Mike Müller
«Ich habe zwar den Zürcher Dialekt nicht angenommen, aber ich gebe zu, dass ich Zürcher geworden bin»

«Auf einen Kaffee mit ...» Schauspieler und Satiriker Mike Müller, der vom Oltner zum Zürcher wurde, mit seinem neuen Programm «Heute Gemeindeversammlung» aber bald wieder in der Solothurner Heimat unterwegs ist.

Hans Peter Schläfli
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Schauspieler Mike Müller in der Zürcher «Markthalle». Er mag weder schlechten Kaffee noch Fertigprodukte.

Schauspieler Mike Müller in der Zürcher «Markthalle». Er mag weder schlechten Kaffee noch Fertigprodukte.

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Frisch geduscht und mit leicht feuchten Haaren, aber unrasiert trudelt Mike Müller gut gelaunt in der noch fast leeren «Markthalle» in Zürich ein. An der Bar wird er freundlich begrüsst – hier ist er nicht der berühmte «Bestatter» aus dem Fernsehen, sondern gern gesehener Stammgast. Das Du ist für ihn selbstverständlich. Ob Barmann, Journalist oder Fernsehstar ist egal, er spricht mit allen auf Augenhöhe. Und wenn er redet, dann ist er Oltner. «Das täuscht vielleicht ein wenig», erklärt Müller, «ich habe zwar den Zürcher Dialekt nicht angenommen, aber ich gebe zu, dass ich Zürcher geworden bin.» Es gebe keine andere Stadt in der Schweiz, die für Zugelaufene so angenehm sei wie Zürich. «Hier spielt es ganz einfach keine Rolle, woher man kommt.»

Bald kommt er für einen Abend zurück in seine Solothurner Heimat, um in Kriegstetten sein neustes Soloprogramm «Heute Gemeindeversammlung» aufzuführen. Bis in die zweite Klasse ging Müller in Zuchwil zur Schule. «In der Badi Solothurn lernte ich schwimmen. Meine Grossmutter stammt aus Gerlafingen und ich habe im Wasseramt meine frühste Kindheit erlebt», erzählt der Schauspieler – ohne nostalgisch zu werden. «Ich weiss nicht, was Heimatgefühle sind. Das ist ein schwieriger Begriff. Aber meine Verbindung zu Olten ist immer noch intensiv. Meine Eltern und meine alten Freunde aus der Kanti und vom Theaterstudio leben in Olten. Und wenn es irgendwie geht, spiele ich auch gerne dort. Eine kleine Gruppe Jugendfreunde hat zusammen das Theaterstudio aufgebaut und diese Freundschaften werden bestand haben, bis ich irgendwann in den Ofen geschoben werde.»

Wie der gute Kaffee zu SRF kam

Ausgerechnet in Kriegstetten. Nach der Premiere in Winterthur beginnt Mike Müller seine Tournee durch die Schweiz in diesem kleinen Dorf, das auf eine turbulente jüngere Geschichte mit einem gescheiterten Fusionsversuch mit den Nachbargemeinden und Streit unter den politischen Lagern zurückblickt.

Auftritt bald in Kriegstetten

Raoul Furrler ist Gemeindepräsident, oder besser gesagt: Er war es. Wie es dazu kam und wer da alles eine Rolle spielte, erzählt der Oltner Schauspieler Mike Müller in seiner neusten Satire «Heute Gemeindeversammlung» am kommenden Samstag, 4. November in der Mehrzweckhalle Kriegstetten.

In der Fiktion des Politikbetriebes auf der kleinsten Flamme, der Gemeindepolitik, wird die Suppe heisser gegessen, als sie gekocht wurde. Die Vorstellung beginnt um 20.30 Uhr in der Mehrzweckhalle. Das Rahmenprogramm, «Meet an Greet» mit Mike Müller, geladenen Gästen, mit Musik der Band «Abraxas und Nachtessen, beginnt um 18 Uhr. Vorverkauf: www.ticketfrog.ch; Tischreservation Meet and Greet: roberto.marchetti@gawnet.ch

Weitere Vorstellungen in der Region: 2. Dezember: Bären Ersigen; 23. Februar: Bären Utzenstorf; 2./3. März: Theaterstudio Olten; 20. März: Stadttheater Solothurn.

Die Einladung zur Vorstellung in Kriegstetten habe der frühere SVP-Gemeindepräsident Manfred Küng mit freundlichen und dankenden Worten abgelehnt, sagt Roberto Marchetti, der Präsidenten des Kulturkreises Kriegstetten, der den Anlass organisiert. Wird Manfred Küng etwas verpassen? Müller: «Ich habe verfolgt, was politisch in Kriegstetten abgelaufen ist und kenne die Figur des früheren Gemeindepräsidenten. Ich gehe zwar in einem kurzen Teil des Programms auf die lokalen Verhältnisse ein, aber es handelt sich um eine absolut fiktive Geschichte. Es geht nicht um Manfred Küng. Ich spiele mit dem Thema Gemeindefusion. Und dass es Animositäten gibt, ist fast in allen Gemeinden der Fall.» Kriegstetten stehe exemplarisch für die SVP im Kanton Solothurn, einer jungen Partei mit Personalproblemen. Junge Parteien würden oft eher schwierige Persönlichkeiten anziehen.

Da kommt der Kaffee, auf den sich Mike Müller gefreut hat. Der Milchschaum auf dem Cappuccino hat in der Markthalle die Form eines Herzens. Erst jetzt, da er die Fotokamera sieht, setzt sich die Eitelkeit durch, von der wohl jeder Schauspieler ein wenig besessen ist. Mike Müller setzt die Brille ab. Mit zwei raschen Handbewegungen bringt er ohne Spiegel die Frisur in Form und es erscheint das einstudierte, diskrete Lächeln auf seinem Gesicht. Ja, Kaffee bedeute ihm viel, sagt Mike Müller. Das Leben sei zu kurz um «gruusige Kafi z’suufe», fährt er lachend weiter. So sei auch der Running Gag im Programm «Giacobbo/Müller» entstanden. «Viktor und ich haben in den Fernsehstudios nie einen anständigen Kaffee bekommen. Also haben wir beschlossen, dass wir eine richtig gute Kaffeemaschine wollen, sobald wir unser eigenes Programm bekommen.»

Privatleben bleibt privat

Und so geschah es. Mike Müller stand jeweils mitten in der Sendung auf und machte ohne weitere Begründung zwei Espressi. «Die Kaffeemaschine war zwar etwas teuer, aber nach 270 Sendungen war sie sicher amortisiert.» Der feine Kaffee sei einer der Gründe, warum er oft hier in den Markthallen unter dem Viadukt anzutreffen ist, verrät Müller. «Ein sehr angenehmer Ort. Der Käseladen ist spektakulär, gleich daneben kann man jeden Donnerstag frischen Fisch aus der Nordsee kaufen. Ich mag ganz einfach keine Fertigprodukte.» Sonst gibt er nicht viel Preis über sein Privatleben. Nicht einmal dem Solothurner Moderator Dani Forler gelang es kürzlich in der Sendung «Glanz und Gloria», Details über seine Lebenspartnerin zu erfahren. «Ich gebe gerne Interviews. Aber ich bin kein Spezialist für Paarbeziehungen.»

«Ich habe vor 34 Jahren einmal eine Gemeindeversammlung besucht», kehrt Mike Müller zum Thema zurück. «Wir beschäftigen uns erschreckend wenig mit der lokalen Politik. Ich bin da keine Ausnahme. Dabei werden in den Gemeinden ganz wichtige Sachen entschieden.» Der Politik werde ja pauschal vorgeworfen, es gehe nur ums Geld. «Aber bei den Fusionen ist es tatsächlich fast immer der Steuerfuss, der für den Stimmbürger entscheidend ist.»

Für sein neues Soloprogramm habe er Recherchegespräche mit lokalen Politikern aus Illnau-Effretikon und Kyburg sowie mit Markus Notter geführt, dem ehemaligen Zürcher Regierungsrat, der viele Gemeindefusionen begleitet hatte. «Diese Gespräche dienten mir als Faktencheck, aber alle Personen sind frei erfunden.»