Texaid

Hier weggeworfen – dort gebraucht: Was passiert mit unseren Kleiderspenden?

Schweizer sind Spitze im Recycling. Das gilt auch für Altkleider. Allein im Kanton Solothurn sammelt Texaid jährlich 1300 Tonnen ein. Wir haben den Weg der ausrangierten Kleidungsstücke verfolgt und zeigen auf, wo diese am Schluss landen.

Lieblingspullover, der zu klein geworden ist? Vielleicht haben Sie jüngere Geschwister oder Bekannte, die Freude daran haben. Andernfalls landet das Kleidungsstück in der Altkleidersammlung. Und dann? Haben Sie sich schon einmal überlegt, was mit Ihren ausrangierten Hosen, Pullis, Röcken und Schuhen geschieht?

Zwei Mal im Jahr führt die Texaid Textilverwertungs-AG eine Strassensammlung durch. Letztmals im August holte eine Sammelequipe die am Strassenrand im Kanton Solothurn deponierten Altkleider-Säcke ab. Der dafür benötigte Altkleidersack wurde den Haushalten einige Wochen vor dem Sammeltag per Post zugestellt.

«Früher kam mehr Material zusammen bei den Strassensammlungen», erklärt Muharem Hukic. Mit seinen Kollegen Xhelal Hasi und Hysni Kugi fuhr er als eine von drei Sammelequipen mit einem Texaid-Kleintransporter jedes Solothurner Strässlein ab und lud die deponierten Kleidersäcke ein. «Zeitweise füllten wir pro Tag drei Fahrzeuge mit Altkleidern», erinnert sich Hasi, der seit zehn Jahren für Texaid unterwegs ist. «Momentan wird pro Tag gerade mal ein Transporter voll – wenn wir Glück haben.»

Auch Lilly Sulzbacher, Mediensprecherin von Texaid, weiss um den Rückgang der am Strassenrand deponierten Altkleider. «Das Abholen der Kleidersäcke erinnert an Pilzsammeln. Früher war der Strassenrand am Sammeltag gesäumt von weiss-roten Säcken, heute sind sie dünner gesät.» Etwa zehn Prozent der gesamten Textilmenge gewinnt Texaid noch durch Strassensammlungen.

«Insgesamt nimmt die gesammelte Textilmenge über die letzten Jahre jedoch kontinuierlich zu», so Sulzbacher. Der Grossteil der Kleidungsstücke wird in Altkleider-Containern deponiert. Schweizweit gibt es fast 5800 Container der Textilverwertungs-Firma, im Kanton Solothurn sind es deren 236. Einen kleinen Teil macht zudem das sogenannte Inshop-Sammelsystem Revant aus. «Gebrauchte Bekleidung kann in ausgewählten Textilfachgeschäften abgegeben werden», erklärt Sulzbacher das 2013 eingeführte Rückgabe-System.

Texaid verfügt über 60 Kleintransporter, mit welchen über 80 eigene Chauffeure und einige Fremdfahrer die Strassensammlungen und Container-Leerungen durchführen. Hat die Sammelequipe einen Kleintransporter mit Altkleider-Säcken gefüllt, fährt er zur nächsten Verladestation. In Solothurn ist dies der Güterbahnhof. Hier werden die gesammelten Textilien in Güterwaggons oder Pritschenwagen verladen und anschliessend ins Sortierwerk in Schattdorf im Kanton Uri transportiert.«Im Kanton Solothurn kamen 25 Tonnen Alttextilien aus 113 755 Haushalten zusammen», fasst Sulzbacher die jüngste Strassensammlung im August zusammen. Jährlich sind es – über alle Sammelkanäle gerechnet – 1300 Tonnen Altkleider, die Texaid im Solothurnischen zusammenträgt. Ins Sortierwerk in Schattdorf gelangen jährlich 35 400 Tonnen Altkleider aus der ganzen Schweiz. «Das sind etwa 120 Millionen Einzelstücke», so Sulzbacher.

In einem ersten Arbeitsschritt werden im Sortierwerk die Säcke separiert, die möglicherweise Schuhe enthalten. Ebenso werden diejenigen Kleidersäcke zur genaueren Kontrolle aussortiert, die Abfall zu enthalten scheinen. «Etwa fünf Prozent des Materials in den Säcken sind Abfälle», so Sulzbacher. Von Elektroschrott über Kleiderbügel, kaputtes Spielzeug oder Haushaltsgeräte sei schon alles zum Vorschein gekommen. Dieses Fremdmaterial muss aussortiert werden, bevor die Altkleidersäcke auf einem Förderband vom Güterwaggon ins Sortierwerk transportiert werden.

Das Band befördert nämlich rund 30 000 Tonnen der jährlich gesammelten Altkleider direkt zur Absackanlage. Dort wird der Inhalt der Altkleidersäcke unsortiert als sogenannte Originalware verpackt. Diese ist für den Export bestimmt. «Von den 35 400 Tonnen Altkleidern können wir in der Schweiz nur etwa fünf Tonnen selber sortieren», erklärt Sulzbacher. Der Rest geht an Sortierwerke, die Texaid in Ungarn, Bulgarien, Deutschland und Marokko unterhält. «Ausserdem gibt es fremde Sortierwerke, die Originalware beziehen.» Texaid verkauft also die Kleidersäcke an Abnehmer im Ausland. «Altkleider gelten rechtlich als Abfall. Da sie aber als Recyclingware gehandelt werden, dürfen sie exportiert werden.» Der Müll, der sich in den Säcken befindet, muss aber vor dem Export aussortiert werden.

Die übrigen Kleidungsstücke, also die jährlich fünf Tonnen, gelangen mittels des Förderbandes in die Sortierhalle in Schattdorf. Dort werden sie von acht Mitarbeiterinnen von Hand verlesen und nach etwa 60 Kriterien beurteilt. Bis zu 7 500 Kleidungsstücke beurteilt eine Sortiererin am Tag. «Die Sortiererinnen erfassen die Qualität der Stücke in fünf Stufen», erklärt Sulzbacher. «Ein Kleidungsstück der Stufe eins ist neu oder neuwertig.» Ausserdem werden die Stücke nach Kriterien sortiert, die spezifische Kundenwünsche berücksichtigen. Die Klassifikation «Tropical» gilt denn etwa für Ware, die nach Afrika geliefert werden kann: günstige, qualitativ gute Ware, die jedoch kleine Mängel aufweisen darf. «In Afrika gibt es viele Schneider, welche die Gebrauchtkleidung auf den lokalen Märkten günstig erwerben und flicken oder abändern.»

Die Klassifikation der Kleidungsstücke wird mittels eines Headset-Mikrofons in das computergestützte System eingegeben. Förderbänder transportieren die Stücke entlang einer Reihe von Behältern. Beim entsprechenden Gefäss werden die Kleidungsstücke durch Druckluft vom Band geblasen.

Etwa 65 Prozent der Textilien werden als tragbare Gebrauchtkleidung eingestuft. Diese werden im Schnitt zu einem Franken das Kilo weiterverkauft. «Abnehmer der Gebrauchtkleidung sind Grosshändler in wirtschaftlich und sozial schwachen Regionen wie etwa Osteuropa, die Ukraine, afrikanische und asiatische Länder», so Sulzbacher. Die Abnehmer holen die konfektionierte Ware im Sortierwerk in Schattdorf ab und verkaufen sie lokal weiter. Ein Teil der Gebrauchtkleidung wird auch in den deutschen Secondhand-Filialen von Re-Sales verkauft. Zudem verkauft Texaid im sogenannten «shoshop» auf der Internetplattform Ricardo Secondhandbekleidung.

15 Prozent der Alttextilien werden als Rohstoffe für die Putzlappenindustrie verwendet, und etwa gleich viele Kleidungsstücke werden zu Dämmmaterial verarbeitet. Zu Ballen gepresst werden diese Textilien mit LKWs zwei Mal pro Woche in ausländische Recycling-Werke transportiert. «Die fünf Prozent Abfälle werden fachgerecht entsorgt oder enden in der thermischen Verwertung.»

Neben Abfällen und Textilien finde sich in den Texaid-Säcken gelegentlich auch wertvolles Fremdmaterial. «Einmal hat eine Frau ihre Handtasche in einen Altkleidersack gepackt. Später merkte sie, dass es die Tasche war, in der sie all ihren Schmuck aufbewahrte», erinnert sich Sulzbacher. «Solche Fehlentsorgungen kommen mehrmals wöchentlich vor.» Im Sortierwerk sei auch schon Geld zum Vorschein gekommen, das in Mantelsäumen eingenäht war. «Manchmal ruft auch ein verzweifelter Mann bei uns an, weil seine wütende Ex-Freundin seine gesamte Garderobe in einen Altkleider-Container geworfen hat.»

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