Gerlafingen ist noch immer die rote Hochburg im Kanton Solothurn. In kaum einem anderen Dorf kann die Sozialdemokratie auf ähnlich ausgebaute Strukturen und Personal zurückgreifen. Das zeigt beispielhaft die bevorstehende Wahl fürs Gemeindepräsidium. Die SP präsentierte ihren Kandidaten bereits neun Monate vor dem Wahltermin. Philipp Heri ist jung, gut vernetzt in Gemeinde und Kanton und kann auf eine starke Hausmacht zurückgreifen. Die Freisinnigen als zweite Lokalpartei mit Tradition scheinen zu resignieren. Und welche andere Ortspartei mit 80 Mitgliedern sendet schon zwei Bundesparlamentarier nach Bern?

Das ist nicht selbstverständlich. Wie in anderen Orten, wo die Industrie abwanderte, erfahren auch in Gerlafingen rechte Kräfte seit den 1990er-Jahren mehr Zuspruch. Im Wasserämter Dorf aber hält sich die Linke trotz Dezimierung ihrer traditionellen Wählerschaft an der Spitze. Noch in den 1970er-Jahren beschäftigte das Stahlwerk über 2500 Mitarbeiter. Sie liessen die Einwohnerzahl des einstigen Bauerndorfs innert weniger Jahrzehnte explodieren.

Auch aus dem Emmental oder dem Bucheggberg radelten die Eisenarbeiter in die frühere Von Roll. Nach mehreren Krisen beschäftigt das Werk noch immer rund 500 Menschen. Die gewerkschaftliche Arbeiterschaft spielt heute eine untergeordnete Rolle. Trotzdem bleibt die Wählerschicht begehrt, wo inzwischen Rechtsparteien für sich beanspruchen, die «kleinen Leute» zu vertreten.

Die Solothurner SP befürwortet eine etwas restriktivere Migrationspolitik als die nationale Partei und ist auch beim Punkt «Law&Order etwas strenger. Dafür gewichtet sie die liberale Gesellschaft und Wirtschaft etwas höher.

Die Solothurner SP befürwortet eine etwas restriktivere Migrationspolitik als die nationale Partei und ist auch beim Punkt «Law&Order etwas strenger. Dafür gewichtet sie die liberale Gesellschaft und Wirtschaft etwas höher.

SP begleitete sozialen Aufstieg

«Wir sind die Partei für die Arbeitnehmenden geblieben», erklärt Fabian Jordi den anhaltenden Erfolg der Gerlafinger SP. Nur seien dies heute weniger klassische Fabrikarbeiter, sondern gewöhnliche Angestellte. «Viele haben mit einer Berufslehre begonnen und sich dann weitergebildet.» Jordi betreibt eine Webdesign-Agentur und sitzt seit 12 Jahren im Gemeinderat. Im Frühling kandidiert der 33-Jährige für seine vierte Legislatur. Die SP hat den sozialen Aufstieg eines Teils der Wähler begleitet. Dennoch sei die Ortspartei nicht von Akademikerinnen durchdrungen. Viele Mitglieder würden nach wie vor einfache Jobs ausführen.

Diesen Befund bestätigt Ruedi Bürki. Er war lange Ortsparteipräsident, Kantonsrat und galt mit seinem Universitätsstudium als Exot. «Bei uns gab es noch Büezer. Auch heute arbeitet man hier noch oft hart mit den Händen und ist am Abend auf der Schnure.» Dafür seien sie von den Stadtsolothurner Genossen, von denen viele studiert hätten, oft belächelt worden.

Im Gegenzug frotzelten die Gerlafinger über die «linke Schickeria» in der Stadt. Bürki war 1976 als Lehrer ins Wasseramt gekommen. Als er in die SP eintrat, zitierte ihn der damalige freisinnige Gemeindepräsident Karl Schulthess. «Was mir einfalle, fragte er mich. So etwas hätte er nicht erwartet.» Die harten Arbeitskämpfe, die die Genossen einst fochten, sie hallten in Gerlafingen lange nach.

Auch die Gerlafinger SP verliert (obere Linie). Sie ist aber mit 30 Prozent noch immer Volkspartei. Die Kantonalpartei ist dagegen auf unter 20 Prozent gefallen.

Roter Standesdünkel

Der Neuzuzüger Bürki erkannte rasch: «Die Von Roll dominierte diesen Ort fast in jedem Lebensbereich.» Der Schulpräsident, der ihn einstellte, war Personalchef im Stahlwerk. Der Vorsteher der betrieblichen Fürsorgeeinrichtung präsidierte die entsprechende Kommission in der Gemeinde. Der Präsident der Baukommission kam aus der Von Roll, in früheren Jahren auch der Präsident der reformierten Kirchgemeinde.

Die Kirche steht übrigens exakt in der Mitte zwischen den beiden einstigen Portalen des Stahlwerks und der Papierfabrik Biberist. Damit nicht genug: Das Metallunternehmen baute Wohnungen, half bei der Finanzierung des Schwimmbads, der Schülerspeisung und steuerte einen Grossteil der Einnahmen der öffentlichen Hand bei. «Ich sehe noch heute die Direktoren vor mir, die sich in Cadillacs durchs Dorf chauffieren liessen», erzählt der 69-Jährige. «Das ist mir eingefahren.»

Sozialdemokraten mit «freisinnigem Anstand»

Zusammen mit der Stahlwerk-Hauspartei FDP kämpfte die SP über Jahrzehnte um die Vormacht. Beide stellten im 23-köpfigen Gemeinderat 10 Räte. Seit 1989, als Roberto Zanetti gewählt wurde, stellt die Linke konstant den Gemeindepräsidenten, seit 1993 auch die grösste Fraktion. So mancher sozialdemokratische Sitz blieb früher allerdings verwaist, weil die Gemeinderäte Schichtarbeit leisteten. Die Genossen woben in Gerlafingen ein sozial- und kulturpolitisches Machtnetz.

Ein wichtiges Element waren die Vereine. Es gab einen Arbeitermännerchor, Arbeiterturner, Arbeiterschützen, den proletarischen Frauenbund, sogar einen sozialistischen Veloclub. Und einen grossen Stolz. Der Standesdünkel war so gross, dass manche ihren Verein lieber zugrunde gehen liessen, als sich mit den verhassten Bürgerlichen zusammenzuschliessen.

Später folgte eine Zeit der Versöhnung, wie der Historiker André Kienzle in seiner Dissertation «Es gibt nur ein Gerlafingen!» schreibt. Er erwähnt die Sozialpartnerschaft, die es Arbeitnehmern und Arbeitgebern ermöglichte, ihre Handlungsfreiheit zu bewahren. Vom «freisinnigen Anstand der Sozialdemokraten» schrieb Peter Bichsel. Tatsächlich sei man nie mit der roten Fahne durchs Dorf marschiert, sagt Gemeindepräsident Peter Jordi. Die Gerlafinger SP sei stets eine «Realo-Partei» gewesen. «Weil wir auf das Stahlwerk angewiesen waren.» Man habe zwar gewusst, dass ohne Arbeiter kein Stück Eisen auf den Amboss gekommen wäre. «Aber ohne die Stahlbarone hätte es keinen Amboss gegeben.»

Auch für Fabian Jordi liegt die Stärke der Partei in der Orientierung zum Konsens. «Wir haben den Bogen nie überspannt und immer auch die Interessen der Arbeitgeber berücksichtigt.» Heute verantwortet Jordi das SP-Blettli, das jeden Monat Informationen aus dem Gemeinderat in die Haushalte liefert. «Es war nie ein Kampfblatt, das Giftpfeile verschossen hat.»

Aus Progressiven wurden Bewahrer

Bequem allerdings waren die Gerlafinger Genossen nie. So waren einseitige Steuersenkungen für die Firmen mit ihnen nicht zu machen. «Selbst wenn die Bürgerlichen ständig drohten, dass andernfalls das Stahlwerk verschwindet», sagt Bürki. Auch bei Personalfragen blieben die Gerlafinger konsequent. «Dafür wurden wir von der Kantonalpartei manches Mal geschnitten.» So war der Gerlafinger SP-Regierungsrat Gottfried Wyss trotz Protest seiner Heimbasis 1985 nicht wieder nominiert worden.

Gewählt wurde er trotzdem. Auch bei den bevorstehenden Regierungsratswahlen pochten die Gerlafinger auf eine SP-Zweierkandidatur mit Philipp Hadorn aus den eigenen Reihen. Der Vorstoss wurde abgeschmettert. Im Wasseramt befürchtet man nun, dass die Grüne Brigit Wyss am Ende SP-Kandidatin Susanne Schaffner gefährden könnte.

Selbst wenn die Gerlafinger SP nie die absolute Mehrheit stellte – erreicht hat sie einiges. Was fehlt, sei ein schöner, grosser Saal, sind sich Bürki und Jordi einig. Die «Grünau» als einstiges Versammlungslokal ging der Linken verloren, und auch der traditionell bürgerliche «Gerlafingerhof», das einstige Werkhotel, fristet heute ein kümmerliches Dasein.

Die klammen Gemeindefinanzen lassen keinen Investitionsspielraum. Eher müsse man heute dafür sorgen, die Errungenschaften zu halten, so Fabian Jordi. «Wir sind fast etwas konservativ geworden.» Die einst progressiven Sozialdemokraten wurden zu Bewahrern. Auch darin widerspiegelt sich der Wandel dieser breit aufgestellten Partei.