Kanton Solothurn

Hier stehen Autopendler am längsten im Stau

Eine echte Geduldsprobe: Fahrt von Oensingen durch die Klus.

Eine echte Geduldsprobe: Fahrt von Oensingen durch die Klus.

Wo im Kanton Solothurn liegen die Verkehrsengpässe? Ein Bericht der Regierung zeigt: man steht bei weitem nicht nur auf der Autobahn im Stau. Die anstehenden Strassenprojekte würden aber gar nicht primär kürzeren Stauzeiten dienen, so die Regierung.

Noch ist es nicht wieder ganz so wie zu Vor-Coronazeiten, aber es ist absehbar: Auf der A1 geht zwischen dem Härkinger Kreuz und Luterbach zu den Stosszeiten wieder gar nichts mehr. Die nationale Hauptschlagader des motorisierten Verkehrs ist aber bei weitem nicht der einzige staumässige Hotspot im Kanton.

Die Fahrzeit vom Autobahnzubringer Oensingen bis zum Kreisel Thalbrücke in Balsthal zum Beispiel kann sich in Extremfällen in den Abendspitzenstunden von gerade mal 4,5 Minuten bei freier Fahrt auf rund 30 Minuten verlängern. Für die Strecke vom Sälikreisel in Olten bis Aarburg benötigt man im Normalfall um die drei Minuten. Zu Spitzenzeiten können es schon einmal auch 16 Minuten sein. Die Zahlen liefert die Regierung in der Antwort auf einen Vorstoss von SP-Fraktionspräsident Markus Ammann (Olten), der sich nach den Prioritäten bei der Beseitigung von Verkehrsengpässen erkundigt.

Einige weitere Beispiele, wo die Pendler mitunter viel Zeit verlieren:

In Grenchen ist Stau zwischen dem Autobahnanschluss und dem Breitlingkreisel tägliches Brot. Bei freier Fahrt ist das ein Weg von 77 Sekunden, in der Stosszeit morgens sind es meistens «nur» 45 Sekunden mehr, es kann aber auch einmal ein Zeitverlust von 4 Minuten daraus werden.

Auf der Westtangente in Solothurn kommt man ohne Verkehrsstörung in 150 Sekunden von der Autobahnausfahrt zum Jumbo-Kreisel. In der Rushhour sind es meist 90 Sekunden mehr, es kann aber auch 10 bis 12 Minuten länger dauern.

Eine typische Pendlerstrecke in der Agglomeration Solothurn ist Gerlafingen – Gewerbegebiet Bellach. Für die 10 Kilometer Weg benötigt man mit dem Auto normalerweise 11 Minuten. In den Spitzenstunden am Morgen erhöht sich die Fahrzeit um 2, manchmal aber auch um bis zu 20 Minuten. In den Feierabendstunden kann eine Fahrt zurück von Bellach nach Gerlafingen im Extremfall sogar fast eine Stunde dauern, also gut fünf Mal so lange wie bei freier Fahrt.

Eine typische Pendlerstrecke vom ländlichen Raum in ein urbanes Zentrum ist Balsthal – Olten. Bei freier Fahrt ist der Weg in 17 Minuten zu schaffen. Zur Hauptverkehrszeit am Morgen werden schon einmal 45 Minuten daraus. Und abends in entgegengesetzter Richtung von Olten zurück nach Balsthal können es im Extremfall (5 Prozent aller Fahrten) eine Stunde und 15 Minuten werden. Da wäre man dann mit dem öffentlichen Verkehr mehr als doppelt so schnell.

Es gibt eine ganze Reihe weiterer Hotspots im Kanton, wo die Verkehrsinfrastruktur zu den Stosszeiten überlastet ist. Die Bielstrasse zwischen Solothurn und Bellach etwa, der Kreuzplatz in Derendingen, die Oltnerstrasse zwischen Hägendorf und Rickenbach und manche mehr. Die Wartezeiten im Stau summieren sich dort zu Aberstunden, in denen man Besseres zu tun hätte. Das nervt den Verkehrsteilnehmer und der Stau wird so auch zu einem volkswirtschaftlichen Negativfaktor. Da ist es ein eher schwacher Trost, dass die Dauer der Verkehrsspitzen im Kanton Solothurn kürzer sei als in grösseren Agglomerationsräumen wie Zürich oder Basel, wie der Regierungsrat zur Interpellation von Kantonsrat Ammann schreibt.

Stauzeiten zu reduzieren ist nicht oberstes Ziel

Die Urheberschaft lässt es vermuten: Die Fragen nach den neuralgischen Punkten, den Stauzeiten und den Prioritäten bei Verkehrsentlastungen sind nicht darauf ausgerichtet, das Feld für eine möglichst grosszügige Erweiterung der Strassenkapazitäten zu ebnen. Wie das Kosten-Nutzen-Verhältnis bezüglich der Verlustzeiten bei den grösseren Strassenprojekten sei und wie die Raumplanung die Anforderungen an eine «möglichst geringe und effiziente Mobilität» berücksichtige, will Markus Ammann vielmehr wissen.

Allzu viel Handfestes bekommt er von der Regierung dazu nicht zu hören. Bei den grösseren Projekten wie Verkehrsanbindung Thal, Zubringer Dornach an die H18 oder Verkehrsentlastung Hägendorf– Rickenbach (ERO+) gehe es gar nicht in erster Linie darum, die Verlustzeiten zu reduzieren. Die primären Ziele seien die Verbesserung der Erreichbarkeit, die Gewährleistung und Erhöhung der Verkehrssicherheit, die Schaffung von Erschliessungsmöglichkeiten und die Vermeidung von Ausweichverkehr zum Beispiel durch Quartiere. Dies im Sinn der 3-V-Strategie im Richtplan: Verkehr verlagern, Verkehr vermeiden, Verkehr verträglich gestalten. Auf die Ermittlung quantitativer Kosten-Nutzen-Verhältnisse verzichte man im Verkehrsinfrastrukturbau, so die Regierung.

Die Notwendigkeit der meisten Projekte ergebe sich aus fachlichen Gründen wie Sanierungsbedarf, Verkehrssicherheitsdefiziten oder Defiziten zu Lasten einzelner Verkehrsträger. Es würden längst nicht mehr einzelne Infrastrukturprojekte für den einen oder anderen Verkehrsträger geplant, sondern es stehe die Entwicklung eines Gesamtverkehrssystems im Vordergrund, so die Regierung weiter. Mit dem Ziel, die Investitionen dort zu konzentrieren, wo sie die grösste Wirkung erzielen, will heissen in den urbanen und agglomerationsgeprägten Räumen.

Autor

Urs Moser

Urs Moser

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