Narrenfreiheit

Hyperkorrekt und übersensibel

«Die Frage, ob die Narrenfreiheit politisch noch korrekt ist, stellt sich nicht nur während der Fasnachtszeit», schreibt Sarah Koch.

«Die Frage, ob die Narrenfreiheit politisch noch korrekt ist, stellt sich nicht nur während der Fasnachtszeit», schreibt Sarah Koch.

Gatskolumne von Sarah Koch, Leiterin der Wirtschaftsförderung des Kantons Solothurn.

Auch im solothurnischen Honolulu ist sie wieder vorbei, die fünfte Jahreszeit. Während dieser Tage genossen wir sie, die Narrenfreiheit. Schnitzelbänke über gesellschaftliche und politische Themen hatten Hochkonjunktur. «Politisch suber, schön korrekt, perfekt au d’Frise, fascht wie gschläcket. Kei Schreihals, Psycho oder Kauz. Dr hütig Hitler het kei Schnauz», so eine Schnitzelbank aus dem Jahr 2017. Ist diese Pointe politisch korrekt? Heikel – das vielleicht die Antwort. Die Fasnacht bietet vielen ein Ventil, um ein gesellschaftliches Unbehagen auszudrücken.

Die Frage, ob die Narrenfreiheit politisch noch korrekt ist, stellt sich nicht nur während der Fasnachtszeit. Die Stolperfallen lauern überall und fangen beispielsweise bei der politisch korrekten Schreibweise an, welche das Binnen-I konsequent fordert; somit «SolothurnerInnen» oder «HonolulesInnen». Korrektheit schafft auch der Gender-Stern*: Um eine mögliche Diskriminierung zu vermeiden, kann das Sternchen für den politisch korrekten Schreibstil gebraucht werden: Politiker*innen oder Terrorist*innen. Oder wissen Sie, was «SuS» sind? Schülerinnen und Schüler waren früher einfach Schüler, womit die Gesamtheit der Personen bezeichnet wurde, welche Zwecks Wissensaufnahme in die Schule gingen.

Für den politisch korrekten Ausdruck hingegen hilft aber auch das Sternchen nicht. Die Liste der unkorrekten Themen und Wörter wird stets länger. Der Begriff «Obdachloser» als Weiterentwicklung von «Penner» ist politisch genauso unkorrekt wie «Eskimo». Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Manche Änderungen in der Wortwahl und im Verhalten waren und sind nötig! Doch was unter dem Titel der Political Correctness alles zensuriert und eliminiert wird, ist schlicht bedenklich.

#MeToo ist ein weiteres Kapitel der Debatte um politisch unkorrektes Verhalten. Ist der berühmteste Spion James Bond im Zeitalter von #MeToo noch tragbar? Die Sache beginnt absurd zu werden. Die Gratwanderung zwischen ungeschicktem Flirten und sexueller Grenzüberschreitung wird für das männliche Geschlecht zur Zitterpartie. Selbstverständlich muss in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für sexuelle Gewalt gegen Frauen geschaffen werden. Doch die aktuelle Debatte ist eine reine Kampagne öffentlicher Anschuldigungen geworden, welche inzwischen bereits in hohem Masse institutionalisiert wurde. Die ursprüngliche Idee der Aufmerksamkeit gegenüber jedwelcher Art von Missbrauch geht verloren.

Gegenwärtig scheinen politische Korrektheit und Übersensibilität den offenen Dialog über gesellschaftliche Themen zu gefährden oder gar ins Lächerliche zu ziehen. Unsere Gesellschaft leidet an einer Schein-Moral. Auf der Strecke bleiben der unbefangene Umgang miteinander, die Schönheit der Sprache, der Humor und manchmal vielleicht auch die Intelligenz. Mit ein wenig gesundem Menschenverstand hätten wir diese Übersensibilität doch gar nicht nötig.
Wir sind hyperkorrekt und übersensibel und dürfen nicht mal mehr das Wort Obdachloser verwenden. Konsequenterweise müssten wir dann aber bitteschön auch darauf verzichten, rassistische Bemerkungen – sei es von der AfD (Alternative für Deutschland) oder der hiesigen Politbühne – wider- und weiterzugeben. Sollten wir anstatt über die geschlechtergerechte Schreibweise nicht besser über wirkliche politische Unkorrektheiten diskutieren?

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