Gemeindefusionen

Heimatort: Was steht künftig im Pass?

Auch Solothurn könnte bald mit vier anderen Gemeinden fusionieren. Die Frage nach dem Heimatort ist da für viele auch eine Frage der Identität. Andreas Kaufmann

Auch Solothurn könnte bald mit vier anderen Gemeinden fusionieren. Die Frage nach dem Heimatort ist da für viele auch eine Frage der Identität. Andreas Kaufmann

Bald wird in Solothurn und vier umliegenden Gemeinden über eine Grossfusion abgestimmt. Eine der brennenden Fragen: Wie steht es mit einem Heimatort, der als Gemeinde nicht mehr existiert?

Mal wieder typisch Schweiz: Der Heimatort ist eine helvetische Eigenheit. Für viele Schweizer ist er so was wie ein historisches Zubehör. Der Heimatort steht im Pass und muss von Zeit zu Zeit auf ein Behörden-Formular gekritzelt werden. Im Alltag spielt er jedoch keine Rolle mehr: Rechtliche Ansprüche kann niemand mehr an ihn richten, und Geld gibt es schon gar keins.

Was bleibt, ist die emotionale Bedeutung. Auch wenn Bürger häufig wenig mit ihrer amtlichen Heimat verbinden dürfte, bleibt sie ein Teil der persönlichen Identität. Es ist der Ort, aus dem eine Familie ursprünglich stammt. Man trägt ihn bis zum Lebensende – so war es zumindest bisher.

Denn: Wie steht es mit dem Heimatort, wenn die Gemeinde gar nicht mehr existiert? Immer mehr Gemeinden im Kanton Solothurn fusionieren. Sieben Fusionen gab es in den vergangenen zehn Jahren, 17 Gemeinden waren daran beteiligt. Und die grösste aller Fusionen ist erst noch in Planung.

Es ist kompliziert

Im Frühling 2016 sollen Solothurn, Biberist, Derendingen, Luterbach und Zuchwil über ihren Zusammenschluss abstimmen. Angenommen, die Fusion kommt zustande: Was würde künftig im Pass eines Bürgers von Zuchwil stehen? Und verliert jemand, der in Derendingen heimatberechtigt ist, einen Teil seiner Identität? Nein. In den fusionswilligen Ortschaften sind für das Bürgerrecht nämlich die Bürgergemeinden zuständig, und diese würden bei der Fusion unangetastet bleiben.

Das heisst: Wer etwa Bürger von Luterbach ist, bleibt weiterhin Bürger von Luterbach. Ein ziemlich raffinierter Schachzug eigentlich, denn damit werden gewisse Kritiker schon mal ausgebremst. Nicht selten wird der Verlust des alten Heimatorts als Argument gegen eine Gemeindefusion angeführt. Wer sich nach der möglichen Fusion in «Gross-Solothurn» einbürgern lassen will, wird dies voraussichtlich bei der Bürgergemeinde seines jeweiligen Ortsteils tun müssen.

Der Fall ist vergleichsweise einfach. Kompliziert wird es, wenn auch noch Einheitsgemeinden im Spiel sind: Gemeinden also, in denen Bürgergemeinde und Einwohnergemeinde bereits fusioniert haben. Dann wird es rasch schwer verdaulich, wie ein Beispiel aus dem Bucheggberg eindrücklich zeigt:

  • Die Einheitsgemeinde Oberramsern fusionierte 2010 mit den Einwohnergemeinden Messen, Balm bei Messen und Brunnenthal. Die neu fusionierte Einheitsgemeinde nennt sich Messen.
  • Weil die Bürgergemeinde Messen ebenfalls den Namen der neuen Einheitsgemeinde trägt, musste sie ihren Namen in Bürgergemeinde Alt Messen ändern. Die bisherigen Bürger von Messen sind fortan Bürger von Alt Messen. Derweil wurden die Bürger der Einheitsgemeinde Oberramsern zu Bürgern der Einheitsgemeinde Messen.
  • Die Bürgergemeinden Brunnenthal und Balm bei Messen bestehen weiterhin – und existierten damit auch künftig als Heimatort.

Eigentlich ein alter Zopf

Wer nach einer Gemeindefusion seinen Heimatort verliert, mag auch einen Teil seiner Wurzeln verlieren. Immerhin bleibt der lästige Papierkram erspart. «Betroffene müssen von sich aus nichts unternehmen», erklärt Dominik Fluri vom Solothurner Amt für Gemeinden.

Änderungen werden vom Zivilstandsamt automatisch vorgenommen.
Bleibt die Frage, warum es den Heimatort überhaupt noch braucht. Denn vor drei Jahren verlor diese Institution ihre letzte Bedeutung: die Pflicht, sich an den Sozialhilfekosten seiner heimatberechtigten Bürger zu beteiligen. Trotzdem stehe die Abschaffung derzeit nicht zur Diskussion, sagt Fluri.

Gerade die Bürgergemeinden haben weiterhin eine gewisse Bedeutung. Manche verwalten Wälder und Strassen, andere unterhalten Pflegeheime. Und mit etwas Glück wird am Bürgerfest eine Gratiswurst spendiert. Auch der Bund hält eisern am Heimatort fest. So will das Justizdepartement diesen weiterhin im Schweizer Pass aufführen. Zur Jahrtausendwende gab es Pläne, den Heimatort in offiziellen Dokumenten durch die Angabe des Geburtsortes zu ersetzen. Heute gibt es dafür offenbar keinen Grund mehr.

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