Kanton Solothurn

Hübsch — aber aggressiv und unerwünscht: Nilgänse werden zunehmend entlang der Aare gesichtet

Wo sich Nilgänse niederlassen, beanspruchen sie das Terrain für sich. Hier fotografiert im Park im Grünen in Münchenstein.

Wo sich Nilgänse niederlassen, beanspruchen sie das Terrain für sich. Hier fotografiert im Park im Grünen in Münchenstein.

Der ursprünglich aus Afrika stammenden Nilgans gefällt es zunehmend auch entlang des Aarelaufes im Kanton Solothurn.

Sie wurden einst als Ziervögel gehalten und sehen wirklich schön aus. Die Rede ist von den aus Afrika stammenden Nilgänsen, die sich auch in der Region längs der Wasserläufe niedergelassen haben. Auch diese Zeitung publizierte unlängst einen Schnappschuss mit Nilgänsen in der Witi zwischen Grenchen und Solothurn.

Viele Leserinnen und Lesern dürften über das Bild der Gänsefamilie entzückt gewesen sein. Doch Achtung: Die Nilgänse können bei den Menschen zwar einen «Jööö-wie hübsch»-Effekt auslösen, aber andererseits sind sie Eindringlinge in die einheimische Vogelwelt.

Gemäss der Schweizerischen Vogelwarte Sempach wurde die Nilgans als Ziervogel bereits im 18. Jahrhundert in Europa eingeführt, wo bei es schon bald Flüchtlinge aus der Gefangenschaft gab. Seit den 1970er-Jahren breitete sich die Nilgans aus Belgien und den Niederlanden dem Rhein entlang über grosse Teile West- und Mitteleuropas bis in die Schweiz aus.

Vorkommen gibt es bei Basel, am Oberrhein, aber auch an den Juraseen und den Seen im Mittelland. Entlang der Aare sind sie zwischen Grenchen und Solothurn nachgewiesen worden. In diesem Sommer wurde ein Paar mit Nachwuchs mehrmals zwischen dem Fischerhaus Grenchen und der Autobahnbrücke der A5 gesichtet.

Erste Sichtung im Kanton vor sieben Jahren

Nach Auskunft von Mark Struch, wissenschaftlicher Mitarbeiter des kantonalen Amtes für Wald, Jagd und Fischerei, tauchten die ersten Nilgänse vor rund sieben Jahren im Kanton Solothurn auf. Auf die Frage, ob die Bestände reguliert werden müssen, kommt von Mark Struch ein deutliches Jawohl: «Nilgänse sind aus Gehegen entflohene oder illegal ausgewilderte nicht einheimische Wildtiere und werden im Sinne des Artenschutzes für einheimische Wildtiere in der freien Wildbahn nicht geduldet.»

Tatsächlich ist diese Gans mit ihrem hübschen Gefieder in Brauntönen eine aggressive Art gegenüber anderen Vogelarten. Die Nilgänse konkurrenzieren einheimische Wildvögel in ihren Habitaten. Sie sind nicht wählerisch bei ihren Brutorten, die sich sowohl am Boden oder in Baumhöhlen befinden können. Nicht selten vertreiben sie andere Vögel aus ihren Nestern und legen dort ihre eigenen Eier hinein.

Allein durch ihre Grösse (Länge bis 73 cm, Spannweite bis 154 cm) und ihr Gewicht (bis über 2 kg) ist die Nilgans vielen anderen Vogelarten überlegen. Hinzu kommt ihr angriffiges Verhalten. Mark Struch bringt es auf den Punkt, wenn er feststellt, dass an Orten, wo die Nilgänse vorkommen, kaum noch andere Vögel leben und brüten können.

Momentaufnahme: badende Rostgans am Klingnauer Stausee

Auch die Rostgans verhält sich während der Brutzeit aggressiv.

Momentaufnahme: badende Rostgans am Klingnauer Stausee

Auch Thomas Lüthi (Hägendorf), Kantonsrat und Vizepräsident von Birdlife Solothurn, macht keinen Hehl daraus, dass er persönlich den Nilgänsen – als invasive Neozoen – «äusserst kritisch» gegenübersteht. Er schliesst auch gleich die Rostgans mit ein, die ursprünglich aus Asien und Nordafrika stammt und ebenfalls als Ziervogel in Gefangenschaft gehalten wurde.

Auch sie legt während der Brutzeit ein aggressives Verhalten an den Tag. Von ihr ist bekannt, dass sie etwa Brutorte von Schleiereulen und Turmfalken besetzen kann. In ihrem Revier duldet sie wie die Nilgans während der Brutzeit keine anderen Entenvogelarten.

Letztes Jahr wurden schweizweit 80 Nilgänse geschossen

Lüthi verweist darauf, dass BirdLife aus rechtlichen Gründen nicht selbst gegen diese invasiven Arten aktiv werden kann. Das gehöre in die Hände der Jägerschaft. Somit liegt die Zuständigkeit bei der kantonalen Jagdverwaltung.

Mark Struch bestätigt, dass gesichtete Nilgänse dem entsprechenden Revier und seinem Jagdaufseher zum Erlegen weitergemeldet werden. 2019 wurde beispielsweise ein Paar auf dem Areal des Golfplatzes Wilihof erlegt. Die nationale Abschussstatistik zeigt eine steigende Kurve: Wurden 2016 und 2017 noch unter 40 Nilgänse geschossen, hat sich die Zahl im Jahr 2019 auf über 80 mehr als verdoppelt.

Noch sind die Nil- und die Rostgans im Kanton Solothurn seltene Vögel, bestätigt Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach. Der Vorsitzende der Institutsleitung hält fest, dass von der Nilgans 2019 und 2020 je ein Brutpaar bei Grenchen gemeldet worden sei, von der Rostgans im gleichen Zeitraum nur ein Individuum. Thomas Lüthi von Birdlife Solothurn meint denn auch, dass man den beiden Arten im Moment noch Paroli bieten könne. Lasse man sie aber in ihrer Bruttätigkeit gewähren, könne es nur wenig später sehr schwierig werden, die Verbreitung in der Schweiz einzudämmen.

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