Was fasziniert Sie am Thema Gemeindefusionen?

Stephan Käppeli: Wir Schweizer identifizieren uns stark mit unserer Wohngemeinde. Hier werden konkrete Aufgaben «gemeinsam» gelöst. Es ist aber heute so, dass die Grenzen der Gemeinden nicht mehr mit den Lebensräumen der Einwohner übereinstimmen. Die Gemeindegrenzen wurden in Zeiten festgelegt, in denen man mit Ross und Wagen unterwegs war. Gerade die Mobilität und die daraus folgenden Verkehrsprobleme können nur regional gelöst werden. Dieses Spannungsfeld zwischen dem Erhalt lokaler Identifikation und Tradition und den heutzutage zu lösenden Problemen, ist sehr spannend.

Sie haben schon mehrere Fusionsprojekte begleitet? Welche?

Es waren schon etliche, da haben Sie recht. Mit dabei waren beispielsweise Willisau, Reiden und Sursee. Interessant für die Region Solothurn ist, dass ich auch das Projekt in Olten begleitet habe.

Bei wie vielen ergab sich am Schluss eine Fusion?

Bei rund der Hälfte der Projekte.

Was sind die Gründe, die in diesen Gemeinden den Ausschlag für oder gegen eine Fusion gaben?

Jedes Fusionsprojekt ist ein Spezialfall, weil jedes Mal die Konstellation eine andere ist. Wenn Gemeinden in einer Notsituation sind, dann sind die Einwohner eher zu einer Fusion bereit. Dort, wo es um strategische Überlegungen geht, braucht es die Einsicht, dass man gemeinsam stärker wird.

Was ist das Spezielle am Solothurner Fusions-Projekt?

Hier fusionieren relativ grosse Gemeinden. Keine ist in Not, keine muss zusammenschliessen. Die Gemeinden bilden aber klar einen einzigen Lebensraum. Wir haben festgestellt, dass es viele gemeinsam zu lösende Probleme, aber auch viele Reibungsverluste gibt. Die Fusion könnte die ungute Konkurrenz auf kleinem Raum überwinden und eine gemeinsame Strategie könnte die Region stärken.

Wie haben Sie die Workshops mit der Bevölkerung erlebt?

Die Diskussionen waren angeregt, die Teilnehmer aktiv. Die Teilnehmerzahlen haben in etwa den Zahlen an den Gemeindeversammlungen entsprochen. Es wäre schön gewesen, hätten mehr Interessierte teilgenommen. Die Erfahrung zeigt, dass sich gerade in grösseren Gemeinden weniger Leute engagieren.

Stellen Sie Unterschiede in den einzelnen Ortschaften fest?

Ja. Beispielsweise sind die Diskussionskulturen sehr unterschiedlich, das gleiche gilt auch für den Informationsstand. Und wichtig für das Projekt sind natürlich die ganz spezifischen Bedürfnisse der einzelnen Ortschaften.

Gibt es Reaktionen aus der Bevölkerung, die Sie überrascht haben?

Die gibt es tatsächlich: Häufig wird befürchtet, dass die heutige Stadt Solothurn die neue Gemeinde dominieren wird. In der fusionierten Gemeinde würde die Stadt jedoch nur ein Drittel der Einwohner stellen. Biberist und Zuchwil beispielsweise sind gemeinsam etwa gleich gross wie Solothurn. Überrascht hat mich auch, dass die Einwohner in allen Ortschaften klar anerkennen, dass viele Probleme gemeinsam einfacher gelöst werden könnten und dass es Doppelspurigkeiten gibt, die nicht nötig mehr nötig wären.

Welche Ängste sind in der Bevölkerung am stärksten?

Ganz klar, dass die Identität der Ortsteile verloren geht. Die Menschen schätzen die Nähe in ihrer Wohngemeinde und auch, dass sie sich einbringen und Einfluss nehmen können.

Wie begegnen Sie diesen Ängsten?

Es müssten Ortsteil- und Quartierstrukturen erhalten bleiben. Dazu gehört auch eine gewisse Eigenständigkeit. Zum Beispiel, was die Kultur betrifft. Am letzten Workshop wurde etwa das Luterbacher Dorffest genannt.

Waren Sie überrascht über einzelne Befürchtungen?

Eigentlich nicht. Eine Fusion ist mit Veränderungen verbunden, die natürlich verunsichern. Umso wichtiger wird es sein aufzuzeigen, dass vieles gleich bleiben wird.

Was beinhaltet Ihr Job als Projektleiter genau?

Ich koordiniere die Arbeitsschritte. Zudem schlage ich vor, wie vorgegangen werden soll. Gerade in den Projekten, in denen die Bevölkerung stark einbezogen wird, ist es von zentraler Bedeutung, welche Methoden zum Einsatz kommen. Ich gebe auch inhaltliche Empfehlungen ab, wie der Fusionsvertrag ausgestaltet sein soll. Ich bin aber nicht angestellt worden, um die Menschen zu einer Fusion zu drängen. Mein Team und ich erarbeiten zusammen mit den Betroffenen lediglich die Entscheidungsgrundlagen.

Gibt es auch Konstellationen, in denen Sie von einer Fusion abraten?

Absolut. Das haben wir auch schon gemacht. Meist erfolgt dies bereits in der Phase der Grobanalyse, in der geprüft wird, wie stark die Gemeinden verflochten sind und wie gross die Zahl der gemeinsam zu lösenden Probleme ist. Wir analysieren beispielsweise die Pendlerströme oder die Zahl der Zweckverbände. Im Projekt in dieser Region haben wir empfohlen, nochmals auf Zuchwil zuzugehen, wenn Derendingen und Luterbach mitmachen wollen. Der Zuchwiler Gemeinderat stand der Idee skeptisch gegenüber. Hier brauchte es schon zu Beginn einen Gemeindeversammlungsbeschluss.

Glauben Sie persönlich, dass es in Solothurn zu einer Fusion kommt?

Das Volk hat an den Gemeindeversammlungen beschlossen, dass ein konkreter Fusionsvertrag ausgearbeitet werden soll. Das Interesse ist also da, den gemeinsamen Weg zu gehen. Wie der Entscheid an der Urne in zwei Jahren ausfallen wird, ist offen, da er von der Ausgestaltung der Inhalte des Vertrages abhängt.