Kanton Solothurn
Ein grosses Projekt fehlt noch, und mit Hochwasserschutz und Renaturierung an der Dünnern wird es auch noch dauern

Das Hochwasserschutz- und Renaturierungsprojekt entlang der Dünnern im Gäu bis Olten ist vor allem in der Landwirtschaft wegen dem Kulturlandverlust höchst umstritten. Dieses Jahr hätte ein Variantenentscheid fallen sollen, aber daraus wird nichts.

Urs Moser
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Die Dünnern bei Oberbuchsiten. Bei einem Extrem-Hochwasser könnte es im Gäu brenzlig werden.

Die Dünnern bei Oberbuchsiten. Bei einem Extrem-Hochwasser könnte es im Gäu brenzlig werden.

Patrick Lüthy

Die starken Regenfälle der letzten Woche und die anhaltend bedrohlich hohen Pegelstände von Seen und Flüssen führen es vor Augen: Der Kanton Solothurn fährt wahrscheinlich gut damit, dass er in den Hochwasserschutz investiert.

«Wir hatten bei der Emme überhaupt keine Probleme, die Millionen-Ausgaben für die Renaturierung haben sich bewährt. Neben der Emme hat das Konzept auch im Niederamt funktioniert.»

So lautete das Fazit von Diego Ochsner, Chef des kantonalen Führungsstabs, diese Woche.

Youtube/Kanton Solothurn

Die Hochwasserschutz- und Revitalisierungsprojekte entlang der Aare zwischen Olten und Aarau und an der Emme vom Wehr Biberist bis zur Aaremündung sind die beiden grossen Vorhaben, die in den letzten Jahren verwirklicht und kürzlich abgeschlossen wurden. Ein drittes steht immer noch an: entlang der Dünnern von Oensingen bis Olten.

Es ist jetzt ziemlich genau zwei Jahre her, seit man dazu – zumindest für die breite Öffentlichkeit vernehmbar – etwas gehört hat. Es würden nun zwei Vorprojekte in Auftrag gegeben, damit bis Ende 2021 der Entscheid für die Bestvariante gefällt werden kann, liess das Baudepartement im Juli 2019 verlauten. Damit das klappen kann, müssten die Grundlagen für die Variantenwahl nun eigentlich vorliegen, also was ist der Stand der Dinge?

Nicht mehr mit Baubeginn vor 2028 zu rechnen

Die Anfrage komme jetzt gerade etwas zu früh, heisst es beim Amt für Umwelt, im September werde man wieder über die weiteren Schritte informieren können. Roger Dürrenmatt von der Abteilung Wasserbau kann dann aber doch zumindest einen kleinen Einblick geben. Mit den Vorprojekten befinde man sich im «Finish», im September sollen sie in die Ämterkonsultation gehen.

Ein Variantenentscheid ist jetzt aber nicht mehr in diesem Jahr, sondern Ende 2022 zu erwarten. Dann könnte bestenfalls 2024 das vorgesehene Verfahren für einen Richtplan-Eintrag der Hochwasserschutzmassnahmen abgeschlossen werden. Will heissen: Mit einem Baustart ist nicht frühestens 2025 zu rechnen, wie es in der letzten Verlautbarung vor zwei Jahren noch hiess, sondern nicht mehr vor 2028.

Wahrscheinlich laufe es auf eine Etappierung der einzelnen Bauprojekte auf der insgesamt rund 19 Kilometer langen Strecke des Dünnernverlaufs im Gäu bis Olten hinaus. Ob es dazu auch einzelne Kreditvorlagen oder einen Rahmen-Verpflichtungskredit geben soll, der dem Kantonsrat und dem Stimmvolk vorgelegt wird, sei noch offen, so Dürrenmatt. Zu den zu erwartenden Gesamtkosten gibt es vorderhand keine neuen Angaben, im Vernehmlassungsbericht zu den Schutzkonzepten von 2019 waren sie je nach Variante auf gut 80 bis 126 Millionen geschätzt worden.

Ein Kampf um jeden Quadratmeter Kulturland

Man kann damit von einem Jahrzehnte-, wenn nicht gar Jahrhundertprojekt sprechen, dennoch entsteht der Eindruck, es gehe etwas gar schleppend voran: Immerhin geht es auf einen Auftrag des Kantonsrats aus dem Jahr 2007 zurück. Salopp zusammengefasst liegt das – abgesehen davon, dass Aare und Emme auch Priorität hatten – am Widerstand der Bauern.

Wenn heute von Hochwasserschutz entlang von Fliessgewässern die Rede ist, spricht man im gleichen Atemzug von Renaturierung/Revitalisierung. Die konkreten Projekte sind sicher komplex, aber das Prinzip ist schnell erklärt: Flüsse und Bäche sollen nicht einfach durch Kanalisierung am Übertreten gehindert werden, man will ihnen wieder mehr Raum geben, um ausserordentliche Abflussmengen aufnehmen zu können.

Und das braucht nun einmal Land. Bei den Projekten Emme und Aare Olten-Aarau ging das vergleichsweise schlank, weil dafür hauptsächlich Waldgebiet geopfert werden musste. Im Gäu mit der Autobahn und den Logistikbetrieben dagegen wird quasi um jeden Quadratmeter Kulturland verbissen gekämpft. Die Landwirte stehen deshalb jeglichen Hochwasserschutz-Projekten gelinde gesagt skeptisch gegenüber.

Am ehesten akzeptiert hätte man einen unterirdischen Stollen zum Ableiten von Dünnern-Hochwasser durch das ganze Gäu. Diese Variante fiel aber ausser Betracht, weil sie nicht bloss ökologisch nichts gebracht hätte, sondern mit mutmasslichen Kosten von weit über 200 Millionen auch die teuerste gewesen wäre.

Zur Diskussion stehen jetzt zwei Lösungen, zu deren Konkretisierung weitere Informationen im September in Aussicht gestellt werden: Die Abflusskapazität mit Gewässerverbreiterungen und Ufererhöhungen vergrössern oder Hochwasser in einem Rückhaltebecken im Raum Oensingen zurückhalten, damit die Abflusskapazität im unteren Verlauf weniger vergrössert, sprich etwas weniger Kulturland geopfert werden muss.

Dass es nach Ansicht der Bauern aber eigentlich weder das eine noch das andere brauchen würde, weil es ja sowieso nie zu einer grösseren Überschwemmung kommt, bringt Martin Würsten, den ehemaligen Chef des Amts für Umwelt, auch eineinhalb Jahre nach seiner Pensionierung noch in Wallung. «Die Fachleute sind schliesslich auch nicht blöd», sagt er. Und die gehen davon aus, dass sich bei einem sogenannten Jahrhundertereignis, mit dem inzwischen eher alle zehn Jahre zu rechnen ist, die Hochwasserschäden im Gäu auf über eine halbe Milliarde belaufen würden.

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