An einem Wallfahrtsort sich Gedanken zu Wundern und unserem Umgang damit zu machen – was liegt näher. So ist derzeit in Mariastein eine zweiteilige Ausstellung mit alten Votivtafeln und Fotografien zeitgenössischer Fotografen unter dem Titel «Zeichen und Wunder» zu sehen. Im Ausstellungsraum des Benediktinerklosters Mariastein, dort wo man an vielen Steinplatten mit Dankesbezeugungen in die Gnadenkapelle hinunter steigt, hat Pater Lukas Schenker die Ausstellung «Zeugnisse dankbaren Glaubens» zusammengetragen. Es sind Votivbilder aus mindestens drei Jahrhunderten zu sehen, die Schenker mit kleineren Erklärungen versehen hat. Diese Votivtafeln wurden in der Regel von den Gläubigen selbst, oder einem malbegabten Bekannten hergestellt. «Es sind also keine Kunstwerke, sondern Zeugnisse der Volkskunst und des volkstümlichen Glaubens,» betont Pater Lukas. Auf ihnen wird über Not, Unfall oder Krankheit berichtet – Unglücke von denen die Gläubigen dank ihres Gebetes zu Maria verschont geblieben oder genesen sind.

Zu sehen ist auch eine der frühesten Votivtafeln der Schweiz, das sogenannte Mirakelbild in der Siebenschmerzenskapelle. Es stellt in szenischer Abfolge die wunderbare Rettung des Junkers Hans Thüring Reich von Reichenstein aus dem Jahr 1541 dar. Obwohl der Junker den hohen Felsabhang von Mariastein hinunterstürzte, brach er sich lediglich den Kiefer und wurde wieder vollständig gesund. «Die Tafeln sind also Dankeszeichen. Man nennt sie auch Ex Voto (von vovere, geloben, lat.) was bedeutet, dass dahinter ein Versprechen, ein Gelöbnis steht. Werde ich also mit meinen Gebeten und Bitten erhört, danke ich dafür mit einer Gabe oder einer Wallfahrt und lege dafür dieses Zeugnis ab», erklärt der Pater.

Als Motive sind auf den Votivtafeln oft Unglücksereignisse wie ein Raub oder gar ein Überfall im eigenen Haus, eine schwere Geburt, ein Blutsturz und Ähnliches entdecken. Doch es gibt neben ganz persönlichen Anliegen auch politische Gründe, sich bei der Mutter Gottes zu bedanken. So entdeckt man ein grosses Votivbild, gestiftet von der elsässischen Gemeinde Leymen aus dem Jahr 1820. Damit bedankte man sich für den Schutz der Heiligen Maria vor den napoleonischen Truppen. Man kann sich mit diesen Votivtafeln nicht nur ein Bild der früheren Religiosität der Bevölkerung machen. Man erkennt darauf auch die Lebensumstände der Leute, ihre Kleidung, ihren gesellschaftlichen Status. Leider haben sich in Mariastein die vielen Objekte mit Gliedmassen, Herzen oder anderen teils kuriosen Motiven, für die Menschen Hilfe bekamen und die meist aus Wachs gefertigt wurden, nicht erhalten.

Steintafeln bringt man heute

In unserer Zeit hat es sich eingebürgert, dass Personen, welche Hilfe bekamen, eine Steinplatte von einem Steinmetz anfertigen lassen und diese am Wallfahrtsort abgeben. «Maria hat geholfen» heisst es da beispielsweise, dazu ein Name und ein Datum. Heutzutage werden diese Tafeln als Dank für eine erfüllte Fürbitte abgegeben. «Man bittet zum Beispiel bei Krankheit, Operation, schwierigen Prüfungen oder einer Berufswahl um Hilfe von Maria oder einem anderen Heiligen», so der Pater. Solche Steinplatten würden heute noch viele im Kloster abgegeben. Auffallend ist auch, dass diese in den verschiedensten Sprachen und Schriften verfasst sind. «Es ist ein Abbild unserer heutigen Schweizer Bevölkerung», sagt Pater Lukas dazu. Im neu eröffneten Klosterhotel Kreuz sind unter dem Titel «Als wärs ein Wunder» Fotoarbeiten von elf Fotografen zu sehen, welche «ihre» Wunder zeigen.

Wunder, auf Fotografien

«Wie kann ein Wunder bildlich dargestellt werden», fragte Kuratorin Pia Zeugin die eingeladenen Fotografen. Nur einer von ihnen verbindet ein Wunder mit Gott. Der Rodersdörfer Berthold Nathal fotografierte Gebetssituationen und die Natur. Auch der Schaffhauser Res Eichenberger sieht in der Natur ein Wunder. Das kann ein Ast, eine Flechte oder eine Muschel sein. «Der Mensch, die menschliche Beziehung, ohne die nichts entstünde, ist ein Wunder», sagt Christina Brun und zeigt Aufnahmen von Menschen in Myanmar, Palästina oder Libanon. Auch André Albrecht sieht im Menschen das Wunder, indem er ein Baby-Augenpaar und jenes eines Hundertjährigen nebeneinanderstellt. Für Lenka Reichelt hat ein Wunder etwas Geheimnisvolles, Mystisches. Und so schwebt denn über ihren Schwarz-weiss-Aufnahmen von Zimmern und Orten das Unerklärliche.

Bis 31. Oktober. Ausstellungsraum im Benediktinerkloster an Sonn- und Feiertagen; ansonsten an der Klosterpforte melden. Ausstellung im Klosterhotel Kreuz täglich 9–18 Uhr. Führungen auf Verlangen.