aber war es ein grosses Anliegen, ihr in der noch verbleibenden Zeit möglichst viel Gutes zu tun.» Gegen Schluss kamen zudem bei ihren Kindern und auch bei Marianne Schär gewisse Zweifel auf. «Hätten wir vielleicht noch etwas anderes tun können, um sie vom Freitod abzubringen?» Solche Ängste und Sorgen versuchte Marianne Schär aber von ihrer Schwester wenn möglich fernzuhalten. «Sie sollte dadurch nicht beunruhigt und verunsichert werden.»

Ein bewusster Abschied

Und dann ging alles recht schnell. Zwei Wochen vor ihrem Freitod verschlechterte sich der gesundheitliche Zustand massiv, und ihre Schwester musste damit rechnen, nicht mehr selbstständig leben zu können. «Das war für sie das Signal, den Prozess einzuleiten.» In den verbleibenden vier Tagen bis zum selbst gewählten Todesdatum war sie nie mehr allein. Sie konnte und wollte sich nicht einfach so aus dem Leben schleichen. Freunde, Bekannte und Angehörige gaben sich die Klinke in die Hand. Begegnungen, die Marianne Schär beeindruckt haben: «Ein geplanter Tod ermöglicht es, gezielt Abschied zu nehmen.» Dazu gehört es, sich aktiv mit dem Tod auseinanderzusetzen – und nicht unvorbereitet davon überrascht zu werden.

Am Vorabend hat sie sich mit mehreren Freunden noch zu einem chinesischen Abendessen getroffen –auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin. Am Tag selber dann nahm sie von ihren Kindern und Enkelkindern Abschied. «Bis zu Schluss war es ihr wichtig, alle ihre persönlichen Angelegenheiten geregelt zu wissen.» Bei der «Umsetzung» war – neben der Begleitperson von Exit – nur noch Marianne Schär dabei. «Obwohl ich mich zuvor lange mit dieser Situation auseinandersetzen konnte, wusste ich nicht, was das mit mir machen wird.» Am Tag zuvor hatte sie sich bei einer Vertrauten ausgesprochen und geweint. «Vor meiner Schwester wollte ich keine Schwäche zeigen, ich hatte ihr versprochen, ihr die nötige Kraft zu spenden.» Es hat geklappt.

*Marianne Schär ist Leiterin Berufsbildung Pflege der Solothurner Spitäler AG (soH). Sie vertritt im Artikel ihre private Meinung, die nicht zwingend mit jener der soH übereinstimmt.