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«Ich bin mittendrin»: Horriwiler ist seit 31 Jahren als Helfer beim Lauberhornrennen dabei

Andreas Lüthi im noch verlassenen Welt-Cup Dörfli in Wengen.

Andreas Lüthi im noch verlassenen Welt-Cup Dörfli in Wengen.

Andreas Lüthi lernte auf dem Balmberg Skifahren. Heute hat der 50-Jährige aus Horriwil schon mehrmals die Lauberhorn-Abfahrt absolviert - wenn auch nicht als Rennfahrer, sondern als «Rutscher». Lüthi ist nämlich als freiwilliger Helfer jedes Jahr beim grossen Rennen dabei.

Schneebedeckte Gipfel umringen das Dorf Wengen. Zwischen den Chalets und ländlicher Idylle herrscht Hochbetrieb. Besonders im Zentrum, beim Bahnhof. Alleinreisende steigen mit Skiausrüstung aus der Zahnradbahn, auf dem Perron posieren Touristen für Selfies, kleine Grüppchen – ausgestattet mit Schweizer-Fahnen – sammeln sich. Das Lauberhornrennen findet statt. Im Gewusel treffen wir Andreas Lüthi, 50, breitschultrig, mit gelber Skijacke, roten Skischuhen und einem breiten Lächeln im Gesicht. Der Horriwiler trägt einen Badge um den Hals, der ihn als Helfer ausweist. Lüthi ist sogenannter Rutscher. Das heisst: Bei den Rennen und den Tranings steht er auf Skis am Pistenrand. Sobald ein Fahrer durch ist hat er 30 Sekunden Zeit, einen Abschnitt hinunter zu rutschen, Löcher und Rillen auf der Piste zu ebnen. Seit 31 Jahren macht das der Landwirt schon.

Früher vor dem Fernseher gehockt – heute mittendrin

1989 kam Lüthi zum Helferteam dazu – wegen seiner drei älteren Brüder. Diese hätten jeweils am «Inferno-Race» teilgenommen; dem grossen Amateur-Rennen in Mürren, das eine Woche nach dem Lauberhornrennen stattfindet. Die Brüder seien vom Skilehrer gefragt worden, ob sie nicht am Lauberhornrennen mithelfen wollten. Doch: «Sie haben dann gemerkt, dass sie für das ‹Inferno-Race› einigermassen fit sein müssen», sagt Lüthi schmunzelnd. Ein Grosseinsatz als Helfer die Woche zuvor – inklusive Festivität – lag also nicht drin. So kam aber Lüthi als jüngster Bruder zum Handkuss – und es hat ihn gepackt.

Hinter dem Bahnhof Wengen liegt das Staff-House. Wer eintritt hat das Gefühl, in der Cafeteria einer Kaserne gelandet zu sein. Junge Männer in Uniform sitzen an den Tischen, oder liegen auf den Festbänken, die hier stehen. Hier können die Helfer Pause machen, ausruhen. Lüthi setzt sich an einen Tisch und erzählt. Für den alljährlichen Helfer-Einsatz nimmt der Landwirt jeweils Ferien, für die Tiere auf dem Hof ist gesorgt. «Ich bin in einer Schneesport-begeisterten Familie gross geworden», erklärt er. «Früher habe ich jedes Rennen im Fernsehen geschaut – jetzt bin ich mittendrin.» Näher als Lüthi kann man das Rennen nicht mitverfolgen – vom Pistenrand aus. Der Einsatz als Rutscher ist aber auch ein Knochenjob. Eis und Neuschnee sorgen jeweils für anstrengende, nicht ungefährliche Einsätze. Er sei auch schon gestürzt – wirklich passiert sei aber noch nie etwas, sagt Lüthi, und legt die Hand auf den Holztisch. «Und me isch jo au nümm 20i» – das werde ihm je länger wie mehr bewusst. Auch wenn er ein sehr guter Skifahrer ist.

Ski fahren gelernt hat Lüthi auf dem Balmberg – «als wir bei uns noch richtige Winter hatten.» Die Lauberhorn-Abfahrt ist er noch nie gefahren. Er lacht: «Das überlassen wir den Profis.» Gerutscht sei er die Piste inzwischen schon x-fach –«einfach nicht ganz so schnell.»

Direkt hinter dem Bahnhof liegt das «Weltcup-Dörfli». Hier werden die Siegerehrungen stattfinden. In den Holzhüttchen auf dem Platz wird später Barbetrieb herrschen. Auch Lüthi ist mit den Kollegen jeweils im Ausgang – am Donnerstag hätten sie Dani Albrecht gesehen. «Der Spass kommt nicht zu kurz», erzählt der Horriwiler. «Du musst einfach schauen, dass Du am nächsten Tag fit bist für die Piste.»

Früher ein kleines Rennen – heute ein Riesen-Anlass

«Ski-Cracks» sichte man übrigens immer wieder. So bestehe die Chance, auch mal neben einem ehemaligen Skifahrer auf dem Skilift zu sitzen, oder Profisportler in der Zahnradbahn zu erblicken. Der Rummel um die Stars; das sei anders als früher. «Damals», erinnert sich Lüthi, «gab es für die Siegerehrung noch ein Schnee-Podest; zum Feiern kamen ein paar Leute aus dem Dorf. Und den Gewinnern konnte man persönlich gratulieren.» Heute sei aus dem einst kleinen Rennen ein riesiger Anlass geworden. Es gibt Live-Musik auch tagsüber, und abends wird der ganze Ort zu einer einzigen Party. Passend zum Thema wird das Tal plötzlich von einem Dröhnen erfasst. Auch eine Flugshow bietet das Lauberhornrennen mittlerweile, manch einer legt in Wengen den Kopf in den Nacken, um den Flieger zuzusehen.

Was Lüthi im Vergleich zu früher zudem beobachtet: Damals mussten Rennen jeweils weit im Voraus verschoben werden, sobald klar war, dass es nicht genügend Schnee gibt. Heute kann künstlich beschneit werden. Und: «So gute Verhältnisse wie dieses Jahr hatten wir noch nie!»

Bis am Sonntagabend ist Lüthi im Berner Oberland. Heute findet die Lauberhornabfahrt statt, am Sonntag das Slalomrennen. Das werde nicht ganz so witzig. «Es ist sehr eisig – und der Steilhang ist ein ‹Saucheib›», sagt Lüthi und nickt bekräftigend. Und dann ist ein weiterer Einsatz des Horriwilers vorbei. Nächstes Jahr sei er auf wieder dabei. Im Gewusel vor dem Bahnhof Wengen verabschiedet sich Lüthi, und steigt mit den Skiern auf den Schultern zwischen der Menge von Menschen, Smartphones und Schweizer-Fahnen in die Zahnradbahn Richtung Kleine Scheidegg.

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