Fachstelle Kinderschutz
Häusliche Gewalt: Die Kinder leiden mit – manche werden auffällig

«Willkommen zu Hause» lautet der Titel einer Ausstellung, die nächste Woche zum Thema «Gewalt in Familie und Partnerschaft» in der Solothurner Jugendherberge gezeigt wird. Sie will für den Schutz von Opfer häuslicher Gewalt ein Zeichen setzen.

Elisabeth Seifert
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Patricia Flammer, die Co-Leiterin der Fachstelle Kinderschutz.

Patricia Flammer, die Co-Leiterin der Fachstelle Kinderschutz.

Bruno Kissling

In Zusammenarbeit mit mehreren Kooperationspartnern hat die Fachstelle Kinderschutz die Wanderausstellung nach Solothurn geholt. Die im Kanton Luzern konzipierte Ausstellung will ein Zeichen setzen für den Schutz der Betroffenen (siehe den Text unten). Dazu gehören auch Kinder und Jugendliche, die von häuslicher Gewalt immer mitbetroffen sind. Patricia Flammer, Co-Leiterin der Fachstelle, erläutert, was das für Kinder bedeuten kann.

Bis zu 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen erleben Gewalt im Alltag ihrer eigenen Familie. Wie kommen Sie auf diese hohe Zahl?

Patricia Flammer: Diese Zahlen gehen aus Studien hervor, die in den USA erstellt worden sind. Und gemeint ist damit, dass 10 bis 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen Zeugen werden von Partnerschaftsgewalt. Ähnliche Studien gibt es auch aus diversen europäischen Ländern. In der Schweiz sind mir keine Erhebungen bekannt. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, dass es hier anders sein sollte. Bei den genannten Untersuchungen handelt es sich um Dunkelfeld-Studien. Partnerschaftsgewalt, von der Kinder immer mitbetroffen sind, kommt viel öfter vor, als aus den Zahlen der Kriminalitätsstatistik hervorgeht. Die Anzahl polizeilicher Meldungen bildet nicht die Realität ab.

Die Ausstellung in der Jugendherberge: Wege aus der Gewalt aufzeigen

Häusliche Gewalt ist in der Schweiz verbreitet. Jede fünfte Partnerschaft ist betroffen und bis zu 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen erleben Gewalt im Alltag ihrer Familien. Die in Luzern konzipierte Ausstellung beleuchtet verschiedene Facetten des Themas. Angesprochen wird die Betroffenheit von Kindern, der Zusammenhang von Gewalt und Alkohol, Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen oder auch das Thema Zwangsheirat. Begleitet wird die Ausstellung in der Solothurner Jugendherberge am Dienstag, 28. April, um 18 Uhr von einer Podiumsdiskussion unter dem Titel «Gemeinsam im Einsatz gegen häusliche Gewalt».

Und am Mittwoch, 29. April, um 18 Uhr wird der Film «Risikokinder – bleibe stark, egal, was passiert» gezeigt. Die Ausstellung wird neben der Fachstelle Kinderschutz von folgenden Partnern mitgetragen: Kantonspolizei Solothurn, Amt für soziale Sicherheit, Frauenhaus Aargau-Solothurn, Beratungsstelle Opferhilfe Aargau Solothurn, Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden, Sozialregionen. (esf)

Ausstellung: Solothurner Jugendherberge, 28. April bis 4. Mai, von 10 bis 18 Uhr. Weitere Infos im Internet: www.kinderschutz-so.ch

Was bedeutet das für Kinder, Zeuge von Gewalt ihrer Eltern zu werden?

Partnerschaftsgewalt äussert sich auf ganz unterschiedliche Weise. Neben der körperlichen Gewalt gibt es ja auch psychische, sexuelle, soziale oder ökonomische Gewaltformen. Kinder und Jugendliche können davon direkt oder auch indirekt betroffen sein. Schlägt ein Mann seine Frau, kann ein Kind auch Schläge bekommen, weil es einfach im Weg steht. Auf alle Fälle aber ist es immer der gewaltbelasteten Atmosphäre ausgesetzt. Sehr direkt betroffen sind Kinder etwa auch dann, wenn der gewaltausübende Elternteil, häufiger ist das der Vater, seiner Partnerin den Geldhahn zudreht. Zu grosser Unsicherheit und Verlustängsten führt ein auch nur angedrohtes Tötungsdelikt – oder wenn aus anderen Gründen ein Elternteil plötzlich nicht mehr da ist.

Welche Folgen hat diese Mitbetroffenheit für die Zukunft der Kinder?

Es ist erwiesen, dass 20 bis 40 Prozent der Kinder, die Zeugen von Partnerschaftsgewalt werden, klinisch relevante Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Es kann zum Beispiel sein, dass es zu Ess- oder auch Schlafstörungen kommt. Auch massive Ängste, Schuldgefühle und Loyalitätskonflikte können die Folge sein. Hinzukommen kann eine eingeschränkte Entwicklung im kognitiven Bereich. Zudem kann die Mitbetroffenheit auch Auswirkungen auf die Fähigkeit haben, normale soziale Beziehungen einzugehen. Die Folgen können Kinder und Jugendliche unter Umständen ihr ganzes Leben lang belasten.

Werden diese Folgen von der Gesellschaft genügend ernst genommen?

Lange Zeit standen beim Thema Partnerschaftsgewalt die Frauen im Zentrum, und zwar als Opfer. Ausgeblendet wurde, dass auch Männer und eben Kinder Opfer sein können und Kinder immer mitbetroffen sind. Erst in den letzten Jahren sind diese Kinder verstärkt in den Fokus gerückt. Erst seit wenigen Jahren hat die Polizei die Pflicht, der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) zu melden, wenn Kinder bei Polizei-Interventionen wegen Partnerschaftsgewalt im Haushalt anwesend sind. Aus kantonalen Statistiken und Studien aus Deutschland ist bekannt, dass dies in 50 Prozent der Interventionen der Fall ist. Die Kesb klärt dann ab, ob die mitbetroffenen Kinder eine besondere Unterstützung brauchen. Polizei und Kesb müssen in diesem Bereich sehr gut hinschauen.

Die Solothurner Kriminalitätsstatistik zeigt in den letzten Jahren leicht steigende Zahlen bei den Verfahren wegen häuslicher Gewalt. Ein zunehmendes Problem also?

In der Schweizerischen polizeilichen Kriminalstatistik ist die Zahl der Anzeigen wegen häuslicher Gewalt in den letzen Jahren ziemlich konstant. Im Kanton hingegen gibt es vor allem von 2011 bis 2014 eine Steigerung. Das muss aber nicht zwangsläufig heissen, dass wir ein zunehmendes Problem haben. Es kann auch bedeuten, dass die Sensibilisierung in der Bevölkerung grösser geworden ist. Hoffentlich auch aufgrund von Präventionsbemühungen von verschiedenen Seiten.

Die Fachstelle für Kinderschutz beschäftigt sich vor allem mit Kindsmisshandlungen. Wie kommen Sie mit diesen Fällen in Kontakt?

Bei Kindsmisshandlungen geht es um psychische, physische und sexuelle Gewalt, bei der Kinder direkt das Opfer sind. Auch die Vernachlässigung von Kindern ist eine Form der Misshandlung, egal, ob diese willentlich oder aufgrund der Überforderung der Eltern geschieht. Die Aufgabe der Fachstelle ist es, Fachleute und auch Privatpersonen zu möglichen Vorgehensweisen zu beraten, wenn sie solche Fälle vermuten und sich sorgen. Zudem beschäftigen wir uns damit, wie wir Kindsmisshandlungen in ihren verschiedenen Formen verhindern können.

Wie schätzen Sie das Ausmass der Kindsmisshandlungen in der Schweiz – und auch im Kanton Solothurn ein?

Es ist sehr schwer, an genauere Zahlen heranzukommen. Es gibt die Kriminalstatistik und die Statistik der Opferhilfe. Diese aber zeigen wie im Bereich der häuslichen Gewalt nur die Spitze des Eisbergs. Zudem gehen die verschiedenen Statistiken auch nicht immer vom gleichen Gewalt- und Opferbegriff aus. Wirklich aussagekräftig sind nur Dunkelfeld-Studien, diese aber sind sehr selten in der Schweiz. Bekannt ist vor allem eine Untersuchung aus dem Jahr 2012, die Teenager dazu befragt hat, ob sie sexuelle Gewalt erlebt haben. Ein Viertel bis ein Drittel der Jugendlichen haben gemäss dieser Studie in irgendeiner Form sexuelle Übergriffe erfahren, von der verbalen Anmache im Internet bis hin zur Vergewaltigung.

Wer sind die Verursacher von Kindsmisshandlungen?

Im Bereich sexueller Gewalt kommen 50 Prozent der Täter aus dem sozialen Umfeld, 25 Prozent stammen aus dem engsten Familienkreis und weitere 25 Prozent sind Fremdtäter. In der Tendenz lässt sich dies wohl auch auf die anderen Formen von Kindsmisshandlungen übertragen.

Die Fachstelle Kinderschutz wird Ende Jahr aus Spargründen aufgelöst. Was heisst das für den Kinderschutz im Kanton Solothurn?

Unser Beratungsangebot wird auf verschiedene Stellen verteilt, auf die Opferhilfe etwa oder auch die Kesb. Auch einige Präventionsprojekte, die wir eingeführt haben, dürften weitergeführt werden. Dadurch aber, dass künftig eine solche spezialisierte Fachstelle fehlt, die auch Weiterbildung anbietet und vernetzt, besteht die Gefahr, dass das Thema in der Öffentlichkeit nicht mehr den gleichen Stellenwert besitzt. Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit und von Fachpersonen ist zentral, um die Misshandlung von Kindern bekämpfen zu können. Es braucht Menschen, die Zivilcourage haben und mögliche Fälle von Kindsmisshandlung bei den entsprechenden Stellen melden. Unser Vorteil ist auch das sehr niederschwellige Beratungsangebot. Bei uns melden sich Personen, die sich möglicherweise davor scheuen, bei der Kesb oder der Opferhilfe anzurufen.