Peter Brotschi, ein Jahr lang waren Sie der höchste Solothurner. Wie hart wird die Landung, wenn ab dem 1. Januar nichts mehr los ist?

Peter Brotschi: Das Leben geht weiter. Ich hänge nicht an der Macht, wenn es eine wäre. Und ich bin dankbar, dass alles gut abgelaufen ist. Die benediktinische «Discretio», das richtige Mass in allem, ist wichtig in meinem Leben. Und ein Jahr ist das richtige Mass für dieses Präsidium.

Wie viel Zeit wendet ein Kantonsratspräsident auf?

Ich habe noch nie so viele Krawatten in meinem Leben getragen (lacht) Die Stunden habe ich nicht gezählt, aber neben Sitzung und Session habe ich gegen 200 Anlässe besucht. Gedanklich ist man jeden Tag dran. Und man bewirtschaftet seine Agenda selbst. Mailverkehr, Korrespondenz, Ansprachen schreiben: Man muss sehr diszipliniert arbeiten. Neben Beruf und Präsidium konnte ich noch Sport treiben und meine Pflichtstunden als Pilot absolvieren. Der ganze Freundeskreis aber konnte nicht gepflegt werden, da konnte man keine privaten Einladungen machen.

Trotz des Einsatzes gibt es kaum eine Entschädigung. Derzeit läuft die Diskussion, ob es nicht wenigstens einen Kantonsbeitrag an die Feier geben sollte.

Der Kanton könnte schon ein Zeichen setzen. Es müsste kein Riesenbetrag sein. Man kann eine Feier ja auch kostengünstig machen. Ich habe versucht, das zu beweisen.

Man kann kritisch sagen, dass Sie ein sehr politischer Kantonsratspräsident waren. Sie haben sich mit Äusserungen etwa zu Ecopop oder zur Pistenverlängerung weiter vorgewagt als Ihre Vorgänger.

Ja, aber ich habe den Fahrplan für diese politischen Geschäfte ja nicht gemacht. Dass sie gerade während meines Präsidiums auf die Traktandenliste kamen, das war von aussen diktiert. Ich bin doch auch der Mensch und der Bürger Peter Brotschi. Man soll auch als Kantonsratspräsident sich selbst bleiben dürfen. Transparent zu sein und sich selber nicht verbiegen, das ist mir wichtig.

Sollte man nicht hinter das Amt treten?

Ich habe mich im Rat nie zu den Themen geäussert. Und zu Ecopop habe ich mich öffentlich nie von mir aus geäussert, sondern nur, wenn ich gefragt wurde. Es hätte mich auch gefuchst, Leserbriefe zu schreiben. Das habe ich nicht gemacht und auch Interviewanfragen abgelehnt.

Was war Ihr schönstes Erlebnis?

Es gab sehr viele wunderbare Erlebnisse. Eines der schönsten war die 1. Augustfeier. Ich durfte an der grössten Bundesfeier im Kanton, in Derendingen, Zuchwil, Biberist, die Rede halten. Ich habe immer sehr gerne Ansprachen gehalten und mich dabei auch dezidiert politisch geäussert.

Wie viel Macht hat ein Kantonsratspräsident?

Die Macht, das Wort zu erteilen. Die „Macht“ beschränkt sich auf die Führung und Festlegung der Traktandenliste und die Sitzungsleitung. Wer redet wann. Und vielleicht hat man ein gewichtigeres Wort, wenn man etwas sagt. Aber das ist ja nicht messbar.

Sie brachten nach 19 Jahren das Kantonsratspräsidium wieder nach Grenchen. Warum ging es so lange?

Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es ist für mich Problem, dass sich leider wenige auf kantonaler Ebene in Kommissionen und Verbänden engagieren. Ich war während des Jahres nicht an einer einzigen Delegiertenversammlung in Grenchen, war aber über ein Dutzend Mal in Olten und fast unzählige Male in Solothurn. Ich möchte, dass bedeutende Verbände wieder vermehrt nach Grenchen kommen.

Wo liegt das Problem?

Das weiss ich auch nicht. Aber man kann den Staatskalender anschauen. Da finden sich leider wenig Grenchner in kantonalen Ämtern. Diese müssten sich mehr engagieren. Es kommt Dich niemand fragen.

Wie geht es mit Peter Brotschis Karriere weiter – kommt nun die Nationalratskandidatur?

Ich war bisher erster Ersatz und bin auch jetzt im Gespräch mit der Partei. Aber ich weiss noch nicht, ob ich kandidiere. Ich werde über Weihnachten/Neujahr in mich gehen und schauen, was für mich gut ist. Ich bin seit 35 Jahren extrem engagiert, sei es beruflich, in Vereinen, politisch oder im Militär, wo ich über 1000 Diensttage gemacht. Jetzt muss ich schauen, wie es weiter geht.

Sie wurden oft als Kantonsratspilot bezeichnet. Wo liegen die Gemeinsamkeiten zum Fliegen?

Kantonsratssitzungen zu leiten, das ist ähnlich wie das Fliegen: Man muss immer mit Unvorhergesehenem rechnen. Man muss immer dran bleiben, um die Übersicht zu behalten. Das gibt eine kleine Anspannung. Das hat mir viel Freude gemacht, ich führe gerne.