Amtsgericht
Hat ein harter Sommer auf der Alp den Gewalttäter gebessert?

Markus N.* gab am Montag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern fast alle ihm vorgeworfenen Delikte zu. Nur seine Freundin will er nicht gewürgt haben.

Hans Peter Schläfli
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Seine Freundin sagt, er habe sie gewürgt, sie sei ohnmächtig geworden. Er sagt: «Es war nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen», bestreitet die Tat aber. Symbolbild

Seine Freundin sagt, er habe sie gewürgt, sie sei ohnmächtig geworden. Er sagt: «Es war nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen», bestreitet die Tat aber. Symbolbild

Hanspeter Bärtschi

Die Liste der Anklagepunkte war satte 21 Kapitel lang: Markus N.* musste sich am Montag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern wegen mehrfachen Raubes, Körperverletzung, Gefährdung des Lebens und vieler weiterer weniger schwerer Delikte verantworten.

Markus N. wuchs in zerrütteten Verhältnissen auf und kam früh mit Drogen in Kontakt. In den Jahren 2010 bis 2013 konsumierte er so ziemlich alles, was verboten ist. Er raubte in Solothurn älteren Frauen mit rücksichtsloser Gewalt die Handtaschen, beschimpfte und schlug einen Busfahrer, entwendete ein Auto und fuhr es zu Schrott. Das alles gab der Angeklagte bis auf einige Details im Sinne der Anklage zu.

Gutachter lobt und warnt

Seit eineinhalb Jahren befindet sich Markus N. im vorzeitigen Massnahmenvollzug, er hat den Entzug geschafft, geht in die Psychotherapie und arbeitete im Sommer auf einer einsamen Alp. «Die Arbeit ist hart und man ist viel allein», beschrieb er seine Situation. «Aber auf die Alp zu gehen, das war die beste Entscheidung, die ich je gemacht habe.» Jetzt träume er davon, eine Ausbildung im Pflegebereich zu machen. «Mein Fernziel ist die Betreuung von Süchtigen.»

«Diese Fortschritte sind ein sehr guter Erfolg», lobte der psychiatrische Gutachter Marc Graf den Angeklagten, schränkte aber sogleich ein: «Trotzdem besteht weiterhin ein erhöhtes Rückfallrisiko beim Drogenmissbrauch.» Markus N. brauche klare Leitplanken. Der Psychiater empfahl ein Weiterführen der Therapie. «Markus N. plant jetzt sehr grosse Schritte. Er wäre gut beraten, in einer relativ offen geführten, aber stationären Institution zuerst seine guten Fortschritte zu festigen.»

Häusliche Gewalt ist bestritten

Zu den Drogenproblemen kamen schwere Anschuldigungen seiner damaligen Freundin. Der Angeklagte habe sie stundenlang eingesperrt und mit Fäusten geschlagen. «Er hat mich mit beiden Händen gewürgt und in die Höhe gehoben, sodass ich die Füsse nicht mehr am Boden hatte», sagte die junge Frau. Irgendwann sei sie ohnmächtig geworden. Er habe ihr einen Glastisch über den Kopf geschlagen. «Ich hatte Angst, dass er mich umbringt, aber ich konnte nichts machen», erzählte Beatrice S.* dem Gericht. «Ich hatte eine Wunde am Kopf und überall war Blut.» Aber dass ihr Freund harte Drogen nahm, das habe sie nicht bemerkt.

«Es war nicht alles Friede, Freude Eierkuchen», beschrieb Markus N. seine Sicht der Dinge. «Aber ich bin der Meinung, dass ich nie ihr Leben gefährdet habe. Ich wollte, dass sie aus meiner Wohnung geht, dann schaukelte sich das auf. Sie schlug mich mehrfach ins Gesicht, bis ich mich aus Versehen gewehrt habe und sie auch geschlagen habe. Ich habe sie aber nie gewürgt.» Einen Tisch habe er seiner Ex-Freundin nie über den Kopf geschlagen.

Staatsanwalt zweifelt nicht

«Was uns das Opfer erzählt hat, erfindet niemand», sagte Staatsanwalt Marc Finger in seinem Plädoyer. «Sie hat diese Vorkommnisse so erlebt. Objektive Zweifel liegen nicht vor.» Dann ging der Staatsanwalt auf mehrere Bundesgerichtsentscheide ein, die sagen, dass das Würgen am Hals generell lebensgefährlich ist. Deshalb forderte er eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und zwei Monaten.

«Die Behauptungen weisen viele Widersprüche auf», konterte Rechtsanwältin Eveline Roos im Plädoyer der Verteidigung. Die Schläge mit der offenen Hand seien nur Tätlichkeiten gewesen. «So, wie sie es sagt, hätte sie im Spital behandelt werden müssen. Aber nicht einmal die von den Nachbarn alarmierte Polizei hat Verletzungen festgestellt. Das lässt staunen.»

Die Verteidigerin beantragte Schuldsprüche wegen mehrfachen Raubes und einigen der weniger gravierenden Delikte. Bei den Punkten der Körperverletzung und der Gefährdung des Lebens verlangte sie aber Freisprüche. Sie forderte eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten. «Mein Mandant hat einen guten Weg eingeschlagen, womit man vor ein paar Jahren nicht gerechnet hätte. Er ist bereit, seine Therapie weiterzuführen. Es wäre kontraproduktiv, wenn er jetzt in den Strafvollzug müsste.»

*Namen von der Redaktion geändert.