Bildung
«Ich vermisse meine Klasse»: Wie Lehrpersonen den Lockdown erleben

Am 11. Mai sollen die Schulen voraussichtlich wieder öffnen. Bis dahin müssen die Lehrpersonen ihre Schülerinnen und Schüler weiter aus der Ferne betreuen. Fünf Lehrerinnen und Lehrer aus dem Schulkreis BeLoSe haben uns erzählt, wie sie den Schulalltag ohne Schüler im Klassenzimmer erleben.

Rebekka Balzarini
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Tamara Bur und Ursula Niklaus sind 1.Klass-Lehrerinnen an der Primarschule Selzach.

Tamara Bur und Ursula Niklaus sind 1.Klass-Lehrerinnen an der Primarschule Selzach.

Tom Ulrich

Fabienne Cosandey, Lehrerin 6. Klasse

Tom Ulrich

«Ich finde die aktuelle Situation sehr spannend. Aber sie ist auch herausfordernd. Ich sehe meine Schülerinnen und Schüler nicht, das ist sehr speziell. Gerade wenn es darum geht, ihnen zu helfen, wenn sie etwas nicht verstehen. Das muss ich jetzt schriftlich machen oder im Videochat. Es ist jetzt noch wichtiger als vorher, Aufgaben möglichst verständlich zu formulieren. Meine Schülerinnen und Schüler melden sich regelmässig. Einigen musste ich aber erklären, dass sie mir um 10 Uhr abends keine Fragen mehr zu Mathematikaufgaben zuschicken können. Dafür haben wir fixe Zeiten, und daran müssen sie sich halten. Ich merke, wie unterschiedlich die Kinder ticken. Einigen geht es gut, und bei anderen spüre ich, dass sie etwas kämpfen müssen. Ihnen ist langweilig, und sie haben Mühe, sich zu organisieren. Ich bin sehr froh, haben wir den Übertritt der Kinder in die Oberstufe schon vor dem Lockdown organisiert. Trotzdem mache ich mir etwas Sorgen, denn es gibt Kinder, bei denen war die Entscheidung etwas knapp. Ich hoffe jetzt, dass sie den Stoff auch daheim gut genug lernen können, dass es auch nach dem Übertritt gut läuft. Ich freue mich, wenn die Schüler wieder zurück sind. Ich vermisse es zum Beispiel, mit ihnen zu lachen und zu singen. Ich denke, den Kindern fehlt die Schule auch. An Ostern habe ich ihnen eine kleine Überraschung in den Briefkasten gelegt, darüber haben sie sich sehr gefreut. Selber habe ich in den letzten Wochen viel gelernt, vor allem, was Technik angeht. Ich habe sehr viele tolle Webseiten zum Lernen entdeckt».

Fabienne Heutschi, Lehrerin 4. Klasse

Tom Ulrich

«Der Start nach dem Lockdown war intensiv. Meine Teamkollegin und ich hatten wie auch die anderen Lehrpersonen keine Zeit, uns von den Schülerinnen und Schülern zu verabschieden. In kurzer Zeit mussten wir ein neues Konzept für den Fernunterricht erarbeiten. Der Fernunterricht hat nicht mehr viel mit unserem herkömmlichen Schulalltag zu tun. Wir mussten zum Beispiel überlegen, wie wir mit den Schülern kommunizieren. Unsere Schüler haben keine eigenen Geräte. Trotzdem sollten wir mit ihnen auch digital arbeiten können. Abklärungen mit den Eltern haben ergeben, dass alle Kinder zuhause ein digitales Gerät und einen Drucker zur Verfügung haben. Bei der Planung müssen wir berücksichtigen, dass es Familien mit mehreren Kindern gibt, und dort nur ein Gerät vorhanden ist. Unsere Schülerinnen und Schüler erhalten einen Wochenplan, auf welchem obligatorische und zusätzliche Aufgaben aufgelistet sind, welche die Schülerinnen und Schüler während der Woche bearbeiten müssen. Die Arbeit mit dem Wochenplan verlangt von den Schülerinnen und Schülern sehr viel Selbstorganisation und Planung. Wir stehen deshalb vermehrt in Kontakt mit den Eltern. Sie sind froh, dass die Kinder weiter unterrichtet werden und geben konstruktives Feedback. Grundsätzlich bin ich positiv überrascht, wie gut sich die Kinder auf die neue Unterrichtssituation eingelassen haben. Viele Kinder machen sogar Zusatzaufgaben, das hätte ich nicht erwartet. Ich vermute, sie vermissen die Schule auch».

Tamara Bur und Ursula Niklaus, Lehrerinnen 1. Klasse

Tamara Bur und Ursula Niklaus sind 1.Klass-Lehrerinnen an der Primarschule Selzach.

Tamara Bur und Ursula Niklaus sind 1.Klass-Lehrerinnen an der Primarschule Selzach.

Tom Ulrich

«Wir vermissen unser Schüler sehr und freuen uns über jedes Zeichen von ihnen. Egal ob es eine Zeichnung ist, ein Telefonanruf oder eine Karte. Im Heimunterricht können wir sie nicht so gut begleiten, wie das im Regelunterricht möglich ist. In der Unterstufe lernen die Kinder sehr viel über Emotionen und Nähe. Spielerische Sequenzen und rhythmische Elemente, die den Unterricht so bereichern, fehlen. Die Kinder erhalten einen Wochenplan, der genau beschreibt, was wann erledigt werden muss. Da wir auf der Unterstufe nicht regelmässig mit technischen Geräten arbeiten, stellen wir den Lernstoff in papierener Form zusammen. Wir probieren möglichst viele Arbeitsabläufe und Aufgabenstellungen einzubauen, die den Kindern bekannt sind, damit sie möglichst selbständig arbeiten können. Wir erhoffen uns dadurch, die Eltern etwas zu entlasten. In den ersten beiden Wochen erhielten die Kinder vorwiegend bekannten Lernstoff, den sie repetieren und festigen konnten. Mit den neuen Wochenplänen nach den Frühlingsferien kommen Lerninhalte hinzu, die die Kinder so noch nicht kennen. Dies bedingt eine engere Betreuung durch uns und die Fachlehrpersonen. Die Förderlehrperson betreut vorwiegend Kinder mit Förderbedarf, die DaZ Lehrperson die fremdsprachigen Kinder. Wenn es nötig ist, neue Lerninhalte zu veranschaulichen, werden wir künftig kurze Lernvideos in den Klassenchat stellen. Damit wir gewisse Arbeiten der Kinder einsehen können, werden die Eltern gebeten, diese uns per Mail zukommen zu lassen. Uns ist es wichtig, dass jedes Kind einmal pro Woche von einer seiner Lehrpersonen kontaktiert wird. Wir freuen uns sehr darauf, die Kinder bald wieder im Schulzimmer begrüssen zu dürfen».

Rolf Brechbühl, Lehrer 2. Sekundarklasse

Rebekka Balzarini

«Der Unterricht ist momentan ganz anders. Das ist spannend, aber auch anstrengend. Wegen des Lockdowns musste ich meine Planung vorerst über den Haufen werfen. Ich wollte mit meinen Schülern das Thema Atombau behandeln. Ich fand das aber kein gutes Thema, um es alleine daheim zu lernen. Deshalb habe ich schnell umdisponiert und das Thema Nahrungsmittel und Ernährung vorgezogen. Atombau behandle ich jetzt nach den Frühlingferien, mittlerweile haben wir mehr Erfahrungen gesammelt. Meine Schüler besitzen alle ein elektronisches Gerät, das macht die Kommunikation mit ihnen einfach. Wir halten Klassenkonferenzen ab, und die Schüler können mich im Chat erreichen. Hier habe ich mich etwas verschätzt: Sie brauchen meine Hilfe viel weniger, als ich es angenommen habe. Oft helfen sie sich untereinander aus, das habe ich von den Eltern gehört. Die Schüler gehen unterschiedlich mit der Situation um. Einigen macht es Spass, sich alles selber einzuteilen. Andere haben etwas Mühe damit, so viele Aufträge am Computer zu erledigen. Ich versuche deshalb, ihnen auch Aufgaben auf Papier zu geben. Ich überlege mit häufig, ob ich meinen Schülern alles so gut vermitteln kann, wie ich das gerne möchte. Und ich freue mich sehr darauf, wenn sie wieder im Klassenzimmer sind. Es ist schön, wenn man miterlebt, wie ihnen plötzlich ein Knopf aufgeht. Wenn ich immer so unterrichten müsste, dann hätte ich den Lehrberuf wohl nicht gewählt. Ich mag den sozialen Kontakt und vermisse es, mit meinen Schülern direkt zu kommunizieren. Aus der aktuellen Phase nehme ich ein paar Sachen mit: Zum Beispiel möchte ich weniger Papier benutzten und könnte mir vorstellen, den Schülern vor Lernkontrollen Fragestunden im Chat anzubieten.»