Freiwilligenarbeit
«Ich bin nicht der Typ für Gartenarbeit» – Pensionierte Fachkräfte stellen ihr Wissen zur Verfügung

Er macht noch lange nicht Feierabend. Pensionierte Fachkräfte wie Peter Fäh stellen bei «Innovage» ihr Wissen gratis zur Verfügung.

Raphael Karpf
Drucken
Teilen
Peter Fäh (l.) und Rico Peter im Lager von «Elhandel». Hier lagert der Verein die Objekte, die er auf der Online-Plattform Ricardo verkauft.

Peter Fäh (l.) und Rico Peter im Lager von «Elhandel». Hier lagert der Verein die Objekte, die er auf der Online-Plattform Ricardo verkauft.

Bruno Kissling

«Plötzlich war ich 65. Und nichts tun kam für mich nicht infrage.» Also tat Peter Fäh etwas. Der heute 68-jährige Solothurner bewarb sich bei Innovage, einer Freiwilligenorganisation pensionierter Fachkräfte. Fachleute aus den verschiedensten Branchen kommen dort zusammen und stellen ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihr Netzwerk unentgeltlich zur Verfügung. So auch Peter Fäh. «Ich bin nicht der Typ für Gartenarbeit. Ich wollte etwas tun, das mich geistig fordert.»

Angefangen hat Fäh in jungen Jahren als Sozialarbeiter. Später wechselte er in den Strafvollzug, war unter anderem Direktor des ehemaligen Schöngrün-Gefängnisses. Organisationsstrukturen sind sein Fachgebiet. Wie arbeiten Leute am besten zusammen? Was für Führungsstrukturen braucht es? Was für Hierarchien? Sein Fachwissen auf diesem Gebiet stellt er nun anderen zur Verfügung. «Wir wollen nicht private Berater konkurrenzieren. Aber viele können sich solche gar nicht leisten.» Innovage unterstützt ausschliesslich gemeinnützige Vereine.

Win-win Situation

So zum Beispiel den Verein «Elhandel». In zwei winzigen Räumen in Kappel hat der Verein Unterschlupf gefunden. Kartonschachteln stapeln sich bis unter die Decke, eine Fotostation versteckt sich im hinteren Raum. Rico Peter steht hinter dem Ganzen. Zwei Ziele verfolge er mit diesem Projekt, erklärt der Sozialarbeiter. Zum einen wolle man Menschen den Weg ins Altersheim erleichtern. «Viele Menschen haben Mühe, sich von ihren lieb gewonnenen Sachen und ihrem Haus zu trennen.» Ins Altersheim könnten sie aber nicht alles mitnehmen. Hier kommt «Elhandel» ins Spiel. «Wir unterstützen die Leute bei der Entscheidung, was wirklich noch wichtig und brauchbar ist und was am neuen Ort überhaupt noch Platz hat.» Alles Übrige wird vom Verein entsorgt oder auf der Online-Plattform Ricardo verkauft.

Peters zweites Ziel mit dem Verein ist es, Personen in schwierigen Lebenssituationen in die Gesellschaft zu integrieren. Sozialhilfebezüger oder arbeitslose Ü50er setzt er bei einer Räumung eines Hauses oder bei den administrativen Arbeiten im Büro ein. «Unser Ziel ist es, diesen Menschen mit sinnstiftenden Tätigkeiten Tagesstrukturen zu geben.» Dass dieses Modell Zukunft haben wird, davon ist Peter überzeugt: «Überall gibt es Dinge, die weggeworfen werden, und überall gibt es Leute, die von der Sozialhilfe leben und den Einstieg in die Arbeitswelt nicht schaffen.»

Beraten, nicht entscheiden

Um diese Ziele zu erreichen, ist Peter auf eine funktionierende Administration angewiesen. Und genau hier kommen Innovage und Peter Fäh ins Spiel. Wie sollte der Verein organisiert sein, um diese Aufgaben meistern zu können? Gemeinsam erarbeiten die beiden nun Strukturen für den Vereinsvorstand. «Wir von Innovage beraten grundsätzlich nur», betont Fäh. Entscheiden würde immer der Kunde. Es sei ein Angebot, von dem man Gebrauch machen könne. Oder auch nicht. Gleichzeitig unterstützt Innovage auch nicht jedes Projekt. Von vornherein werde jeweils geprüft, ob ein Projekt mit den Innovage-Kriterien übereinstimme. Da komme es schon auch mal vor, dass eine Anfrage abgelehnt werde. Oberstes Kriterium: Das Ganze muss gemeinnützig sein.

«Narzissten finden hier keinen Platz»

Eine sinnvolle Tätigkeit sei auch eines der Kriterien gewesen, warum er sich 2016 bei Innovage beworben habe, sagt Fäh. «Narzissten finden hier keinen Platz», meint er. Nur wer im Team arbeiten könne, sei bei ihnen an der richtigen Stelle. Und wie lange will er noch weitermachen? «Solange es meine Gesundheit zulässt. Und solange ich noch nahe genug an der Realität bin.» Organisationsstrukturen würden sich nicht von heute auf morgen ändern. Auch nicht die Art und Weise, wie Leute geführt werden. «Doch wenn ich einmal merke, dass ich zu weit weg von der gesellschaftlichen Entwicklung bin, dann werde ich meinen Hut nehmen.»

GEBURTSTAG

10 Jahre Bern-Solothurn

Der Verein Innovage ist in Regional-Gruppen organisiert. Die Regionalgruppe Bern-Solothurn gibt es seit dem 8. Juni 2009. Heuer feiert sie ihr zehnjähriges Bestehen.
29 Mitglieder hat das Netzwerk, 28 Projekte wurden in diesen zehn Jahren abgeschlossen. 18 Projekte laufen momentan. (rka)

Aktuelle Nachrichten