Amtsgericht
Hat ihr der «Vergewaltiger» Ecstasy in den Wein gemischt?

Über eine Dating-Website lernten sich ein 35-jähriger Türke und eine 34-jährige Osteuropäerin kennen. Beim Treffen soll er sie unter Drogen gesetzt und vergewaltigt haben, sagt sie. Er erzählt eine andere Geschichte.

Bastian Heiniger
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Im Rotwein wurde Ecstasy nachgewiesen. Beide tranken davon.

Im Rotwein wurde Ecstasy nachgewiesen. Beide tranken davon.

thinkstock

Es gibt Gerichtsfälle, da ist von vornherein klar: Der Angeklagte ist schuldig. Die Verhandlung dreht sich dann lediglich um die Höhe der Strafe. Es gibt aber auch Verhandlungen, die wie Boxkämpfe verlaufen. Mal greift die eine Seite an, der Beschuldigte scheint geschlagen. Dann holt der Verteidiger aus, plötzlich scheint alles wieder unklar. Die Parteien ringen um die Wahrheit. So auch am Dienstag am Prozess am Amtsgericht Solothurn-Lebern.

War es Vergewaltigung oder einvernehmlicher Sex, Schändung oder experimentelles Liebesspiel? Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und allenfalls Schändung vor. Sie fordert eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren. Heute will das Gericht sein Urteil verkünden.

Er brachte eine rote Rose

In solchen Fällen gibt es zumeist zwei Versionen. Die Ausgangslage: Ein 35-jähriger Türke und eine 34-jährige Osteuropäerin schliessen im Herbst 2013 Bekanntschaft über eine Dating-Website. Bald tauschen sie ihre Handynummern aus, senden einander freizügige SMS, bald vereinbaren sie sich zu einem Treffen. Und zwar in der Wohnung des mutmasslichen Opfers, der Privatklägerin. Wein und Energydrinks soll er mitbringen.

Gegen 22 Uhr trift der Beschuldigte aus der Region Zürich in Grenchen ein. Mit Wein, Energydrinks und einer roten Rose. «Ich wollte sie ernsthaft kennen lernen», sagt er im Gerichtssaal. «Ich wollte keinen Sex beim ersten Treffen», sagt sie. «Höchstens küssen.» Zu beidem kommt es. Sie trinken Wein, sprechen über ihre Heimatländer, dann geht die Klägerin auf die Toilette. Als sie zurückkommt, trinkt sie nochmals Wein, plötzlich wird ihr schwindlig. Er beginnt sie zu küssen. Es ist das Letzte, woran sie sich erinnert. Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie nackt in ihrem Bett. Ihr Unterleib schmerzt. Der Beschuldigte sitzt im Wohnzimmer und telefoniert.

Sie erlitt Blutergüsse

Laut Staatsanwaltschaft hat ihr der Beschuldigte Ecstasy in den Wein gemischt, sie dann ungeschützt vergewaltigt und mit einem Vibrator rektal penetriert. Dabei erlitt sie verschiedene Blutergüsse an Armen, Ellenbogen und Hals. Das Opfer soll dabei teilweise bewusstlos gewesen sein.

Der Beschuldigte, der seit dreizehn Jahren in der Schweiz lebt und als Lastwagenfahrer arbeitet, erzählt im Gerichtssaal eine andere Geschichte: Sie habe ihn eingeladen, sei aufreizend gekleidet gewesen, habe ihm noch vor dem Wein einen Schnaps serviert und dann zu küssen begonnen. Als sie herummachten, kam er zum Orgasmus. Sie wollte aber mehr, nahm einen Vibrator, spielte damit und begann sich auch selbst zu schlagen – um ihm zu zeigen, dass sie es härter wünscht. So seine Version. Ihm verging dabei die Lust und bald wurde ihm übel. Er telefonierte einem Freund, dieser solle ihn in Grenchen abholen. «Sie wollte, dass ich bleibe.» Bei der Raststätte in Deitingen musste er sich schliesslich übergeben.

Wo liegt die Wahrheit?

Untersuchungen weisen bei ihm und bei ihr Ecstasy nach. Wolfgang Weinmann, forensischer Toxikologe an der Universität Bern, erstellte das Gutachten. Er sagt, Ecstasy wirke euphorisierend, mache empathisch. In der Regel wirke es aufputschend – ob es zur Bewusstlosigkeit führen könnte, wollte er weder bejahen noch verneinen.

Hat also sie Ecstasy in den Wein gemischt? Um sich gegenseitig aufzulockern? In den SMS vor dem Treffen fragte sie ihn, ob er für Experimente offen sei. Sie möge alle Positionen und auch Schläge auf den Hintern. Oder: Hat er ihr Ecstasy verabreicht, um sie gefügig zu machen – weil sie beim Treffen doch keinen Beischlaf wollte. Eindeutige Beweise fehlen. Weder bei ihm noch bei ihr konnte regelmässiger Ecstasy-Konsum nachgewiesen werden.

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