2015: Niklas Raggenbass geht. Der Solothurner Stadtpfarrer räumt seinen Posten. Über Nacht und ohne grosse Erklärung. Später wird bekannt, dass er das Zölibat gebrochen hat.

2018: Ein Mönch in Mariastein verliebt sich in eine Kirchenarbeiterin. Die Kirche schlägt vor, diese als Haushälterin zu behalten, um weiter zu predigen. Oder das Amt als Pfarrer aufzugeben und als Pastoralassistent weiterzuarbeiten. Das Bistum Basel, in dessen Gebiet beide Fälle geschahen, erklärt, man verurteile keine Zölibatsbrecher. Man sei interessiert daran, diese zu unterstützen und auch nach dem Zölibat weiter zu beschäftigen.

Anders klingt es, wenn man bei Raggenbass nachfragt. Dieser trat damals auf eigenen Wunsch sofort zurück. Lange hörte man nichts mehr von ihm. Von sich aus hätte er sich nicht getraut, sich bei der Zeitung zu melden, sagt er am Telefon. Er sei froh, nun aber über die Geschehnisse sprechen zu können. Der gebürtige Thurgauer berichtet von Freundinnen, von Frauen, die sich in den Pfarrer verliebt hätten, worauf er eingegangen sei. Jahrelang habe er ein Doppelleben geführt. Schon vor der Stelle im Pfarramt als Mönch im Kloster Engelberg. Er habe möglichst viel gepredigt, um «die Schattenseite zu verbergen». Er habe aber gewusst: «Wenn ich so weitermache, gibt es einen Riesen-Knall.»

Rücktritt ohne Unterstützung

Dieser kam schliesslich im April 2015, als Raggenbass vom Zölibatsbruch beichtete und den Rücktritt anforderte. «In diesem Moment», sagt Raggenbass am Telefon, «ist das Porzellan zerbrochen.» Als Pfarrer habe er in der Region gute Beziehungen gehabt. Danach sei er zu einer heissen Kartoffel geworden, die die Kirche dann fallen gelassen habe.

Laut Raggenbass habe er noch den Gottesdienst am Weissen Sonntag nach Ostern leiten dürfen. Dann habe er über Nacht das Pfarrhaus räumen müssen. «Damit es niemand merkt.» Später schrieb er dem Papst von seinem Zölibatsbruch. Nach langem Warten habe er ein Formular zum Unterschreiben erhalten. Er dürfe nicht mehr in einer katholischen Kirche trauen und auch niemanden mehr segnen.

Dieses Schreiben sei auch gleichzeitig sein Austritt aus dem Kloster Engelberg gewesen. «Sehr befremdlich», beschreibt Raggenbass dieses Verfahren. «Ich blieb in meiner Seelen– und Herzensnot alleine.» Bischof Felix Gmür habe ihm Unterstützung zugesagt – sich danach aber nicht mehr gemeldet.

Bistum «nicht zuständig»

Und dies, obwohl eben dieses Bistum erst gestern erklärte, ehemalige Pfarrer auch nach dem Zölibat zu unterstützen? Hansruedi Huber, Sprecher des Bistum Basel, schreibt dazu auf Anfrage, Raggenbass sei bei seinem Rücktritt damals noch Ordensangehöriger des Klosters gewesen. Deshalb sei dieses nach Raggenbass Rücktritt für dessen «weitere berufliche und persönliche Entwicklung» zuständig gewesen. Zudem sei dieser Fall nicht mit dem aktuellen Fall im Kloster Mariastein vergleichbar. Bei Raggenbass' Rücktritt sei es um Fälle von «Nähe und Distanz» gegangen, sagt der Sprecher und verweist auf die entsprechende Medienmitteilung zu Raggenbass' Rücktritt von 2015.

Von der Kirchgemeinde Solothurn, für welche Raggenbass für die Pfarreien St. Urs und Viktor und St. Marien zuständig war, war aufgrund von Ferien-Abwesenheiten niemand erreichbar.

Reue nach abruptem Abgang

Raggenbass selbst sagt, auch er trage Mitschuld am damals abrupten Abgang. So hat sich Raggenbass selbst weder beim Bistum oder beim Kloster gemeldet. Ein Grund dafür: Scham. «Ich hatte Angst, versagt zu haben.» Dieser «Stachel» bleibe bis heute. Ebenso Gedanken wie: «Ich hätte Bedenkzeit verlangen sollen.» – «Wäre ich doch auf das Bistum zugegangen.» – «Vielleicht hätte ich keine Beziehungen eingehen sollen.» So sehe sein Rücktritt aus heutiger Sicht betrachtet aus wie eine Flucht. Nach aussen bleibe er bis heute ein Schuldiger.

Gegen das Zölibat habe er nichts, fährt er fort. Aber das lebenslange Gelübde überfordere Viele – darüber müsse man heute offener reden. So kenne er einige Kleriker – auch aus der Region Solothurn –, die den gleichen Schritt machen wollten wie er, das aber nicht öffentlich zugeben können. Ab einem gewissen Alter sei es zudem auch schwierig, neue Arbeit zu finden.
Raggenbass hat diese gefunden – als Wirt-und Kulturunternehmer im Luzernischen. Er trat seither bereits in der Sendung Aeschbacher auf und arbeitet derzeit an einem Buch über seine Geschichte.