Buch

Historiker beleuchtet Geschichte der elf Katakombenheiligen

Der heilige Candidus lag in der Kirche des Klosters Namen Jesu. Heute ist er im Museum Blumenstein zu sehen.

Der heilige Candidus lag in der Kirche des Klosters Namen Jesu. Heute ist er im Museum Blumenstein zu sehen.

Ein soeben erschienenes Buch beleuchtet die umfassende Geschichte der verzierten Märtyrer-Reliquien, die im 17. und 18. Jahrhundert in den Kirchen verehrt wurden. Urs Amacher, Historiker aus Olten, hat das Buch verfasst. Die Fotos stammen von Patrick Lüthy.

Bis vor 50 Jahren waren sie noch in Klöstern und Kirchen anzutreffen: Prächtig ausstaffierte Skelette in Glassärgen. Beschafft wurden diese sogenannten Katakombenheiligen zwischen 1650 und 1750 in den römischen Katakomben. Oft vermittelten Offiziere der Schweizergarde zwischen den Kirchgemeinden und den Behörden in Rom.

Klosterfrauen setzten dann die verschiedenen Gebeine, die als Knochenkonvolut in Holzkisten bei uns ankamen, mit grossem Sachverstand wieder zusammen und schmückten sie mit kostbaren Stoffen, Perlen und Glasedelsteinen.

So konnten in der Barockzeit ganze Skelette und nicht bloss –  wie noch im Mittelalter – Knochen- Holz-, oder Stoffstücke als Reliquien verehrt werden, denn die Reliquien und Heiligenverehrung wurde von der katholischen Kirche gewünscht, ja sie wurde gefördert. Man betrachtete sie als «Schutzschild» gegen den Protestantismus. Noch wirkungsvoller war eine Reliquie, wenn man sie mit einem Wunder in Verbindung bringen konnte. Nördlich den Alpen wurden immer mehr Katakombenheilige gesucht.

Und so entwickelte sich im 16. und 17. Jahrhundert in Rom eine eigentliche «Industrie». Unbekannte Skelette, die künftig als Katakombenheilige ausgestellt werden sollten, bekamen in einer eigentlichen Taufzeremonie nachträglich einen Namen. Ebenfalls bekamen sie ein Echtheitszertifikat. In die Kirchen und Klöster im Kanton Solothurn wurden im Lauf der Jahre elf Katakombenheilige gebracht. Ein Zufall, dass es ausgerechnet die «heilige» Solothurner Zahl ist.

Die Skelette verschwinden

Zwar wurde im Zweiten Vatikanischen Konzil (1963) beschlossen, dass die Verehrung mittels Reliquien weiterhin gewünscht sei. Jedoch sprach man jetzt eindeutig von echten, authentischen Reliquien, da inzwischen überall bekannt war, dass es sich bei den Katakombenheiligen unmöglich um die Skelette der echten Märtyrer handeln konnte. Das waren alles Skelette gewöhnlicher Römerinnen und Römer, die im Altertum und Frühmittelalter in den Katakomben bestattet wurden.

Damit war die Verehrung dieser Skelette auch nicht mehr kirchlich sanktioniert. Die Folge war, dass die Särge aus dem Blickfeld der Gläubigen verschwanden. Sie wurden in die Altäre eingemauert oder in ihre Einzelteile zerlegt und auf Dachböden vergessen. Die Herkunft der solothurnischen Katakombenheiligen, ihre Blütezeit und ihr allmähliches Verschwinden beleuchtet Urs Amacher in seinem soeben erschienenen Buch «Heilige Körper» detailliert und es ist nachzulesen, dass alle elf Skelette im Kanton Solothurn eine spannende Geschichte durchlebten.

Amacher beschreibt, durch viel historisches Quellenmaterial belegt, Beschaffung und Transport, finanzielle oder politische Aspekte der Reliquien. Durch langjährige Recherche hat er einige bisher unbekannte Spuren aus zahlreichen Archiven ans Licht geholt.

«Heilige Körper» von Urs Amacher, Olten, Knapp Verlag. 135 S. mit zahlreichen
Illustrationen, Fotos von Patrick Lüthy. Fr. 28.–.

Buchvernissage am Montag, 14. November, um 19.30 Uhr im Historischen Museum Olten. Freier Eintritt, Apéro und Büchertisch.

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