Steuerreform
Hauptsitz nach Solothurn? Ypsomed-Chef äussert neue Drohungen und Lockrufe im Steuer-Poker

Die Medtech-Firma Ypsomed verschiebt bis zu 80 Stellen aus Burgdorf nach Solothurn. Werde der Kanton Bern nicht einen neuen Anlauf für Steuersenkungen unternehmen, könnten es mehr werden, sagt CEO Simon Michel. 30 andere Firmen könnten mitziehen.

Lucien Fluri
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Simon Michel denkt über eine Hauptsitzverlegung von Ypsomed von Burgdorf nach Solothurn nach.

Simon Michel denkt über eine Hauptsitzverlegung von Ypsomed von Burgdorf nach Solothurn nach.

pg/fg/mls

Als die Bernerinnen und Berner Ende November die Steuervorlage ablehnten, kündigte Ypsomed-CEO Simon Michel auf Twitter umgehend an, zu prüfen, ob er 50 bis 100 Stellen vom Hauptsitz in Burgdorf in den Kanton Solothurn verschieben wolle.

«Nur eine Frustreaktion?», wollte die «Berner Zeitung» von Michel wissen. Nein, antwortete dieser in einem am Freitag publizierten Interview. «Wir werden in den nächsten Monaten 60 bis 80 Stellen nach Solothurn verschieben, vielleicht sind es bis am Schluss 100 Stellen», sagte Michel, der selbst in der Stadt Solothurn wohnt und für die FDP im Solothurner Kantonsrat sitzt. Neben den Injektionspens werde Ypsomed nun die Produktion der Infusionssets in Solothurn konzentrieren.

Dies sei keine Abkehr vom Standort Burgdorf, so Michel. Es habe sich jedoch die Frage gestellt, ob man in Burgdorf einen neuen Bürotrakt bauen soll, «oder ob wir die bestehende Kapazitäten in Solothurn besser nutzen» können.

Ypsomed produziert in Solothurn auf dem früheren Ascom-Areal mit inzwischen bereits 450 Beschäftigten. «Wir haben nun die Mietverträge mit Drittunternehmen in unseren Räumen in Solothurn nicht verlängert, um für uns Platz zu schaffen, so Michel im Interview weiter.

Wichtig wird die Patentbox

Vorderhand bleibe der Hauptsitz jedoch in Burgdorf, so Michel. Dort hat Ypsomed in den letzten zwei Jahren 25 Mio. Franken investiert. So wurden eine hochmoderne Fertigung für Kunststoffspritzgusswerkzeuge realisiert, in ein neues Labor und in Büroräume investiert. Deshalb sollen, trotz des Zügelns von Stellen nach Solothurn, in zwei Jahren in Burgdorf wieder gleich viele Beschäftigte arbeiten wie heute, nämlich 600.

Allerdings spricht Michel auch eine offene Drohung an die Adresse der Berner Regierung aus: Sie müsse bei der Neuauflage der Steuervorlage forschende und entwickelnde Unternehmen bei der Patentbox ebenso stark steuerlich begünstigen, wie es der Kanton Solothurn vorsehe. «Dann werden wir neben dem Sitz auch die Entwicklung in Burgdorf behalten, die über 200 Ingenieure und die Verwaltung.»

Ansonsten sehe er vor, die Stellen nach Solothurn zu verschieben, so Michel, der angibt, Ypsomed bezahle rund 6 Mio. Franken Steuern in der Schweiz, davon die Hälfte in Bern. Die Steuerteilung zwischen Bern und Solothurn richte sich nach den Investitionen und der Lohnsumme an den Standorten. «Wenn wir nun mehr Angestellte in Solothurn aufbauen, dann müssen wir hier weniger Steuern zahlen. Der (Berner, Anm. d. Red.) Regierungsrat versteht einfach nicht, wie wichtig Unternehmenssteuern sind. Das ist der entscheidende Standortfaktor zwischen Bern und Solothurn.»

30 neue Firmen im Kanton?

Allerdings: Im Kanton Solothurn ist der tiefe Gewinnsteuersatz von 13 Prozent, mit dem Michel den Bernern droht, noch nicht in Stein gemeisselt. Das Volk muss die Vorlage im Mai an der Urne noch gutheissen. Dem Solothurner Stimmvolk rät Michel, die Vorlage anzunehmen. Er stellt dafür Neuansiedlungen in Aussicht. «Ich weiss von über dreissig Unternehmen, primär aus dem Kanton Bern, die sich Verlagerungen genau anschauen», so Michel.

«Solothurn ist für viele ein Thema.» Sollte die Vorlage in Solothurn aber abgelehnt werden, warnt er vor Wegzügen von Medtech-Firmen aus dem Kanton. «Das haben wir fundiert mit Studien abgeklärt.» Deshalb sei es nötig, trotz anfänglicher Verluste, die Steuern zu senken. Nach rund fünf bis acht Jahren werde Solothurn mit dieser Strategie letztlich mehr Einnahmen haben, so Michel.

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