Bistum Basel
«Ich bin kein Boss - ich bin ein Diener»: Zuchwiler Pfarrer wird in die Bistumsleitung berufen

Der Zuchwiler Pfarrer Valentine Koledoye wurde von Bischof Felix Gmür zum Bischofsvikar ernannt; das heisst, ab Mai 2020 wird er den Bischof in drei Kantonen des Bistums vertreten. Für ihn stellt das nur die nächste Station dar, zu der er als Diener Gottes berufen wird. Für das Bistum Basel bedeutet der Wechsel, dass nun zum ersten Mal ein afrikanischer Priester in der Bistumsleitung tätig ist.

Noëlle Karpf
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Freut sich auf die Adventszeit – die letzte als Pfarrer von Zuchwil: Valentine Koledoye

Freut sich auf die Adventszeit – die letzte als Pfarrer von Zuchwil: Valentine Koledoye

Tom Ulrich

Auf die Frage, warum er eigentlich Priester geworden sei, erzählt Valentine Koledoye von seiner Grossmutter. Die Grossmutter, die ihn in Nigeria – dort ist Koledoye vor 51 Jahren geboren worden – gemeinsam mit seinen drei Brüdern «im Glauben» erzogen hat. «Sie hat immer für alle gesorgt. An ihrem Todestag im Alter von 106 Jahren – das war vor zwei Jahren – hat sie noch gekocht. » Koledoye lehnt sich zurück, legt den Kopf in den Nacken und lacht schallend auf. Das tut er oft.

Er sei umgeben von sehr viel Liebe und Fürsorge aufgewachsen. «Das Bild meiner Grossmutter habe ich mitgenommen. Ich wollte anderen Menschen, wie meine Grossmutter, dienen und die Liebe, die ich zu Hause erlebt und erfahren habe – die Liebe Gottes – weitergeben.» Im Priesterberuf habe er die Möglichkeit dazu gesehen. So hat Koledoye, der teilweise in den USA aufgewachsen ist, Theologie in Rom studiert, und an der Universität in Innsbruck doktoriert. 2008 kam er ins Bistum Basel, 2013 in die Gemeinde Zuchwil, als Pfarrer.

Doch der Berufung, wie Koledoye das Priesteramt nennt, folgten heute nicht mehr so viele. Auch das Bistum Basel, zu welchem insgesamt 10 Kantone – darunter auch der Solothurn – gehören, kennt Priestermangel. Das Bistum ist in drei Regionen aufgeteilt, diese wiederum in Pastoralräume, zu denen dann die einzelnen Pfarreien gehören. In 21 der insgesamt 99 festgelegten Pastoralräume konnte der Betrieb laut Website aufgrund von «strukturellen oder personellen Gründen» noch nicht gestartet werden.

Es fehlen Priester – und damit auch Pfarrer. Das sei ein weltweites Phänomen, heisst es auf Anfrage beim Bistum Basel. Mit Ausnahme von Polen, Indonesien, und afrikanischen Ländern. Deshalb holt auch das Bistum Basel Priester aus dem Ausland, jeder Dritte stammt nicht aus der Schweiz. Über 40 der insgesamt 152 Priester kommen aus Afrika.

Koledoye ist nun der erste, welchen der Bischof in die Leitung des Bistums berufen hat. «Der erste im Bistum, in der Schweiz, im ganzen deutschsprachigen Raum», sagt der Pfarrer.

Sitzungen und Firmungen statt Taufen und Beerdigungen

Ob er sich geehrt fühle, sei er gefragt worden. Absurd. «Wenn ich mich für eine Stelle bewerbe, diese erhalte und finde: ‹Das habe ich verdient!› – dann kann ich mich geehrt fühlen. Für mich ist es lediglich ein Anruf, in einer anderen Funktion zu dienen. Punkt!», erklärt der 51-Jährige. Für das Amt als Bischofsvikar habe er sich nicht beworben. Im Herbst vergangenen Jahres habe ihn Bischof Felix Gmür angefragt. Koledoye musste nicht lange überlegen. «Wo ich gebraucht werde, gehe ich hin.» Das habe ihn ja überhaupt ins Bistum Basel und nach Zuchwil gebracht.

Der Ruf des Bischofs führt in ab Mai 2020 nach Liestal. Dann nämlich wird der Zuchwiler Pfarrer zum Bischofsvikar der Region St. Urs, welcher die Kantone Baselland, Baselstadt und Aargau angehören. Gemeinsam mit einem Regionalleiter wird er den Bischof in diesen Kantonen vertreten. Das bedeutet, Koledoye wird nach Liestal umziehen, und Zuchwil verlassen.

Der 51-Jährige wird also zum letzten Mal in Zuchwil Weihnachtsgottesdienste abhalten und Adventskonzerten beiwohnen, zum letzten Mal als Seelsorger Zuchwilerinnen und Zuchwiler in der Kirche begrüssen, die vor allem zur Weihnachtszeit dort eintreten. Zum letzten Mal wird er vom Zimmer des Pfarreizentrums aus Kinder auf dem Weg in die nahe gelegene Schule sehen und denken: «Das ist unsere Zukunft.»

Als Bischofsvikar, der nicht mehr einer bestimmten Kirchgemeinde zugeordnet ist, sind ihm andere, neue Aufgaben übertragen worden. Künftig wird Koledoye Gespräche mit den Mitarbeitenden der Bistumsregion führen, an Sitzungen des Bischofrates teilnehmen und an Wochenenden Firmungen als Stellvertreter des Bischofs durchführen.

«Zuchwil und die Menschen hier werde ich vermissen», sagt Koledoye. Aber jetzt gehe es weiter, lachend zeigt er auf den Drahtesel, der im Raum steht. «Ich nehme mein Velo und los geht’s!» Beweglich müsse man sein als Pfarrer. «Du bist beauftragt, heute hier zu dienen – morgen wirst Du an einen anderen Standort berufen. Du darfst nicht nur mit einer Gemeinde verbunden sein.» Gottes Wort, Gottes Liebe, wolle er schliesslich auf der ganzen Welt verbreiten, immer dort, wo es ihn braucht. Auch als Bischofsvertreter sei er «kein Boss – ich bin ein Diener».

Für mehr Integration – und gegen den Priestermangel

Mit dem Problem kämpft die katholische Kirche nicht erst seit gestern: Priestermangel. Wer Priester werden will, muss ein Theologiestudium und einen Praxiskurs absolvieren – und danach vom Bischof geweiht werden. Später kann ein Priester etwa zum Pfarrer werden und eine Gemeinde leiten; oder einem Pastoralraum mit mehreren Gemeinden vorstehen. Gibt es zu wenig Priester, gibt es also auch zu wenig Pfarrer, zu wenig Seelsorger in der Katholischen Kirche.

Die Kirche macht es hier nicht anders als andere Branchen, die unter Fachkräftemangel leiden: Sie holt sich Theologen aus dem Ausland.

Laut Bistumssprecher Hansruedi Huber arbeiten im Bistum Basel, zu dem 10 Kantone, 3 Bistumsregionen, 99 Pastoralräume und über 500 Pfarreien gehören auch Priester indischer, indonesischer, polnischer und nigerianischer Herkunft. Wobei die meisten von ihnen maximal acht bis zehn Jahre bleiben. So lautet eine Regelung der Schweizer Bischofskonferenz, damit sich die Priester von ihrem Heimatland nicht «entfremden», erklärt Huber.

Laut dem Mediensprecher gibt es in Ländern wie Indien, Nigeria oder Indonesien «sehr viele Priesterberufungen». «Priester aus diesen Ländern unterstützen mit ihrem Einkommen in der Schweiz ihre Heimatdiözesen und Orden, zum Teil auch ihre ehemaligen Pfarreien» – weshalb auch deren Vorsteher ein Interesse daran hätten, dass die Theologen für einige Zeit im Ausland arbeiten gehen. Im Gegenzug gibt es auch Priester aus dem Bistum Basel, die in Afrika oder Südamerika missionieren.

In den westeuropäischen Ländern nehme der Priestermangel aber zu, sagt Huber. «Dies zeigt sich ganz besonders, dass aus Italien, Spanien oder Portugal kaum mehr Priester als Missionare für die anderssprachigen Missionen gefunden werden können.»
Warum auch weniger Schweizer Priester werden, lässt sich nicht abschliessend sagen. Die Gründe seien «vielschichtig», so Huber, die Anzahl Priester auch schon in Vergangenheit «variabel» gewesen. Im Bistum Basel – dem grössten der Schweiz –arbeiten derzeit 152 Priester auf 99 Pastoralräume gesehen. Es gibt aber Pfarreien, die sich einen Priester teilen, Pastoralräume ohne Priester. «Weil immer mehr Priester das Rentenalter erreicht haben und nur Teilzeit arbeiten.» Ziel des Bistums ist, dass künftig in jedem Pastoralraum ein Priester arbeitet, in grösseren auch mehrere. «Das Ziel kann derzeit jedoch mit eigenem Nachwuchs nicht erreicht werden», so Huber. Dieses Jahr wurde genau ein einziger Mann aus dem Kanton Solothurn vom Bischof zum Priester geweiht.

Das Zölibat – in der katholischen Kirche dürfen Priester nicht heiraten, keine Kinder haben – falle beim Priestermangel nicht so stark ins Gewicht, so Huber. Schliesslich hätten auch die Reformierten, die kein Zölibat kennen, zu wenig Pfarrer und Pfarrerinnen.
Dennoch stösst der Priestermangel auch Diskussionen für Reformen in der Kirche an, das bestätigt auch der Mediensprecher. «Wenn die Menschen keine Eucharistie mehr feiern können, müssen Traditionen und Strukturen hinterfragt werden.» In diesem Fall auch das Zölibat, oder die Tatsache, dass in der katholischen Kirche keine Frauen Priester – und somit Pfarrer – werden dürfen.

Missionieren – auch bei Ausländerinnen und Ausländern

So soll der Priester künftig auch die Mission von Katholiken mit ausländischem Hintergrund in den drei Kantonen der ihm unterstellten Bistumsregion verfestigen. Die Kirche hat auch eine Integrationsfunktion: Katholiken mit ausländischem Hintergrund sollten in die Schweizer Gesellschaft integriert werden. Deshalb brauche es auch anderssprachige Seelsorger, ist vom Bistum Basel zu erfahren – «aufgrund der kulturellen Vielfalt der Menschen in der Schweiz». So gebe es in Pastoralräumen wie etwa Basel-Stadt 50 unterschiedliche Nationalitäten.

Das sei wohl auch ein Grund, weshalb der Bischof ihn in die Leitung berufen habe, so Koledoye, auch als ein Zeichen der Einheit im Glauben und der Schweizer Offenheit gegenüber anderen Kulturen. Dieses Zeichen wird mit dem ersten afrikanischen Priester in der Bistumsleitung gesetzt.

Speziell? Nein, findet Koledoye. Er fühle sich als Schweizer – «Heimat ist dort, wo ich Wasser trinke, wo ich bei den Menschen bin» – er bringe halt einfach noch einen anderen Hintergrund mit. «Die Katholische Kirche in der Schweiz hat in den letzten Jahren überhaupt viel gewonnen, weil neue Mitglieder aus dem Ausland dazu kamen.» Es brauche ein kulturelles «Miteinander» – wenn es nicht geht, ein «Nebeneinander» – aber auf keinen Fall ein «Gegeneinander».

Er habe auch schon Sprüche wegen seiner Hautfarbe gehört, kenne Rassismus von der Zeit in den USA. «Hier hat mir aber nie jemand das Gefühl gegeben, ich sei kein Schweizer.» Die negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit lasse er Vergangenheit bleiben. «Gestern ist Vergangenheit, morgen ein Geheimnis, heute ein Geschenk», laute sein Motto – das versuche er täglich zu leben und
weiterzugeben, jetzt noch als Zuchwiler Pfarrer, ab Mai als Bischofsvikar in Liestal.

Schlecht gelaunt kann man sich den grossen Mann mit dem lauten Lachen tatsächlich gar nicht vorstellen. Schon die Grossmutter habe gesagt: «Egal, was vorher war, am Ende des Tages nimmst Du etwas Schönes mit.»