Flyer
Hotpants und bauchfreie Tops unerwünscht: Solothurner Schule erlässt Kleidervorschriften

Eine Solothurner Schule hat Kleidervorschriften erlassen. Mit Verboten bewegen sich Schulen in der rechtlichen Grauzone. Trotzdem können die Vorschriften Sinn machen, sagen Schulleiter.

Lucien Fluri
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«Ein juristisches Minenfeld»: Flyer, wie er an der im Sek-Schulhaus Schützenmatt in Solothurn verteilt worden ist und auch andernorts zum Einsatz kommt.

«Ein juristisches Minenfeld»: Flyer, wie er an der im Sek-Schulhaus Schützenmatt in Solothurn verteilt worden ist und auch andernorts zum Einsatz kommt.

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Wer diesen Flyer anschaut, denkt sich: Männer haben ein leichteres Leben an dieser Stadtsolothurner Schule. Sie dürfen zwar nicht barfuss laufen und im Unterricht weder Baseball-Mütze noch Trainerhosen tragen. Aber das sind wenig Regeln im Vergleich zu den Mädchen. Diese werden in Sachen Kleider in ein besonders enges Korsett gepresst: «Der Ausschnitt ist kein Guckkasten. Alles bleibt verborgen, auch der Ansatz», heisst es auf einem Flyer, der den Sek-Schülerinnen und Schülern am Solothurner Schützenmattschulhaus verteilt worden ist.

Definiert ist, wie lang (oder kurz) die Shorts sein dürfen, wie weit der Jupe reichen muss. Dekolletees und bauchfreie Tops sind im Schulhaus tabu. Und: «Falls Leggins: nie ohne was drüber.»

Wer abweicht, dem werden auch gleich Sanktionen angedroht: von der Aufforderung, eine Jacke überzuziehen bis hin zu Arrest oder dem Vermerk bei «hält die Regeln des schulischen Zusammenlebens ein».

Irène Schori, Solothurner Schuldirektorin, relativiert den Flyer. «Das Papier ist nicht entstanden, weil es konkrete Vorfälle oder Probleme gegeben hat.» Vielmehr habe sich in den heissen Tagen eine Tendenz ergeben. «Wir wollten als Schule einfach festhalten, was unsere Erwartungen sind.»

Schneebälle mit Bewilligung

Das Leben besteht – auch – aus Regeln. Das lernen Kindergärteler schon am ersten Tag. 21 Seiten dick ist etwa die Broschüre, die ein Wasserämter Kindergarten den Eltern abgibt. Da findet sich allerhand Nützliches. Aber noch mehr Vorschriften. «Schneebälle dürfen nur in der Schneeballzone geworfen werden. Es dürfen keine Eisstücke geworfen werden. Die schneeballfreie Zone ist auf der Karte genau eingezeichnet», steht dort ebenso wie: «Auf dem Schulareal wird nicht umhergespuckt.» Auch für Eltern gibt es eine Regel: «Wir bitten Sie, das Handbuch während des ganzen Schuljahres aufzubewahren.»

Wann sind Regeln sinnvoll und wie viele braucht es? Grundsätzlich gilt: Jede Schule ist verpflichtet, eine Schulordnung zu haben. «Eine Ordnung darf keine Überreglementierung sein», sagt Adrian van der Floe, Präsident des Solothurner Schulleiterverbandes. «Je mehr Regeln es gibt, umso schwieriger ist es, sie einzuhalten.» Zudem müssten die Regeln altersgemäss sein. Geregelt werden soll jedoch, was im Zusammenleben an der Schule nötig sei. Wo wird das Velo abgestellt, wo ist der Pausenbereich, wo und wann darf das Handy benutzt werden? «Würden wir den Pausenbereich nicht festlegen, würden die Schüler zum Kiosk gehen», sagt van der Floe. Erarbeitet würden die Regeln im Lehrerteam. Und diese würden sich mit der Zeit ändern. So kam irgendwann das Handy. Derzeit, so van der Floe, sei der Abfall gerade ein Thema.

Wichtig ist für van der Floe: «Man muss die Regeln leben. Ein Büchlein allein macht keinen Sinn.» Und zudem müsse man sich die Regeln merken können. Werde nur ein Teil eingehalten oder sanktioniert, wirke die Auswahl plötzlich willkürlich. Die Hausordnungen an den Schulen sind Sache der Gemeinden. Der Kanton greift nur ein, wenn Regeln zu weit gehen. Das war etwa der Fall, als in Egerkingen der «Deutschbefehl» auf dem Pausenplatz erlassen wurde. (lfh)

Die Regeln, die auch an umliegenden Schulen Thema sind, seien zudem an einem Elternabend vorgestellt worden. «Weder für Schüler, Eltern noch Lehrer waren sie ein Problem.» Zwar stünden mögliche Sanktionen drauf. Für Schori geht es aber, wie erwähnt, in erster Linie darum, Regeln und Kleidungsweise zur Diskussion zu stellen.

«Das Messband geht nicht»

Kleidung zur Diskussion stellen: Damit reagieren die Solothurner Schulen so, wie es auch andere Schulleiter empfehlen. Adrian van der Floe etwa. Er ist an der Oberstufe Wasseramt Ost tätig und Präsident des kantonalen Schulleiterverbandes. An seinen Schulstandorten gibt es keine Kleiderregeln. «Mit dem Messband zu kommen, geht nicht», sagt er.

Dies bedeute aber nicht, dass zu dürftige Kleidung nicht auch einmal thematisiert werde. «Wenn ein Lehrer, eine Lehrerin das Gefühl hat, dass die Kleider nicht angemessen sind, soll er/sie es mit den Schülern oder den Eltern besprechen und thematisieren, dass eine solche Kleidung beim Schnuppern nicht geht. Geregelt worden seien einzig einmal Kopfbedeckungen im Unterricht. Es habe mit Anstand zu tun, dass man sein Gesicht zeige, so van der Floe.

Andreas Walter, Chef des kantonalen Volksschulamtes, warnt davor, bei Kleidern gleich reglementarisches Geschütz aufzufahren. «Es geht um Regeln des Zusammenlebens.» Walter schlägt vor, zu thematisieren, dass Schüler mit dem, was sie anziehen, auch ein Bild von sich abgeben. «Wie will ich wahrgenommen werden? Und wie gehe ich in eine Bewerbungssituation?», seien Fragen, die diskutiert werden könnten.

Klar ist: Dort, wo Kleiderordnungen über die Diskussion hinausgehen und zu richtigen Regeln werden, wird es heikel. «Schulen begeben sich damit auf ein juristisches Minenfeld», schreibt Peter Hofmann. Er ist nicht nur Primarlehrer, sondern auch Jurist und betreibt das Büro «Fachstelle Schulrecht». «Die Kleidung ist Teil des individuellen Ausdrucks und fällt somit unter den Schutz der persönlichen Freiheit der Bundesverfassung. Für ihre Kleidung sind in erster Linie die Schülerinnen und Schüler selbst oder deren Eltern zuständig.» Das bedeute konkret, «dass der Schule kein Weisungsrecht über Kleidung, Schminke oder Haartracht zusteht».

Ausnahmen gebe es aber durchaus: Im Turn- oder Werkunterricht dürfen Lehrer eine passende Kleidung verlangen. Und auch diskriminierende, gewaltverherrlichende oder rassistische Aufdrucke auf Kleidern dürfen aus dem Schulzimmer verbannt werden.
Gänzlich verboten sind laut Hofmann Weisungen wie sie etwa auf dem Solothurner Flyer stehen, nämlich Schülerinnen und Schüler nach Hause zu schicken, um sich umzuziehen. «Auch die teilweise verbreitete Praxis, locker gekleidete Mädchen und Knaben zu zwingen, ein XL-Shirt überzuziehen, ist rechtswidrig und stellt einen pädagogischen Tiefflug dar», hat Hofmann unlängst in einem Bericht festgehalten.

Eher Kopftuch als Hotpants im Fokus

So oder so: «Kleiderregeln sind kein brennendes Thema mehr an den Schulen», sagt Schulleiter Adrian van der Floe. «Die Schulen haben dies im Griff.» Nicht zuletzt hänge dies mit der Mode zusammen. «Die Kleidermode in den Neunzigerjahren war ganz anders. Die Knaben hatten die Hosen weit unten.» So sieht es auch Schuljurist Peter Hofmann. «Die Mode hat sich geändert. Sie ist heute etwas zugeknöpfter», sagt er.

In diversen Kantonen gebe es die Versuche, Kleidervorschriften im Gesetz zu verankern und somit eine Rechtsgrundlage für Verbote zu schaffen. Dies, so Hofmann, habe oft aber nicht mit zu knapper Kleidung zu tun. «Meist zielt dies aufs Kopftuch.»