Daniel Bieri * fährt mit dem Zug zu seiner Schicht. Von Oensingen bis Aarau, etwa eine halbe Stunde. «Das hilft», sagt Bieri – um sich auf die Schicht bei der dargebotenen Hand einzustimmen, dem Sorgentelefon mit der Nummer 143. Jährlich rufen auch rund 4500 Menschen aus dem Kanton Solothurn dort an. Auf jeden einzelnen Anruf kann sich der 65-Jährige aus der Region Gäu aber nicht vorbereiten: «Ich weiss nie, was mich nach dem Klingeln erwartet.» Bieri kann nur den Anruf entgegennehmen mit: «Telefon 143, Grüessech.» Dann ist vielleicht die ältere Frau am Apparat, die regelmässig anruft. Oder der junge Mann mit psychischen Problemen. Oder jemand, der gar nichts sagt.

An diesem Tag hatte Bieri eine ruhige Schicht. Drei bis vier Anrufe habe er entgegengenommen. An anderen Tagen klingeln beide Apparate gleichzeitig, dann muss er eine Person vertrösten. Das ist schwierig: «Viele brauchen Mut, um überhaupt anzurufen.» Ob sie es später noch mal probieren – was passiert, wenn er aufgelegt hat, weiss Bieri nicht.

Neun Monate Ausbildung

Wer durchkomme, beginne das Gespräch oft mit: «Haben Sie Zeit?» Die hat Bieri. Er hat 2016 bei der dargebotenen Hand angefangen, nachdem er mit 63 Jahren pensioniert wurde. Zuvor arbeitete der Familienvater in der Buchhaltung eines Solothurner KMU. Nach der Pension habe er einer sinnvollen Aufgabe nachgehen wollen, anderen Personen etwas von seiner Zeit schenken. So kam er auf das Telefon 143.

Er bewarb sich und absolvierte den neunmonatigen Ausbildungskurs. Gesprächsführung und Psychologie standen auf dem Programm, wie man mit Depressiven oder Menschen mit Selbstmordgedanken redet. Und vor allem, wie man selber mit solchen Anrufen fertig wird. «Das braucht schon eine Weile», sagt Bieri. Geholfen habe auch ein Mentor, dem er über die Schulter schauen konnte und der bei Bieris ersten Telefongesprächen dabei war.

24 Stunden erreichbar

Heute telefoniert der Gäuer alleine. In einem Büro in Aarau, wo sich rund 40 Freiwillige Schichten teilen, sodass die Nummer 143 für Menschen aus dem Kanton Aargau und dem östlichen Kanton Solothurn rund um die Uhr erreichbar ist. Für Anrufe aus dem westlichen Kantonsteil ist die dargebotene Hand Region Biel zuständig. Die Freiwilligen arbeiten ehrenamtlich – die dargebotene Hand erhält Beiträge aus dem kantonalen Lotteriefonds, von Gemeinden und Spendern.

Bieri nimmt ab, wenn ältere Leute anrufen, die sich einsam fühlen. Oder Jüngere, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Man brauche schon eine dicke Haut für den Job. «Die Fälle sollte man nicht nach Hause nehmen – für die eigene Psychohygiene.» Dafür werde das «Happigste» beim Schichtwechsel besprochen. Alle zwei Monate trifft sich das Team zum Austausch.

90 Prozent besteht aus Zuhören

Die Arbeit gebe ihm aber viel zurück, ergänzt der Familienvater. «Ich wollte nach meiner Pensionierung meinen Ausgleich. Den habe ich mir so organisiert. Es war wunderbar, mit 63 noch etwas Neues zu lernen.» Vor allem aber sei die Arbeit dankbar. «Viele Menschen rufen weinend an – und beruhigen sich bis zum Ende des Gesprächs.»

Solch ein Gespräch könne zwei Minuten dauern oder dann eine ganze Stunde. Manchmal wüssten die Menschen eigentlich schon selber, wie sie ihr Problem lösen könnten, und brauchten nur etwas Zuwendung. Andere kämen mit einer ganzen Palette an Themen oder sprechen ihre eigentlichen Probleme nur in Nebensätzen an. «Ich habe gelernt, richtig zuzuhören», erzählt Bieri. Zu 90 Prozent rede der Gesprächspartner. Von der Geschäftswelt her sei er es sich gewohnt gewesen, in Gesprächen immer gleich auf den Punkt zu kommen. Jetzt müsse er auch schweigen, Stille am anderen Ende der Leitung ertragen können.

Aktiv gibt Bieri keine Tipps, ab und zu wird er nach der Meinung gefragt. Rund ein Drittel der Menschen, die anrufen, sind von einer psychischen Erkrankung betroffen, einige davon sind schon in therapeutischer Behandlung. Man könne am Telefon auch nicht bewirken, was ein Therapeut nicht schafft, erklärt Bieri. Er kann höchstens dazu anregen, sich Hilfe zu holen. Er hat eine Kartei zur Hand mit den Kontaktdaten der Opferhilfe oder von Psychologen in der Region. Ob sich die Person nach dem Anruf dort meldet, weiss Bieri nicht. Damit dürfe er sich nach dem Gespräch aber auch nicht beschäftigen. «Sobald man auflegt, kann das Telefon wieder klingeln, und man muss für das nächste Gespräch bereit sein. Man darf sich dann nicht fragen: ‹Hätte ich noch etwas anderes sagen sollen?›»

Die Zugfahrt von Aarau zurück nach Hause helfe, damit klarzukommen. Und ein Zitat, das sich Bieri notiert hat und vorliest. Sein Grundsatz für die Arbeit beim Telefon 143, an dem er festhält, von Schriftsteller Peter Bichsel: «Wenn ich es erzählen kann, kann ich es ertragen.»

* Name von der Redaktion geändert

Christina Hegi, Geschäftsleiterin Tel. 143 AG/SO.

Christina Hegi, Geschäftsleiterin Tel. 143 AG/SO.