Hochwasser
«Mit einem blauen Auge davongekommen»: Chef des Kantonalen Führungsstabs zufrieden mit Hochwasser-Management

Die starken Regenfälle führten auch im Kanton Solothurn teils zu Hochwasser und Überflutungen. Diego Ochsner, Chef des Amts für Bevölkerungsschutz und des Kantonalen Führungsstabs, ist zufrieden: Das Hochwasserkonzept sowie die Investitionen an der Emme zahlen sich aus.

Christoph Krummenacher
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Oberst im Generalstab Diego Ochsner führt das Solothurner Amt für Militär und Bevölkerungsschutz.

Oberst im Generalstab Diego Ochsner führt das Solothurner Amt für Militär und Bevölkerungsschutz.

Bruno Kissling

Wie bewerten Sie die aktuelle Lage?

Wir sind mit blauem Auge davongekommen. Die Lage hat sich beruhigt, die Wassermengen der Zuflüsse der Aare sind mittlerweile rückläufig. Aber die Aare bleibt weiterhin hoch, weil man in Brügg den Bielersee und Neuenburgersee entlasten will. Ziel ist es, die Juraseen, die derzeit maximal gefüllt sind, so schnell wie möglich zu entlasten.

Für mich war diesbezüglich eindrücklich zu sehen, dass die Pegel der Seen erst heute Morgen langsam zu sinken begannen, obwohl es vielerorts bereits seit Samstag nicht mehr geregnet hatte. Um die Situation zu entschärfen, haben wir innerhalb der Kantone Solothurn, Aargau und Bern beschlossen, die Obergrenze für die maximale Abflussmenge vorläufig um 100 m3 zu erhöhen. Der bisherige Wert von 650 m3/s wird also ausnahmsweise auf 750 m3/s erweitert.

Video von der Emme am Donnerstag.

Rahel Meier

Birgt die Erhöhung der Abflussmenge ein Risiko?

Es ist klar: Wir müssen die Situation weiterhin sehr aufmerksam beobachten – die Situation ist noch nicht ausgestanden. Und wir müssen bereit sein, um schnell reagieren zu können. Denn wenn es irgendwo ein Gewitter gibt, dann erhöht sich die Wassermenge schnell wieder. Wir müssen vorausschauend Handeln, denn das Wasser hat vom Wehr beim Bielersee-Ausfluss etwa 3 Stunden bis es in Olten ist.

Die «Murgenthaler Bedingung» gilt zudem weiterhin: Die Abflussmenge von 850 m3/s soll in Murgenthal nicht überschritten werden, um die Gebiete unterhalb nicht zu überlasten. Diesen Maximalwert wird man einhalten können, derzeit ist der Wert konstant bei knapp 800 m3/s. Der höhere Wert wird voraussichtlich für die nächsten Wochen gelten. Erst wenn die Juraseen wieder auf Gefahrenstufe 2 sind, werden wir zum ursprünglichen Abflusswert von 650 m3/s zurückgehen.

Stand Montagabend, 19.7. 2021: Abflussmenge und Wasserpegel der Emme bei Wiler gehen zurück.

Stand Montagabend, 19.7. 2021: Abflussmenge und Wasserpegel der Emme bei Wiler gehen zurück.

Bafu

Wo sind die Einsatzkräfte aktuell noch im Einsatz?

Die Einsätze beschränken sich wie bisher auf Gebiete in und östlich von Olten. Heute Morgen gab es noch 10 Objekte, die man auspumpen musste. Dies haben allerdings Private übernommen, nicht mehr die Feuerwehren. Wir sehen, dass der Grundwasserdruck weiter gross ist. Im Niederamt waren gemäss unserem Hochwasserkonzept Pumpen von den Feuerwehren aufgebaut worden, unterstützt von den Zivilschützern, welche die Überwachung übernahmen. Denn um Vandalismus vorzubeugen muss immer jemand vor Ort sein.

Bei Schönenwerd sind aktuell noch die speziellen Hochwasserverbauungselemente im Einsatz. Bei diesen Schächten wird das Wasser von Dächern und Strassen gesammelt und fliesst normalerweise in die Aare. Wegen des hohen Pegels mussten die Aareabflüsse jedoch geschlossen und das Wasser über Schläuche in die Aare gepumpt werden. Mittlerweile zeigt sich allerdings, dass das Wasser wieder von selbst in die Aare abfliessen kann, wir nehmen die Pumpen deshalb wieder weg.

Wie zufrieden sind Sie mit der Bewältigung der Hochwassersituation?

Es hat sich gezeigt, dass sich die Investitionen an der Emme gelohnt haben. Das hat mich gefreut. Wir hatten bei der Emme überhaupt keine Probleme, die Millionen-Ausgaben für die Renaturierung haben sich bewährt. Die Emme hat bei Wiler um diese Jahreszeit 1-4 Kubikmeter Wasser, jetzt hatten wir 300 Kubik und mehr und es gab trotzdem keine Schäden. Möglicherweise wurden einige Pflanzen etwas beschädigt, welche sich noch nicht genügend gut festsetzen konnten.

Früher war die Situation anders. Die Emme hat ein riesiges Einzugsgebiet und kann nicht reguliert werden. Ich kann mich erinnern, dass vor einigen Jahren nach einem Gewitter im Napfgebiet eine 2-Meter-Flutwelle die Emme hinunterkam. In der Region Solothurn war schönes Wetter und die Leute waren am Baden. Feuerwehren und Polizei konnten die Leute entlang der Flussufer zum Glück noch rechtzeitig warnen.

Neben der Emme hat das Konzept auch im Niederamt funktioniert. Bei Unterführungen und der Badi in Olten hatte man nichts gemacht, da müsste man sich eventuell nochmals überlegen, ob sich eine Investition lohnen könnte.

Der Bielersee am 14.Juli 2021 in Nidau.
5 Bilder
Einzelne Uferwege sind gesperrt
Zivilschützer füllen Sandsäcke für Private ab.
Die Situation beim Stauwehr und Wasserkraftwerk Hagneck, wo die Aare in den Bielersee fliesst.
Die Schleuse Port ist aufs Maximum geöffnet.

Der Bielersee am 14.Juli 2021 in Nidau.

Oliver Menge

Wie hat das Zusammenspiel von Feuerwehren, Zivilschutz, Polizei geklappt?

Wir haben das gemacht, was Routine ist und das hat sehr gut funktioniert – ich bin zufrieden. Wir halten uns hierbei an das Hochwasserkonzept des Kantons Solothurn. Darin ist definiert, welche Abflussmengen welchen Alarm auslösen. Dieser geht bei der Zentrale der Kapo Solothurn ein. Gemäss Konzept wird dann der Sonderstab Hochwasser aufgeboten, der sich per Telefonkonferenz trifft. Neben mir sind dies Hydrologen, die Kapo, die Feuerwehr, der Zivilschutz, die technischen Betreiber und die Alpiq. An der Konferenz definieren wir gemeinsam, welche Massnahmen getroffen werden und wie das weitere Vorgehen ist.

Meistens ist die Feuerwehr mit der Ausführung betraut, die Polizei kümmert sich um Absperrungen und Verkehrsumleitungen, der Zivilschutz unterstützt die Feuerwehr. Vom Zivilschutz waren im Kanton Solothurn etwa 90 Personen im Einsatz, allein 60 im Niederamt. Der Zivildienst kam bei uns nicht zum Einsatz. Bei grösseren und längerfristigen Herausforderungen kann ich bei der Armee Unterstützung beantragen, doch auch das war bei der aktuellen Situation nicht nötig.

Das Wetter ist schön, können die Leute nun in die Aare?

Wir empfehlen, dass man sich von der Aare weiterhin fernhalten soll. Das wird auch bei Allertswiss, der Warnmelde-Plattform des Bundes, so empfohlen. Derzeit ist mit der Situation nicht zu spassen, denn es hat sehr viel Wasser, auch weiterhin und die Strömung ist stark. Zudem weiss man nicht, ob es am Ufer Unterspülungen gegeben hat und der Boden etwa bei Uferwegen plötzlich wegbricht. Ich weiss, es ist jetzt schönes Wetter, aber aktuell lässt man sich besser ein Bädli im Garten ein, falls möglich.