Auf einen Kaffee mit...

Herausfordernde Operationen sind sein Alltag

Gefässchirurg Pascal Kissling (38) arbeitet noch bis Ende Jahr im Inselspital Bern. Ab 2018 ist er im Bürgerspital Solothurn tätig

Gefässchirurg Pascal Kissling (38) arbeitet noch bis Ende Jahr im Inselspital Bern. Ab 2018 ist er im Bürgerspital Solothurn tätig

«Auf einen Kaffee mit...» Pascal Kissling aus Horriwil, Gefässchirurg am Inselspital Bern, der eine aussergewöhnliche Operation durchgeführt hat.

Wir haben uns zum Kaffeetrinken mit einem Gefässchirurgen verabredet. Dies geschieht am besten gleich in der Cafeteria seines Arbeitsortes, im Inselspital in Bern. Wir warten. Nach rund 15-minütiger Verspätung erscheint Oberarzt Pascal Kissling und entschuldigt sich. «Ich hatte gerade noch eine Operation, besser gesagt, ich habe einen Kollegen dabei ‹geteacht› oder angeleitet.

Es dauerte etwas länger.» Da haben wir natürlich Verständnis. Kein Interview kann so dringend sein, als dass ein chirurgischer Eingriff deshalb nicht mehr so gewissenhaft durchgeführt würde, wie das nötig ist.

Wir nehmen uns einen Kaffee und setzen uns in einen ruhigeren Bereich der Cafeteria. Pascal Kissling, der 38-jährige Oberarzt an der Universitätsklinik des Inselspitals Bern für Herz- und Gefässchirurgie, ist ein Solothurner; in Subingen aufgewachsen und jetzt in Horriwil zu Hause.

Er erregte vor einigen Tagen Aufsehen in den Medien. Dies mit einer aussergewöhnlichen Operation, die er und ein ganzes Team von Spezialisten vor zwei Jahren erfolgreich durchführen konnten. «Wir gingen aber erst jetzt, nachdem die Sache definitiv erfolgreich zu einem glücklichen Ende gekommen ist, an die Öffentlichkeit. Auch zum Schutz der Patientin», erklärt der Chirurg.

Replantation eines Oberarms

Das war ein aussergewöhnlicher Fall, auch für ihn. «Solche Verletzungen sehen wir ganz selten in der Schweiz.» Auf dem Weg zum ersten Arbeitstag ihrer Lehre verunfallte eine junge Jurassierin am Bahnhof und wurde von einem heranbrausenden Zug erfasst.

Ihr rechter Arm wurde beim Unfall fast komplett vom Oberkörper abgetrennt. Sofort wurde sie ins Inselspital in Bern geflogen und insgesamt 16 Stunden operiert. «Es war nicht bloss das Operationsteam mit den Spezialisten, das erfolgreich arbeitete», sagt Kissling.

«Bei einem solchen Fall muss die ganze Kette der Versorgung und Behandlung stimmen, damit das Ereignis positiv verlaufen kann: Die Rettung vor Ort, die Rega, der Notfalldienst, Narkoseärzte, Operationsteam, Pflege, Physio- und Ergotherapie, Rehabilitationsteam – alles muss wie ein Laufwerk ineinandergreifen, und das ist es genau, was mich an meinem Beruf auch so fasziniert.»

Kissling ist der erste Mediziner in seiner Familie. «Ich war mir immer sicher, dass ich Chirurg werden wollte.» Die Frage, warum er dabei das chirurgische Spezialgebiet der Gefässchirurgie gewählt hat: «Wenn ich schon reinschneide und zufällig ein Gefäss verletzte, wollte ich es auch selber wieder reparieren können», sagt er lachend.

2012 wurde Kissling zunächst Facharzt für Chirurgie. Zuletzt war er in dieser Funktion Oberarzt am Spitalzentrum Biel. Es folgte eine weitere Facharztausbildung zum Gefässchirurgen. Seit 2014 ist er als Oberarzt an der Universitätsklinik für Herz- und Gefässchirurgie am Inselspital Bern tätig und 2016 wurde ihm der Facharzttitel für Gefässchirurgie verliehen.

Tag und Nacht abrufbereit

Den Alltag eines Gefässchirurgen – wenn man hier von Alltag überhaupt sprechen kann – bilden in der Regel chirurgische Eingriffe, welche die Halsschlagader, die Bauchschlagader oder die Beinarterien betreffen. Auch solche Eingriffe geschehen sehr oft unter Notfallbedingungen.

Kissling muss daher Tag und Nacht abrufbar sein. «Ich wohne in Horriwil und bin in einer knappen halben Stunde an meinem Arbeitsort, sagt er. Eine ideale Distanz, denn wenn er Kenntnis von einem Notfall bekomme, reiche die Zeit, um rechtzeitig im Operationssaal zu sein. Operationen, welche Gefässe betreffen, dauern meist lange. «Die Heutige hat beispielsweise um 9 Uhr morgens begonnen und wird um 15 Uhr beendet sein».

Denn trotz allem Hightech im Gesundheitswesen sei seine Arbeit bei den offenen Operationen noch grösstenteils reine Handarbeit. «Wir brauchen da meist nur Messer, Schere, Nadeln und Fäden. Es gibt standardisierte Abläufe, doch immer wieder braucht es Improvisation und gute Kommunikation, denn jede Operation ist anders.»

Bald in Solothurn

Kissling arbeitet jetzt fünf Jahre in Bern und wird auf Anfang nächsten Jahres nach Solothurn ans Bürgerspital wechseln. Dort wird er als Leitender Arzt im Rahmen des neuen standortübergreifenden Gefässzentrums soH ein Team von Angiologen und Gefässchirurgen, welches an den Spitälern Solothurn und Olten tätig sein wird, stärken. «Darauf freue ich mich und ich verlasse Bern mit einem lachenden und einem weinenden Auge», sagt er.

Mit diesem Stellenwechsel rückt er auch näher an sein politisches Tätigkeitsfeld in Horriwil, wo er seit vier Jahren im Gemeinderat als Vizegemeindepräsident amtet. Kissling leitet das Ressort Bildung, Kultur, Freizeit und Sport. Der Vater von drei kleinen Mädchen (5, 7 und 9 Jahre) hat derzeit also nicht viel Zeit für Hobbys. «Früher war ich begeisterter Modellflieger», sagt er fast etwas wehmütig.

Doch er sei sehr gerne für seine Wohngemeinde tätig und dieses Engagement vertrage sich eigentlich gut mit seiner Arbeit im Spital. Ob er als Politiker weitere Ziele hat, kann Kissling momentan nicht sagen, er schliesst es aber auch nicht aus. «Auf jeden Fall bin ich momentan ausreichend beschäftigt», grinst er und verabschiedet sich freundlich.

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