Kurator geht in Pension
«Ich verlasse vielleicht den schönsten Arbeitsplatz im Kanton Solothurn»

Am Donnerstag gibt Konservator André Schluchter seinen Schlüssel des «Schloss Waldegg» ab. Der Oltner Historiker kann nach 23 Jahren loslassen. In dieser Zeit hat er auch die grossen Diskussionen um das Schlösschen miterlebt.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Ein Bild von Schloss-Kurator André Schluchter aus dem Jahr 2003
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Der Oltner Historiker im 2007 an seinem Schreibtisch
André Schluchter zeigt Ende 2009 den ersten Teil von Franz Haffners Solothurner Weltgeschichte von 1666.
André Schluchter hält 2009 bei der Generalversammlung des Vereins Freunde des Museums Altes Zeughaus einen Vortrag.
André Schluchter heisst im September 2014 den Züghuusjoggeli für gut eineinhalb Jahre auf Schloss Waldegg willkommen.
Schluchter im September 2015 vor dem Schloss Waldegg
André Schluchter (2.v.l.) engagiert sich als Oltner als Gründungsmitglied des Trägervereins «100 Jahre Landesstreik 2018» Im Bild mit (v.l.) Philippe Grüninger (Jurist im Amt für Kultur), Franziska Weber (Museum Altes Zeughaus), Cäsar Eberlin (Chef Amt für Kultur), Regierungsrätin Esther Gassler, Oltens Stadtschreiber Markus Dietler, Regisseurin Liliana Heimberg, Regierungsrat Remo Ankli, Ständerat Roberto Zanetti, Event-Organisator Harri Kunz.
Zum Ende seiner Kuratoriumslaufbahn legt André Schluchter im Frühling 2016 mit seinem Vorgänger Georg Carlen ein Bändchen zum Schloss Waldegg vor.
André Schluchter als Kurator des Schloss Waldegg

Ein Bild von Schloss-Kurator André Schluchter aus dem Jahr 2003

Robert Grogg

Nach 23 Jahren ist es so weit: André Schluchter, studierter und promovierter Historiker, gibt sein Amt als Kurator des Schlosses Waldegg an seinen Nachfolger Andreas Affolter weiter. «Ich bin zufrieden und habe ein gutes Gefühl», sagt der Oltner im Gespräch.

Er könne loslassen, fügt er hinzu. Etwas, das ihm sehr wichtig ist. «Durch eine Knieoperation Ende März war ich gezwungen, das schon mal zu üben», schmunzelt der 65-Jährige.

Ein Abschied in Raten

Es werde ein beruflicher Abschied in Raten, präzisiert er. «Das Waldegg-Engagement gebe ich auf den 1. Mai ab, dann folgt auf 30. Juni das Ende meiner Tätigkeit als Leiter der Abteilung Kulturpflege des Kantons.» Dieses Amt übt er also noch bis zur Wiedereröffnung des Museums Altes Zeughaus aus. «Bis November 2017 habe ich dann noch den Auftrag, die Solothurner Kantonsgeschichte zu beenden.» Da seien noch zwei Bände vorgesehen: Band 5/I und 5/II, welche die Zeit von 1914 bis ca. 2005 beleuchten. «Ich bin zuversichtlich, dass ich den Termin einhalten kann. Die meisten Texte liegen vor.»

Idylle im Garten des Schloss Waldegg
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Das Schloss Waldegg
Ausnahmsweise ist es ruhig auf dem Schloss Waldegg.
Begegnungszentrum und Museum: Schloss Waldegg
Das Anwesen macht rundum einen gepflegten und idyllischen Eindruck.
Statue beim Schloss Waldegg
Einzigartig: Der Korridor verläuft ohne Hindernis durch das ganze Schloss.
Offene Türen: Das Museum soll für jeden zugänglich sein.

Idylle im Garten des Schloss Waldegg

Hanspeter Bärtschi

André Schluchter begann seine Arbeit auf Schloss Waldegg mit einem 20-Prozent-Pensum. «Daneben unterrichtete ich noch an der Kantonsschule Zofingen und in Aarau an der Maturitätsschule für Erwachsene.» Doch so nach und nach wurde das Engagement für den Kanton Solothurn immer grösser und schliesslich legte er vor rund vier Jahren die Unterrichtstätigkeit ganz beiseite. «Obwohl ich sehr gerne unterrichtet habe.»

Zu Beginn seiner Historikerlaufbahn Ende der 1980er-Jahre widmete sich der «Spät-68er» – wie er sich selbst bezeichnet – in seinen Studien vielfach der Armutsproblematik im 18. und 19. Jahrhundert. Dass ausgerechnet er dann ins Schloss Waldegg kam, um hier das zu bewahren, was die Schönen und Reichen jener Zeit anhäuften, ist eine leise Ironie der Geschichte. Doch er habe sich im Schloss immer wohl gefühlt, betont Schluchter. «Mir war es eben wichtig, bei Führungen hervorzuheben, dass an dem vielen Gold und Besitz auch viel Blut und Schweiss klebt.»

Vielleicht sei er heute gegenüber den damals Herrschenden milder geworden, meint er noch. «Ich habe jedoch die andere Seite nie aus den Augen verloren.» Ein Historiker müsse sachlich bleiben. Während seiner Tätigkeit herrschte nicht immer nur eitel Freude. Er erinnert an die grossen Diskussionen rund um das Schloss während der krisenhaften 1990er-Jahre. Ein solches Luxusobjekt brauche niemand, sei damals gesagt und geschrieben worden.

Heute aber ärgert sich niemand mehr über das schöne Barockschlösschen. Im Gegenteil. «Meine Mitarbeiter und ich – ich möchte hier vor allem Hauswart Fredy Hug nennen – wollten das Haus auch immer für Besucher aller Art offen halten. Neben dem Museum ist es ein Schloss, auf dem gefeiert, Theater gespielt, Musik gemacht und diskutiert wird. Unser Rezept: Jeder ist willkommen in diesem Haus, auch wenn er in Jeans kommt.» Rund 10'000 Personen besuchen das Schloss heute pro Jahr.

Fredy Hug vor dem Eingang zum Schloss Waldegg

Fredy Hug vor dem Eingang zum Schloss Waldegg

Fränzi Zwahlen-Saner

Als Kurator war André Schluchter die Neuinszenierung der Dauerausstellung besonders wichtig. 2013 konnte er die Ausstellung mit dem Titel «Wer zieht am Faden? Ambassadoren und Patrizier in Solothurn» präsentieren. Bei der Zusammenarbeit mit Ausstellungsmacher Kilian T. Elsasser habe er sehr viel gelernt, betont er. «Wir konnten Nachhaltiges schaffen und endlich wurde auch mein Auftrag, ein Ambassadoren-Museum einzurichten, in die Tat umgesetzt.»

Schönster Arbeitsplatz des Kantons

Im Übrigen fliessen einige Erkenntnisse bezüglich Ausstellungstechnik, aber auch Inhalte der Ambassadorenzeit in die neue Ausstellung des Museums Altes Zeughaus. Als weitere Highlights seiner Tätigkeit auf der Waldegg nennt er die Sonder-Ausstellung «Leuchtende Tage», die alle zwei Jahre stattfindenden Barockopern oder die Schultheaterwoche. «Ich freue mich, dass zum Ende meiner Tätigkeit auch noch ein Schweizer Kunstführer über die Waldegg erscheinen konnte.»

Ein weiterer wichtiger Meilenstein in Schluchters Berufskarriere war die Ausarbeitung des Strategiepapiers für die Museen des Kantons Solothurn von 2008 und die damit zusammenhängende Gründung des Museumsverbandes Musesol, welches er als Leiter der Abteilung Kulturpflege verfasste.

Es sei vielleicht der schönste Arbeitsplatz im Kanton Solothurn, den er jetzt verlasse, sinniert der Oltner. «Doch ich freue mich auf etwas mehr Freizeit und darauf, die noch anstehenden Projekte in Ruhe auszuführen.» Schluchter weiss nach so vielen Jahren alles über das Schloss, aber er sagt: «Wenn man mich fragt, gebe ich gerne Auskunft. Doch einmischen werde ich mich mit Bestimmtheit nicht. Mein Nachfolger hat sicher neue, überraschende Ideen.»

Als Oltner habe er sich hier sehr wohl gefühlt, dennoch sei er kein Stadt-Solothurner geworden. «Ich bin ein Kantons-Solothurner», sagt er mit Überzeugung. «Durch meine historische vielfältige Arbeit bin ich sicher in jedem Dorf des Kantons schon mal vorbeigekommen und ich finde, der Kanton Solothurn dürfte im Orchester der Kantone ruhig noch etwas selbstbewusster auftreten.»