Markus Bürgi sitzt im Beratungszimmer der Fachstelle für Gehörlose und Schwerhörige in Olten. Der 31-jährige Egerkinger unterhält sich mit einer Dolmetscherin in Gebärdensprache.

Gleich zu Beginn erklärt er, dass er während des Gesprächs den Augenkontakt zur Dolmetscherin halten müsse und dies am Anfang irritierend sein könne. Und in der Tat – es ist gewöhnungsbedürftig, dass die Gedanken des jungen Mannes von der Frau neben ihm ausgesprochen werden, während er ihr diese per Handzeichen vermittelt.

«Ich bin hörend auf die Welt gekommen», erklärt Markus Bürgi. Doch nach seinem zweiten Geburtstag verlor er durch eine Krankheit nach und nach sein Gehör – bis er schliesslich kein einziges Geräusch mehr wahrnehmen konnte. «Meine Eltern begannen, langsam und deutlich und mit einer ausgeprägten Mimik zu sprechen», sagt er. Damals sei die Gebärdensprache noch nicht verbreitet gewesen.

Seine Eltern entschieden sich gegen eine Operation und für ein Hörgerät, womit er zwar keine Worte, aber immerhin Geräusche und Laute wahrnehmen konnte. Da er aber zusätzlich unter Tinnitus leidet, seien die Geräusche für ihn eher irritierend, als dass sie ihm bei der Kommunikation weiterhelfen. Inzwischen drückt sich Markus Bürgi hauptsächlich in der Gebärdensprache aus. Er beherrsche die schweizerdeutsche, die schriftdeutsche, die japanische und die internationale Gebärdensprache.

Kommunizieren, ohne zu sprechen

In seinem Umfeld komme er mit der Gebärdensprache gut durchs Leben. Aber an öffentlichen Orten und mit Menschen, die ihn nicht kennen, sei die Kommunikation nicht immer einfach. Obwohl er immer von Anfang an zu erkennen gebe, dass er nichts hört und nicht in der Lautsprache kommuniziert, seien viele Menschen schnell überfordert. «Oft versuchen die Menschen gar nicht erst, mit mir zu reden, und wenden sich ab.»

Er könne diese Reaktion verstehen, bedauert aber dennoch, dass vielen der Mut fehlt, etwas auszuprobieren. Die Reaktionen, welche er am meisten erlebe, seien, dass die Menschen sofort abblocken oder aber, dass sie ihm sehr nahe kommen. «Jüngere Menschen sind definitiv offener. Manchmal erlebe ich, dass sie sofort versuchen, mit Händen und Füssen zu kommunizieren», sagt Markus Bürgi.

«Ich war jung und frustriert»

«In der Schule hatte ich oft Probleme», erzählt er. Sein Vater sei früh gestorben, seine Mutter verliebte sich neu und zog nach Dortmund. Den Kindergarten habe er bei ihr in Deutschland besucht. Mit acht Jahren sei er zu seiner Grossmutter in die Schweiz gekommen, um im luzernischen Hohenrain in die Gehörlosenschule zu gehen. «Ich hatte Mühe, mich zu konzentrieren und mich zu benehmen.»

Mit 13 Jahren habe man ihn schliesslich von der Schule verwiesen und in ein Gehörlosendorf in Turbenthal im Kanton Zürich geschickt. «Ich war jung und frustriert. Verstand nicht, warum ich keine Bildung mehr bekommen durfte», erinnert er sich. Er begann zu kiffen, Alkohol zu trinken und fiel in eine Depression. «Ich war in einem Loch und kämpfte mit Suizidgedanken», sagt er. Heute ist er überzeugt: «Meine Mutter hat mich gerettet.» Sie habe ihn zurück nach Dortmund geholt, wo er neue Freunde fand und schliesslich die obligatorische Schule abschliessen konnte.

Der Kampf um Bildung

«In Deutschland absolvierte ich eine Berufsfachschule als Kaufmann und Verwalter und später als Elektrotechniker», so Markus Bürgi. Das Problem: Auf dem Beruf gearbeitet habe er nie. Er kam mit dem Diplom in der Tasche in die Schweiz und hoffte, damit eine Informatikerlehre machen zu können. Die Invalidenversicherung (IV) finanzierte ihm eine Berufsattesausbildung (EBA). «Ich wusste, dass ich damit niemals einen Job finden würde», sagt er.

Obwohl er lieber eine Ausbildung mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis gemacht hätte, lenkte er ein. «Immer wieder riet man mir, dass eine geschützte Werkstatt das Beste für mich sei», so Markus Bürgi. Doch das wollte er nicht. Er wollte selbstständig sein, wollte ernst genommen werden. Und er wollte vor allem nicht dauernd unterschätzt werden. «Ich bin nicht schwerbehindert, nur gehörlos.»

Mithilfe der Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige in Olten fand er nach der Lehre als Informatikpraktiker EBA schliesslich eine Arbeitsstelle. Die Firma «Alpiq» in Olten bot ihm ein einjähriges Praktikum als Programmierer an, «das war genau das Richtige für mich». Schliesslich bot ihm die «Alpiq» sogar an, dass er dort seine EFZ-Ausbildung machen dürfe. Erneut beantragte er bei der IV finanzielle Unterstützung, welche ihm nicht zugesprochen wurde. Er habe 280 Bewerbungen verschickt und konnte die IV schliesslich davon überzeugen, dass er mit dem Berufsattest keine Chancen hatte, eine Stelle zu finden.

Verunsichert und überfordert

Die IV finanzierte Bürgi die EFZ-Ausbildung. «Doch nicht als Programmierer, ich musste in eine andere Abteilung», sagt er. Der Frust darüber steht ihm beim Erzählen ins Gesicht geschrieben. Das Problem: In dieser Abteilung sprachen die meisten Mitarbeiter kein Deutsch. Die Kommunikation klappte nicht und auch in der Berufsschule hätte er einen Dolmetscher – oder zumindest mehr mentale Unterstützung – gebraucht. «Ich liess mich von den Zweifeln meines Umfeldes verunsichern und war bald überfordert. Nach zwei Jahren entschieden sich meine Vorgesetzten, dass ich die Ausbildung abbrechen musste.» Nun stehe er wieder an einer Barriere und komme nicht weiter. Wieder werde ihm geraten, in einer geschützten Werkstatt zu arbeiten. Und wieder werde er unterschätzt. Bürgi ist sich sicher, dass er die Ausbildung mit einem Dolmetscher hätte abschliessen können.

Er sei verheiratet, seine ebenfalls gehörlose Frau ist vor sechs Monaten von Japan zu ihm nach Egerkingen gezogen. Das Paar erwartet ein Kind. Und er habe keinen Job und wohne bei seiner dementen Grossmutter. In Japan müsse man sich als gehörlose Person keine Sorgen machen, man erhalte ein Gehörlosengeld, womit man sich für die Ausbildung einen Dolmetscher leisten könne. «Man wird viel besser in die Arbeitswelt integriert und verursacht dadurch längerfristig weniger Kosten», ist Markus Bürgi überzeugt. Hier müsse man sich den Schritt in die Arbeitswelt regelrecht erkämpfen. «Eigentlich will ich doch nur selbstständig arbeiten und für meine Familie sorgen können.»