Solothurner Obergericht
Hat er 15-Jährigen «nur» Drogen abgegeben oder sich auch vergriffen?

Die zweite Instanz muss einen Fall aus dem Drogenmilieu beurteilen, in den auch drei 15-jährige Mädchen verwickelt waren. Francesco S. soll ihnen gratis Marihuana, Heroin und Kokain abgegeben und sich auch an ihnen vergriffen haben.

Simon Binz
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Francesco S. sagt aus, er habe den Mädchen nur aus Angst vor erneuter Vereinsamung gratis verschiedene Drogen abgegeben. (Symbolbild).

Francesco S. sagt aus, er habe den Mädchen nur aus Angst vor erneuter Vereinsamung gratis verschiedene Drogen abgegeben. (Symbolbild).

KEYSTONE/MARTIN RUETSCHI

Es war im Jahr 1998, als es für Francesco S. bergab ging: Er wurde von seiner Frau verlassen, rutschte in die Sozialhilfe, infizierte sich während einer kurzen Beziehung mit dem HI-Virus, verfiel den Drogen und begann in einer kleinen Wohnung in der Nähe von Olten zu vereinsamen.

Deswegen kamen dem Italiener die drei 15-jährigen drogenabhängigen Mädchen, die er 2010 kennen lernte und die ihm gelegentlich Gesellschaft leisteten, genau richtig. Er sah sie als Chance, um in seiner Drogenmisere zwischendurch menschliche Kontakte zu pflegen. Die Mädchen wollten aber etwas ganz anderes: sie bettelten darum, von seinen Drogen etwas abzubekommen.

Der gebrochene Mann konnte kaum Nein sagen und gab den Mädchen, aus Angst vor erneuter Vereinsamung, gratis Marihuana, Heroin und Kokain ab. So zumindest lautet die Version von Rudolf Montanari, dem amtlichen Verteidiger von Francesco S.

Dem gegenüber steht die etwas andere Version von Corinne Saner, Rechtsanwältin aus Olten, und Hansjürg Brodbeck, Solothurner Oberstaatsanwalt: Francesco S. ging es nicht nur um menschliche Nähe, sondern auch um körperliche. Die Drogen gab er den Mädchen gratis ab, damit er ein Machtgefühl über sie hatte und sie in seiner Schuld standen. Er war nur oberflächlich hilfsbedürftig, es ging eigentlich darum, seine eigenen Bedürfnisse zu stillen. Damit hat er eine vaterähnliche Situation ausgenutzt. Was genau war geschehen?

Verurteilung, aber kein Knast

Die Bekanntschaft zwischen den Mädchen und Francesco S. nahm am 6. September 2010 ein abruptes Ende. An diesem Tag soll Francesco S. mit zwei der Mädchen Geschlechtsverkehr und weitere sexuelle Handlungen vollzogen haben. Das eine Mädchen, Sofia I.*, soll derart mit Drogen vollgepumpt gewesen sein, dass sie ein Blackout erlitt, sich nicht mehr wehren konnte und in einem Zustand des Erstarrens befand.

So zumindest steht es in der Anklageschrift, die am 16. Januar 2014 beim Richteramt Olten-Gösgen einging. Vorgeworfen wurde Francesco S. Schändung, mehrfache sexuelle Handlungen mit einem Kind, mehrfaches Verabreichen gesundheitsgefährdender Stoffe an Kinder sowie mehrfache Vergehen und Übertretungen gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Im Oktober 2014 musste sich Francesco S. deshalb vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen verantworten. Dieses sprach ihn vom Vorwurf der Schändung und der mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind frei, in den anderen Punkten jedoch schuldig.

Das Verdikt: Unbedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten und eine Busse von 200 Franken. Die Strafe sollte aber wegen seines Drogenproblems zugunsten einer ambulanten medizinischen Massnahme aufgeschoben werden. Alle Parteien legten Berufung ein: Sofia I. möchte eine Verurteilung wegen sexueller Handlungen mit einem Kind, die Staatsanwaltschaft will Francesco S. im Gefängnis sehen und der Beschuldigte selbst möchte ein tieferes Strafmass. So kam es gestern zu der Verhandlung vor Obergericht.

Widersprüchliche Aussagen

Der jahrelange Drogenkonsum hat bei Francesco S. seine Spuren hinterlassen. Und dies nicht nur im Gesicht: Die starken Schmerzen in den Beinen zwingen den 47-Jährigen heute an Krücken zu gehen. Sichtlich erschöpft kämpfte er sich die Stufen zum Gerichtssaal hoch. Als zu Beginn der Verhandlung die Befragungen der Beteiligten stattfanden, wurde schnell klar, dass nichts Neues ans Licht kommen sollte.

So ging es nach kurzer Pause bereits zu den Plädoyers über: «Die Vorinstanz hat die Aussagen des Opfers auf der Suche nach Widersprüchen zerpflückt», sagte die Vertreterin von Sofia I., Rechtsanwältin Corinne Saner. Akribisch arbeitete sie sich durch die Aussagen ihrer Mandantin und versuchte dem Gericht so aufzuzeigen, warum es zwischen den Befragungen gewisse Abweichungen gibt. «Gerade diese Abweichungen bedeuten, dass es sich um reale Verhältnisse handelt», sagte sie schliesslich. Saner forderte deshalb eine Verurteilung und eine Genugtuung für Sofia I.

Oberstaatsanwalt Hansjürg Brodbeck sagte, dass sich das Gericht die Frage stellen müsse, wem es glauben schenke: «Dem Beschuldigten, der nicht sehr glaubhaft alles bestreitet, oder dem Opfer, das sich mehrfach widersprochen hat.» Es handle sich um einen Grenzfall. «Man kann genauso gut einen Freispruch wie auch einen Schuldspruch begründen, man muss aber die Thematik ändern.»

So würde im Falle eines Schuldspruchs nicht die Frage nach den Widersprüchen im Raum stehen, sondern ob es möglich wäre, dass die Schilderungen komplett erfunden wären. «Und dazu sind ihre Aussagen zu selbstbelastend und zu selbstkritisch.» Brodbeck forderte daher eine Verdoppelung der Strafe auf 30 Monate.

Der amtliche Verteidiger Rudolf Montanari zitierte hauptsächlich die verschiedenen Aussagen von Sofia I. und zweifelte so ihre Glaubwürdigkeit an. Weiter meinte er, dass dem Beschuldigten noch nie Sexualdelikte vorgeworfen wurden. «Hätte er eine entsprechende Neigung, wäre das schon früher aufgefallen. Sein Problem sind die Drogen und nicht eine fehlgeleitete Sexualität.» Montanari forderte eine «bedeutend» tiefere Strafe sowie die Beibehaltung der ambulanten Massnahme.

Die Urteilseröffnung findet heute Freitag statt.

*Name von der Redaktion geändert

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